Darum werden manche Leute zum Superspreader – und manche nicht

  • Was macht den einen Corona-Infizierten zur Virenschleuder – und den anderen eben nicht?
  • Eine neue Studie hat in Experimenten nachgewiesen, dass nicht nur die Anzahl der Personen, Lüftungsmöglichkeiten und Abstands- und Maskenregeln entscheidend sind.
  • Auch das Alter und das Körpergewicht spielen eine Rolle, wenn es um die Aerosolmenge in geschlossenen Räumen geht.
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Nicht jeder ist wohl gleichermaßen ein Superspreader. Darauf deutet eine neue Studie von Forschern der Harvard University hin. Bestimmte körperliche Voraussetzungen – und zwar Fettleibigkeit und hohes Alter – könnten neben räumlichen und sozialen Faktoren ausschlaggebend dafür sein, wie viele Personen im direkten Umfeld eine akut ansteckende Person mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 infiziert.

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Schon länger ist klar, dass dicht gedrängte Personengruppen in geschlossenen Räumen, mit schlechter Belüftung und fehlendem Abstand eine ungünstige Voraussetzung in dieser Pandemie sind. Es kann dann zu den gefürchteten Superspreadingevents mit vielen Corona-Infizierten auf einen Schlag führen. Denn Sars-CoV-2 überträgt sich maßgeblich über die Tröpfcheninfektion und Aerosolübertragungen in der Luft von Mensch zu Mensch weiter. In Experimenten mit 194 gesunden Studienteilnehmern zeigten die US-Forscher nun, dass manche Menschen deutlich mehr Aerosole und Tröpfchen produzieren als andere – und dadurch wahrscheinlich auch eher zur Virenschleuder werden.

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Studie zeigt: Kinder sind „low spreaders“

Die Forscher konnten zeigen, dass ein Fünftel der Freiwilligen in den Experimenten im Schnitt mehr als 156 Partikel pro Liter ausgeatmeter Luft und damit für rund 80 Prozent der gesamten Partikelmenge im Raum verantwortlich war. Die Ergebnisse der Studie sind im Februar im Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“ erschienen.

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Wer ist Superspreader?
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Experimente mit 194 gesunden Studienteilnehmern zeigten, dass manche Menschen mehr Aerosole (Tröpfchen) produzieren als andere.  © Saskia Heinze/RND
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Bei der Suche nach möglichen Gründen für die erhöhte Aerosolmenge fiel auf, dass vor allem ältere Studienteilnehmer mit einem höheren Body-Mass-Index (BMI) mehr Atemtröpfchen produzierten. Jüngere Personen unter 26 mit einem BMI unter 22 wurden in der Studie hingegen als „low spreaders“ charakterisiert. Sie verteilten in den Experimenten weitaus weniger Partikel in der Luft. Keine Korrelation konnte mit dem Geschlecht hergestellt werden.

Die Studienurheber resümieren, dass Personen mit niedrigem BMI und Alter – einschließlich Kinder – das geringste Risiko haben, Superspreading-Events zu verursachen. Ausgeschlossen werden könne das aber nicht. Und eine Korrelation ist noch kein Beweis. Es bestehe grundsätzlich bei allen Personen ein Risiko für Übertragungen, weswegen gerade in Innenräumen bei Versammlungen die Hygieneregeln beachtet werden müssten, betonen die Forscher.

Superspreading im Raum: Auch Aufenthaltsdauer und Tätigkeit entscheidend

Neben der steigenden Lautstärke könnten auch individuelle Unterschiede zu einer verstärkten Freisetzung beitragen, vermerkt auch das Robert-Koch-Institut (RKI) in seinem Steckbrief zu Sars-CoV-2. Beim Atmen und Sprechen, aber noch stärker beim Schreien und Singen, würden Aerosole ausgeschieden. „Beim Husten und Niesen entstehen zusätzlich deutlich vermehrt größere Partikel.“ Grundsätzlich sei die Wahrscheinlichkeit einer Exposition gegenüber infektiösen Partikeln jeglicher Größe im Umkreis von ein bis zwei Metern um eine infizierte Person herum erhöht.

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Was sind Aerosole?
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Die Gefahr einer Coronavirus-Übertragung durch Aerosole in der Luft wurde zum Beginn der Pandemie nicht ernst genug genommen.  © RND

Bei längerem Aufenthalt in kleinen, schlecht oder nicht belüfteten Räumen könne sich die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung durch Aerosole auch über eine größere Distanz als 1,5 Meter erhöhen – „insbesondere dann, wenn eine infektiöse Person besonders viele kleine Partikel (Aerosole) ausstößt, sich längere Zeit in dem Raum aufhält und exponierte Personen besonders tief oder häufig einatmen.“ Das Risiko von Übertragungen im Freien sei bei Wahrung des Mindestabstandes aufgrund der Luftbewegung sehr gering.

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Der Schulbus als Virenschleuder?

Viele Debatten werden bei anstehenden möglichen Lockerungen zum Infektionsrisiko an Schulen und im Schulbus geführt. Ein Problem – vor allem mit Blick auf den Schulweg: Es fehlen konkrete Studien, die zeigen, wie genau sich Aerosole in Bussen und Bahnen verteilen und womöglich ein Infektionsrisiko darstellen. Klar ist aber: Masken, regelmäßiges Lüften, die Bildung fester Gruppen und ein entzerrter Schülerverkehr könnten einen Schulbetrieb unter Corona-Bedingungen möglich machen, bestätigte vergangene Woche ein gemeinsamer Leitfaden verschiedener wissenschaftlicher Fachgesellschaften, Experten und Vertreter aus dem Schulbereich.

Das Papier zur Prävention und Kontrolle von Corona-Übertragungen in Schulen wurde auch von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) vorgestellt. Bei hohen Corona-Zahlen wird eine Entzerrung des Schülerverkehrs und das Tragen von OP-Masken im Schulbus empfohlen. Inwiefern diese Entzerrung konkret an den Schulen in den einzelnen Bundesländern umgesetzt wird, ist allerdings nicht eindeutig geregelt.

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