Forschende kritisieren: Corona-Studien untersuchen selten Geschlecht und Genderaspekte

  • Obwohl sich das Coronavirus unterschiedlich auf Frauen und Männer auswirkt, stellt die große Mehrzahl der klinischen Corona-Studien weder einen Bezug zum biologischen noch zum sozialen Geschlecht her.
  • Das hat ein internationales Forschungsteam der Uni Bielefeld festgestellt.
  • Dabei sei die geschlechts­spezifische Forschung ein unerlässlicher Schritt in Richtung personalisierte Medizin.
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Das Corona-Virus trifft nicht alle Menschen gleich, so viel ist mittlerweile klar. Alter, Wohnort, Vorerkrankungen und auch das Geschlecht spielen eine entscheidende Rolle dabei, ob man sich ansteckt – und wie schwer die Infektion verläuft. Beim Schutz vor dem Virus ist es entscheidend, diese Faktoren mitzubedenken, um eine möglichst wirksame Therapie und Prävention zu gewährleisten. Eine große Mehrzahl der laufenden klinischen Sars-CoV-2- und Covid-19-Studien stellt allerdings gar keinen Bezug zu Geschlecht und Gender her – das hat nun ein internationales Forschungsteam der Universität Bielefeld festgestellt. Die Studie wurde in „Nature Communications“ veröffentlicht.

Dafür haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammen mit dem Radboud University Medical Center sowie den Universitäten Aarhus und Kopenhagen fast 4500 internationale Studien untersucht. Das Ergebnis: Nur 4 Prozent beziehen Gender und Geschlecht ausdrücklich in die Untersuchungen mit ein.

Männer erkranken schwerer und sterben häufiger

Dabei ist beispielsweise inzwischen deutlich geworden, dass Männer eine deutlich schlechtere Prognose als Frauen haben. Sie erkranken oft schwerer an Covid-19 und sterben häufiger. Warum das so ist, ist unklar. Vermutet wird etwa, dass Männer allgemein ungesünder leben und später zum Arzt oder zur Ärztin gehen als Frauen. Eine mögliche Konsequenz wäre aber, dass – je nach Geschlecht – auch eine unterschiedliche Behandlung erfolgen müsse, teilen die Forschenden der Uni Bielefeld mit.

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Ebenfalls bestehe ein Zusammenhang zwischen der sozialen Geschlechterrolle, also Gender, und der Ansteckungs­wahrscheinlichkeit. Denn Frauen seien häufiger in Berufen tätig, die viel Kundenkontakt erfordern. Auch Pflegeberufe sind überdurchschnittlich häufig mit Frauen besetzt. Eine Corona-Ansteckung durch Kontaktreduzierung zu vermeiden, ist vielen also gar nicht möglich.

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Fokus auf Schwangerschaften

Die Prozentzahlen der untersuchten Studien, die Gender oder Geschlecht – wenn auch nur am Rande – thematisieren, bewegen sich im unteren einstelligen Bereich. Nur 4 Prozent planen das soziale und biologische Geschlecht als Variable ein, 5,4 Prozent planten repräsentative Stichproben oder hoben die Bedeutung der Geschlechter­unterschiede hervor. In 2,8 Prozent der Studien waren die Probandinnen und Probanden ausschließlich männlich oder weiblich. Dabei befassten sich Studien mit dem Fokus auf Frauen meist damit, wie eine Corona-Infektion den Ausgang von Schwangerschaften beeinflusst.

Als möglichen Grund für die Vernachlässigung von Geschlecht und Gender geben die Forschenden aus Bielefeld den hohen Zeitdruck an. „Manche Forschenden befürchten, sie müssten mehr Probandinnen und Probanden einbeziehen, wenn ihre Studie Geschlechts­unterschiede berücksichtigen soll“, sagt Co-Autorin Sabine Oertelt-Prigione laut einer Mitteilung der Universität. „Diese Forschenden nehmen an, dass die Zusammenstellung der Untersuchungsgruppe dadurch länger dauert. Insbesondere in der frühen Phase der Pandemie haben sie unter hohem Zeitdruck gearbeitet.“

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Gender hat hohe Bedeutung für klinische Forschung

Oertelt-Prigione betont die grundsätzliche Bedeutung von Geschlecht und Gender in der klinischen Forschung – und verweist auf die Erkenntnisse der vergangenen Jahre bezüglich Gendermedizin: „Wir sehen zunehmend, dass Frauen und Männer auf die Behandlung mit Medikamenten unterschiedlich reagieren. Wenn dieser Zusammenhang in Studien ignoriert wird, kann das langfristig zu ernsthaften, ungewollten Nebeneffekten führen“, sagt sie.

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„Die Geschlechterunterschiede in den Blick nehmen hat bei Covid vielfach dazu beigetragen, die Infektion besser zu verstehen. Es wird uns auch helfen, die medizinischen Behandlungen zu verbessern. Unterschiede in Bezug auf das Geschlecht zu berücksichtigen ist ein unerlässlicher Schritt in Richtung einer personalisierten Medizin.“

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