Corona: Das kann ein „Superspreader“ im Fitnessstudio anrichten

  • Nach den Worten des SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach könnte Hallensport schon bald verboten werden.
  • Auch die Fitnessstudios bleiben wohl weiterhin geschlossen.
  • Im Interview erklärt der Kölner Sportmediziner Wilhelm Bloch, weshalb Sport für das Immunsystem wichtig ist, worauf es beim Indoortraining ankommt – und welche anderen Möglichkeiten es jetzt statt des Studios gibt.
Uwe Herzog
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Wie gefährlich ist das Training im Fitnessstudio? Um diese Frage ist ein heftiger Streit entbrannt. Mehrere Ketten haben gegen den aktuellen Lockdown Klage eingereicht – bislang erfolglos. Auch wissenschaftliche Studien beurteilen das Infektionsrisiko in den Centern unterschiedlich. Wilhelm Bloch ist Leiter der Abteilung Sportmedizin an der Deutschen Sporthochschule in Köln. Im Interview erklärt der Mediziner und Wissenschaftler, warum Sport für das Immunsystem so wichtig ist, worauf es beim Indoortraining ankommt – und welche Optionen es zum Fitnessstudio gibt.

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Herr Professor Bloch, viele Jüngere glauben, dass sie vor Corona geschützt sind, so lange sie sich fit halten. Stimmt das?

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Wilhelm Bloch: (lacht) Schön wär’s ja. Das Infektionsrisiko besteht in allen Altersgruppen. Egal ob Kind, Jugendlicher, Erwachsener oder älterer Mensch – niemand ist letztlich vor einer Infektion sicher. Aber: Das Virus verursacht im jüngeren Alter häufig nicht so starke Symptome wie bei Älteren. Das Spektrum reicht bei Corona grundsätzlich von einer leichten Infektion, die oft nicht mal bemerkt wird, bis hin zur notwendigen Behandlung auf der Intensivstation oder gar Erkrankungsformen, die zum Tod führen. Die Frage ist: Wie gut kann mein Körper mit der Infektion umgehen, wie erfolgreich wehrt sich mein Immunsystem gegen das Virus? Mit einer guten Immunabwehr lässt sich nicht nur die Infektion selbst besser überwinden. Auch die möglichen Begleitschäden an Organen wie Lunge, Herz oder Nieren lassen sich eher verhindern. Sportler sind davor recht gut gefeit.

Sportmediziner Wilhelm Bloch erklärt, wieso das Training im Fitnessstudio derzeit zur Gefahr werden kann.

Warum ist das so?

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Wir erforschen im Kölner Institut für Sportmedizin seit Jahren die Wechselwirkungen von Bewegung und Immunbalance und können klar sagen: Sport verändert das immunologische Gleichgewicht, so dass es seltener zu Infektionen mit schweren Krankheitsverläufen kommt. Die Entzündungen, die oft zu den Begleitschäden führen, wie wir sie bei Covid19 erleben, werden vor allem durch eine Überreaktion des Immunsystems verursacht. Sportliche Betätigung stärkt das Immunsystem und gleicht seine Reaktionen aus. Mit jedem Trainingstag setzen wir also eine kleine Entzündungsbremse im Körper. Je öfter und länger wir trainieren, desto besser funktioniert diese Bremse. Das schützt uns zwar nicht vor einer Infektion, aber es ist wahrscheinlicher, dass sie keinen schweren Verlauf nimmt.

Wenn Sportler eine Corona-Infektion oft gar nicht bemerken: Werden sie dann – zum Beispiel im Fitnessstudio – nicht zur Gefahr für andere?

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Möglicherweise ja. Die meisten Übertragungen erfolgen ja zu einem Zeitpunkt, an dem der ursprünglich Infizierte selbst gar nicht merkt, dass er infiziert ist. Die höchste Virenlast besteht dabei am Tag des Beginns der ersten Symptome – und auch am Tag davor. Sind zunächst vor allem die oberen Atemwege befallen, also der Mund-, Nasen- und Rachenraum, ist die abgegebene Virenzahl besonders hoch. Auch wer keine Symptome hat, kann daher trotzdem zum sogenannten Superspreader werden, der vor allem in Innenräumen andere Anwesende infiziert.

Einige internationale Studien sehen ein erhöhtes Infektionsrisiko beim Indoortraining, die Fitnessbranche selbst hält mit nur geringen Infektionszahlen dagegen. Was stimmt denn nun?

Innenraumtraining birgt immer ein potenzielles Risiko, klar. Das gilt aber auch für alle anderen Bereiche. Nur dort, wo niemand infiziert ist, ist die Ansteckungsgefahr null. Klar ist aber auch, dass die Fitnessstudios sich auf die veränderten Bedingungen durch Corona einstellen müssen. Mit einer Desinfektion der Geräte allein ist es sicher nicht getan.

Was müssen Fitnesscenter tun, um einen sicheren Betrieb zu garantieren?

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Zunächst dürfen die Besucher nicht mehr so dicht wie noch vor Corona nebeneinander trainieren. Um eine Infektion durch größere Speicheltröpfchen zu verhindern, empfehlen wir mittlerweile den Mindestabstand auf zwei Meter zu erhöhen, weil die Tröpfchen nach entsprechenden Studien weiterfliegen können als bislang geglaubt. Der wichtigste Punkt ist aber die Belüftung der Studios. Viren schweben als sogenannte Aerosole oft stundenlang im Raum. Die Atemluft gehört daher zu den Hauptübertragungswegen. Nur ein gut funktionierendes Zu- und Abluftsystem mit einem mindestens vier- bis sechsfachen Luftaustausch pro Stunde trägt die Aerosole weitgehend davon. Einfache Umluftanlagen dagegen verteilen die Virenlast lediglich, was Infektionen begünstigen kann.

Wie könnte eine Infektion im Fitnessstudio konkret ablaufen?

Die Intensität der Atmung spielt dabei eine große Rolle: Wir gehen im Ruhezustand von einem Atemvolumen von etwa acht bis zehn Litern pro Minute aus. Bei voller Belastung sind es minütlich zwischen 100 und 120 Liter Atemfülle. Dabei wird die komplette Lunge belüftet. Die Belastungsatmung ist also nicht nur schneller, sondern auch tiefer. Der Infektiöse stößt somit viel mehr Viren aus als im Alltag. Der Neuinfizierte atmet diese Viren wiederum viel tiefer in die Lunge ein. Dort verursacht das Coronavirus schließlich einen Vollangriff auf das tiefliegende Gewebe – mit der Gefahr, dass die Infektion nicht nur zu Atemnot führt, sondern auch ins Blut gehen kann und somit dann der Gesamtorganismus geschädigt wird. Das Worstcase-Szenario wäre: Ein Superspreader arbeitet mit hohem Luftaustausch am Gerät und füllt bei unzureichender Belüftung den ganzen Raum in kürzester Zeit mit einer so hohen Zahl von Viren an, dass sich andere leicht infizieren könnten. Selbst wenn sie am anderen Ende des Studios trainieren.

Sollten Ältere und andere Risikogruppen Fitnessstudios künftig lieber meiden?

Ich gehe davon aus, dass die Fitnessstudios ohnehin geschlossen bleiben, solange die Infektionszahlen in Deutschland weiter so stark ansteigen wie bisher. Sobald sie wieder öffnen, sollte man sich vor dem Training erkundigen, wie gut die Belüftung ist und ob die Abstände ausreichen. Außerdem würde ich empfehlen, die öffentlichen Duschen zu meiden, da in den engen und feuchten Räumen ebenfalls eine Virenübertragung durch Aerosole in der Atemluft begünstigt wird. Wenn aber alle Voraussetzungen erfüllt sind, sollte der Besuch im Fitnessstudio weitgehend risikolos sein. Meine Kinder gehen übrigens auch regelmäßig ins Fitnesscenter und werden es wohl auch tun, wenn die wieder geöffnet haben. Sie erkundigen sich aber vorher immer, wie gut die Vorkehrungen dort aktuell umgesetzt werden. Ich mache mir da eigentlich keine großen Sorgen. Manchmal gehe ich sogar mit.

Welche Optionen zum klassischen Fitnessstudio können Sie empfehlen?

Eine Möglichkeit ist, outdoor zu trainieren. Das geht auch im Winter, wenn das Wetter einigermaßen mitspielt und man sich warm anzieht. Ich selbst trainiere im Moment nur draußen und versuche dabei, ein möglichst komplexes Training hinzukriegen: Außer Laufen mache ich Sprungkrafttraining. Dazwischen sprinte ich draußen auch mal ein paar Treppen hoch und mache Liegestützen. Man kann auch einen Trainingspartner mitnehmen, dann ist man nicht so sehr auf sich selbst gestützt. Auch Gruppentraining macht draußen eine Menge Spaß, natürlich mit Abstand. Außerdem gibt es mittlerweile immer mehr Onlineangebote. Das reicht vom individuellen Personal-Coach bis zur eingespielten Yogagruppe, die sich eine Zeit lang eben per Videokonferenz trifft. Sportmuffel, die im Homeoffice arbeiten, können sich an einem Hometrainer oder Trainingsrad auspowern. Ein paar Dehnübungen oder Stepsprünge bringen aber auch schon was, um das Immunsystem beim täglichen Workout auf Vordermann zu bringen. Hauptsache, man kommt ins Schwitzen – und fühlt sich danach fitter.

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