Corona: Streit über die „Pandemie der Ungeimpften“

  • Corona sei zu einer „Pandemie der Ungeimpften“ geworden, heißt es oft.
  • Aber stimmt das? Aktuelle Zahlen zeigen: Geimpfte haben auch weiterhin einen Anteil am Infektionsgeschehen und der Belegung der Krankenhäuser.
  • Die Ständige Impfkommission empfiehlt eine Corona-Auffrischungsimpfung für über 70-Jährige.
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Maßnahmen wie die 2G- oder 3G-Regel werden von der Politik damit begründet, dass Geimpfte kaum noch Einfluss auf das Infektionsgeschehen hätten. Auch für Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ist klar, dass es sich inzwischen um eine „Pandemie der Ungeimpften“ handelt. Die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht hingegen kritisiert den Begriff als „üble Stimmungsmache“. Falls sich der Trend bei den Impfdurchbrüchen weiterhin fortsetze, würden bald überwiegend doppelt Geimpfte erkranken.

Doch welche Gefahr besteht für Geimpfte wirklich noch und welchen Anteil haben sie am Infektionsgeschehen? Hierbei gilt es, zwei Dinge zu unterscheiden: einerseits die Wahrscheinlichkeit, mit der sich Geimpfte noch infizieren und das Virus weitergeben können. Und andererseits ihr Risiko, weiterhin schwer zu erkranken.

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So viele Impfdurchbrüche treten in den Altersgruppen auf

Das Robert Koch-Institut (RKI) war zu Beginn der Impfungen davon ausgegangen, dass sich Geimpfte kaum noch infizieren. Diese hätten „keinen nennenswerten Anteil“ mehr am Infektionsgeschehen, hatte das Institut angenommen. Das allerdings trifft schon seit einiger Zeit nicht mehr zu, wie eine Veröffentlichung aktueller Daten des Instituts zeigt.

So kamen Impfdurchbrüche in den ersten Monaten nach Beginn der Impfungen zwar tatsächlich noch selten vor: Betrachtet man den Gesamtzeitraum bis zum 13. Oktober seit Impfbeginn, waren bei den über 60-Jährigen daher nur rund 12 Prozent der symptomatischen Corona-Infektionen Impfdurchbrüche.

Doch mit dem Nachlassen des Impfschutzes und dem Auftreten der Delta-Variante hat sich das Geschehen verändert. So treten in der Altersgruppe ab 60 Jahren mittlerweile (Daten der Kalenderwochen 37 bis 40) bereits rund 55 Prozent der symptomatischen Neuinfektionen bei vollständig Geimpften auf. Dabei sind inzwischen knapp 85 Prozent der Senioren und Seniorinnen vollständig gegen Covid-19 geimpft.

Bei den 18- bis 59-Jährigen entfiel zwischen der 37. und 40. Kalenderwoche fast ein Drittel der symptomatischen Neuinfektionen auf Geimpfte. In dieser Altersgruppe sind mittlerweile rund 72 Prozent vollständig geimpft, wie aus Daten des RKI hervorgeht. Die Tendenz der Impfdurchbrüche ist bei den über 60-Jährigen und den 18- bis 59-Jährigen steigend.

Die gemeldete Zahl der asymptomatischen Infektionen bei Geimpften und Ungeimpften wird zwar von einigen Bundesländern, vom RKI hingegen nicht veröffentlicht. Weil sie statistisch nicht aussagekräftig sei, wie das Institut auf Nachfrage des RND mitgeteilt hat. Und zwar ganz einfach deshalb, weil sich Geimpfte ohne Symptome kaum testen lassen und so gar nicht erfasst würden.

Auch Geimpfte können andere anstecken

Inzwischen aber haben die Hersteller selbst neue Daten veröffentlicht: Biontech/Pfizer gaben vor Kurzem an, dass der Schutz vor Infektionen mit der Delta-Variante (symptomatisch oder asymptomatisch) vier Monate nach der Impfung bei etwa 53 Prozent liege. Bekannt ist inzwischen auch: Sobald sie sich infizieren, haben Geimpfte eine ähnlich hohe Viruslast wie Ungeimpfte, sie können also auch andere anstecken.

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Allerdings ist der Zeitraum, in dem Geimpfte infektiös sind, wahrscheinlich etwas kürzer. Zur Verbreitung des Virus also tragen auch Geimpfte weiterhin bei. Ein Grund, warum auch bei hohen Impfquoten keine Herdenimmunität erreicht würde und das Coronavirus nicht mehr verschwinden wird. Stattdessen gehen Experten und Expertinnen inzwischen davon aus, dass das Virus auch weiterhin endemisch auftreten wird.

Beim Schutz vor schweren Verläufen hingegen gibt es größere Unterschiede. Eine vor wenigen Tage veröffentlichte Studie aus Frankreich hatte ergeben, dass eine Impfung mit den Impfstoffen von Astrazeneca, Biontech/Pfizer oder Moderna gut vor schweren Verläufen schützt. Demnach sank das Risiko, wegen Covid-19 ins Krankenhaus eingeliefert zu werden, bei über 50-jährigen Geimpften um mehr als 90 Prozent. Untersucht wurde ein Zeitraum von bis zu fünf Monaten nach der Impfung und es wurden dabei noch nicht die Auswirkungen der Delta-Variante auf den Impfschutz berücksichtigt.

In einer gesonderten Auswertung zeigte sich, dass der Schutz in der Hauptrisikogruppe der über 75-Jährigen bereits zu sinken begann und bei 84 Prozent lag, als die Delta-Variante in Frankreich zu dominieren begann. Danach endete der Beobachtungszeitraum. Die Autoren und Autorinnen weisen deshalb darauf hin, dass der Einfluss der Delta-Variante auf den Impfschutz anhand der vorliegenden Daten noch nicht sicher beurteilt werden konnte.

Viele Geimpfte im Krankenhaus

Bei der Belegung der Krankenhäuser und Intensivstationen in Deutschland zeigt sich jedenfalls, dass vollständig Geimpfte einen wachsenden Anteil an den Covid-19-Patientinnen und -Patienten ausmachen. So waren von den über 60-jährigen Covid-19-Patienten und -Patientinnen im Krankenhaus zuletzt rund 40 Prozent geimpft, wie eine aktuelle Auswertung des RKI (Kalenderwochen 37 bis 40) zeigt.

Das gleiche galt in dieser Altersgruppe für rund 29 Prozent der Covid-19-Patienten und -Patientinnen auf den Intensivstationen und rund 35 Prozent der an oder mit Covid-19 Gestorbenen. Die Tendenz war in den letzten Wochen steigend, was auf eine weitere Abnahme des Impfschutzes mit der Zeit hindeuten könnte. Die Ständige Impfkommission rät Menschen, die älter als 70 Jahre sind, zu einer Auffrischungsimpfung. „Im höheren Alter fällt die Immunantwort nach der Impfung insgesamt geringer aus, und Impfdurchbrüche können häufiger auch zu einem schweren Krankheitsverlauf führen“, begründet die Stiko ihre Entscheidung.

Der hohe Anteil Geimpfter an den Erkrankten vor allem in den höheren Altersgruppen hat aber nicht nur mit einem nachlassenden Impfschutz zu tun. Er zeigt vielmehr, dass das Alter nach wie vor mit der wichtigste Risikofaktor für einen schweren Verlauf ist. Er wiegt so stark, dass das Risiko schwer zu erkranken bei älteren, geimpften Menschen immer noch höher sein könnte als bei jüngeren Ungeimpften.

In jedem Fall lässt sich sagen, dass Geimpfte, auch wenn sie vor schweren Verläufen geschützt sind, weiterhin zum Infektionsgeschehen beitragen. Und dass sich Infektionen bei Geimpften bei einer möglichen neuen Welle auch auf die Belegung der Krankenhäuser auswirken würden.

Anmerkung der Redaktion: Im Zuge unserer journalistischen Qualitätsprüfung haben wir den Text am Donnerstagvormittag (21.10.21, 10:58 Uhr) noch einmal überarbeitet, an einigen Stellen Erläuterungen geschärft, Links hinzugefügt und andere Teile gekürzt.

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