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Corona-Strategie für 2021: Forscher fordern klare Fallzahlziele für ganz Europa

  • Impfungen werden frühestens Ende 2021 zu ausreichend Effekten in der breiten Bevölkerung führen, prognostizieren Wissenschaftler.
  • Wie kommen Deutschland und Europa bis dahin besser durch die Corona-Pandemie?
  • Forscher haben in einem neuen Positionspapier einen Fahrplan entwickelt, der die Infektionszahlen zum Fallen bringen und niedrig halten könnte.
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Die Rufe nach Langzeitstrategien sind in Deutschland mit dem seit Mittwoch geltenden verschärften Lockdown erneut lauter geworden. Konkrete Vorschläge haben nun Wissenschaftler aus ganz Europa gemeinsam erarbeitet. Sie fordern „eine starke, koordinierte europäische Antwort mit klar definierten mittel- und langfristigen Zielen“. So heißt es in einem gemeinsamen Aufruf, der sich an die EU-Politik und Entscheidungsträger in den Mitgliedsstaaten richtet. Das Schreiben wurde am Samstag auch in der Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht.

„Die oberste Prämisse sollte sein, in ganz Europa niedrige Fallzahlen zu erreichen und zu erhalten“, erläuterte Viola Priesemann, die Initiatorin des mit Virologen, Epidemiologen, Modellierern und Ökonomen erarbeiteten Positionspapiers bei einem Gespräch mit dem Science Media Center (SMC). Dafür brauche es klar definierte Zielvorgaben – die es in der Form bislang noch nicht gebe. Angesichts offener Grenzen könne kein Land allein die Infektionszahlen niedrig halten, gemeinsames Handeln sei essenziell. Die Physikerin erarbeitet am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen Szenarien zum Pandemieverlauf.

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Dass eine Strategieausrichtung auf konsequentes Niedrighalten von Fallzahlen inzwischen breiten wissenschaftlichen Konsens ausmacht, verdeutlicht die lange Liste der Unterzeichner aus verschiedensten Disziplinen. Bislang haben über 300 Wissenschaftler aus ganz Europa unterschrieben (Stand 19. Dezember). Auch aus Deutschland sind prominente Gesichter der Pandemiebekämpfung dabei – unter anderem die Virologen Christian Drosten, Sandra Ciesek und Melanie Brinkmann, RKI-Chef Lothar Wieler, die Modellierer Dirk Brockmann und Michael Meyer-Hermann, Ethikratsvorsitzende Alena Buyx und Leopoldina-Präsident Gerald Haug.

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Oberstes Ziel: Corona-Infektionen auf niedriges Niveau bringen

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Fehlten zu Beginn der Corona-Pandemie noch die Beweise, liege dem Aufruf zufolge inzwischen eine „überwältigende wissenschaftliche Evidenz“ dafür vor, dass nicht nur für die öffentliche Gesundheit, sondern auch für die Gesellschaften und Volkswirtschaften niedrige Corona-Fallzahlen von großem Nutzen sind. Einige Vorteile, wenn das erneut geschafft werde: weniger Menschen sterben oder erleiden Langzeitfolgen durch Covid-19. Die Nachverfolgung mittels Testen, Isolieren und Kontaktnachverfolgung funktioniert wieder. Auch die Wirtschaft profitiere, die Bevölkerung sei weniger verunsichert – und die Politik müsse bei klaren Zielvorgaben nicht überhastete, plötzliche Änderungen beschließen.

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„Wenn wir nicht jetzt entschlossen handeln, ist mit weiteren Infektionswellen zu rechnen, und als Konsequenz mit weiteren Schäden für Gesundheit, Gesellschaft, Arbeitsplätze und Betriebe“, heißt es. Auch wenn Impfstoffe helfen, das Virus unter Kontrolle zu bringen, sei damit aber „nicht vor Ende 2021″ zu rechnen.

Nach den Erfahrungen aus dem Frühjahr, Sommer und den letzten Monaten sollte die europäische Strategie den Forschern zufolge deshalb zentrale Kernpunkte enthalten:

1. Fallzahlen senken – mit gebündelt harten Maßnahmen

Die neue Kennzahl: zehn – statt 50. Bis zum Frühjahr sollte das Infektionsgeschehen so weit eingedämmt sein, dass es maximal zehn neue Infektionsfälle pro eine Million Menschen am Tag gibt. Auch der R-Wert, eine statistische Größe zum Einordnen der Wirkung durch Maßnahmen, müsse konstant unterhalb von der kritischen Marke eins bleiben. Nur wie? Priesemann hat schon mehrmals darauf hingewiesen, dass viele Länder vorgemacht haben, dass das Senken hoher Zahlen in relativ kurzer Zeit grundsätzlich klappen kann. „Es ist auch hinreichend bekannt, wie man die Fallzahlen herunterbekommen kann“, betonte sie beim SMC-Gespräch. Irland sei ein gutes Beispiel, auch Österreich, Frankreich, Israel und Australien hätten das vorgemacht.

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Zwei Dinge seien beim Durchsetzen von Maßnahmen elementar: nicht zu früh stoppen, weil ansonsten der Erfolg verspielt werde. Und nur mehrere Maßnahmen gebündelt zeigten bei einem hohen Infektionsgeschehen, wie Mitte Dezember in Deutschland, schnell Wirkung. „Es bringt wenig, beispielsweise nur die Restaurants zu schließen“, verdeutlicht Priesemann. Der Effekt würde verpuffen. Es müssten also alle Bereiche gleichzeitig mitziehen. Heißt konkret: beispielsweise zusätzlich nur noch zwei feste Kontakte im Privaten pflegen, Homeoffice noch stärker nutzen, Schulen bis zum erreichten Ziel schließen, den öffentlichen Verkehr meiden.

2. Frühwarnsystem für Lockerungsphase etablieren

Sobald die Fallzahlen niedrig sind, könnten die Beschränkungen – unter sorgfältiger Überwachung – gelockert werden. Schulen und Betriebe könnten geöffnet werden. Standard blieben aber Maske tragen, erhöhte Hygiene, weiterhin weniger Kontakte. Um einen erneuten Anstieg der Fallzahlen rechtzeitig zu erkennen, brauche es auch bei niedrigen Fallzahlen die Kontaktnachverfolgung und Isolierung Infizierter durch die Gesundheitsämter und „mindestens 300 Tests pro eine Million Einwohner pro Tag“.

Komme es lokal zu größeren Ausbrüchen – wie etwa im Sommer beim Fleischbetrieb Tönnies in Gütersloh – brauche es vor Ort schnell härtere Maßnahmen: Reisebeschränkungen, gezielte Tests und möglicherweise regionale Absperrungen – bis der niedrige Infektionswert von zehn auf eine Million wieder erreicht sei.

3. Ziele zu Fallzahlen, Impfungen und Schutzmaßnahmen in Plänen festhalten

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Die Wissenschaftler fordern die Entwicklung von „kontextabhängigen regionalen und nationalen Aktionsplänen, sowie von Zielen auf europäischer Ebene, abgestuft nach der Zahl der Covid-19-Fälle”. Bausteine seien auch konkret festgelegte Strategien zu Impfungen, zum Schutz von Risikogruppen und zur Unterstützung derer, die am stärksten von der Pandemie betroffen sind.

4. Europaweit gleichzeitig Maßnahmen koordinieren

Reisen im eigenen Land wie auch ins Ausland sei in der Pandemie problematischer als bislang kommuniziert – insbesondere die Infektionsketten in Grenzregionen zeigten das. Deshalb schlagen die Wissenschaftler im Forderungsschreiben vor: „Um einen Ping-Pong-Effekt von importierten und reimportierten Covid-Infektionen zu vermeiden, sollten die Bemühungen um niedrige Fallzahlen in allen europäischen Ländern synchronisiert sein und so schnell wie möglich beginnen.“ Die Koordination der Maßnahmen erlaube, dass die europäischen Grenzen offen bleiben könnten.

5. Klare Kommunikation mit den Menschen

Die Ziele und Vorteile niedriger Fallzahlen müssten klar kommuniziert werden, damit alle mitwirken. „Der Erfolg aller Maßnahmen hängt entscheidend von der Kooperation und Beteiligung der Bevölkerung ab“, heißt es im Schreiben. Würden die wirtschaftlichen und sozialen Vorteile niedriger Fallzahlen klar kommuniziert, erhöhe das auch die Kooperationsbereitschaft. „Es ist wichtig, dass sich niemand alleingelassen fühlt“, betont Mitunterzeichnerin Prof. Barbara Prainsack vom Institut für Politikwissenschaft an der Universität Wien.







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