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Niedrige Todeszahlen, trotz steigender Fallzahlen: Warum sterben gerade so wenig Menschen an Corona?

  • In Deutschland steigt die Zahl der Corona-Infizierten.
  • Doch gleichzeitig ist die Zahl der Todesfälle geringer.
  • Laut Virologe Christian Drosten ist dieser Umstand vor allem auf zwei Faktoren zurückzuführen.
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Die Bilder haben sich eingebrannt: Als im Frühjahr das Coronavirus in Italien wütete, rückte die Armee mit Lastwagen an, um Särge abzutransportieren. Die Bestattungsunternehmer waren schlicht überfordert angesichts der vielen Toten. Von italienischen Verhältnissen war Deutschland zwar selbst zu Corona-Hochzeiten weit entfernt, doch jetzt, sechs Monate später, steigen die Fallzahlen auch hierzulande wieder - allerdings sind die Todeszahlen im Vergleich zum Frühjahr gering. Ist das Virus möglicherweise harmloser geworden?

Zunächst die nackten Zahlen: Grundsätzlich gilt, dass der Anteil der tödlichen Corona-Verläufe in Deutschland tatsächlich gesunken ist. Ein Prozent aller Infizierten stirbt nach aktuellen Angaben des Robert-Koch-Instituts. Ende April war der Wert sieben Mal so hoch, damals starben 7 Prozent aller Infizierten. Eine deutliche Abnahme, urteilte jüngst Christian Drosten, Chefvirologe der Berliner Charité.

Ist also vielleicht das Virus harmloser geworden, etwa weil es in eine schwächere Variante mutiert ist? Darauf gibt es zumindest Hinweise, sagte vor einiger Zeit etwa der Direktor der Virologie am Uniklinikum Essen, Prof. Ulf Dittmer. Auch aus Singapur liegen Studien vor, denen zufolge es mittlerweile weniger gefährliche Corona-Viren gibt.

Mutationen spielen kaum eine Rolle

“Das sind aber sehr lokal auftretende Veränderungen und Infektionsketten”, ist Dittmer überzeugt. “Diese Prozesse, dass ein bestimmter Virustyp einen anderen weltweit ersetzt, dauern häufig Jahre.” Auch Drosten glaubt nicht, dass eine Mutation der Grund für die vielen harmloseren Krankheitsverläufe ist. “Es ist unwahrscheinlich, dass sich das Virus verändert hat und weniger gefährlich geworden ist”, schrieb der Virologe jüngst.

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Laut Drosten hat die niedrigere Sterblichkeit vor allem zwei Gründe: “Erstens erkranken aktuell jüngere Menschen und zweitens wird breiter getestet. Letzteres bedeutet, dass auch mildere Fälle erkannt werden”, schrieb Drosten jüngst auf Twitter. “Wenn sich wieder vermehrt ältere Menschen anstecken, werden wieder mehr schwere Fälle und Todesfälle auftreten”, zeigte sich Drosten überzeugt.

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Dass die Zahlen wieder auf frühere Niveaus klettern, ist trotzdem nicht gesetzt. Zumindest die Statistiken deuten darauf hin, dass auch ältere Menschen mittlerweile seltener an den Folgen einer Corona-Infektion sterben. “Ihre Sterblichkeit ist deutlich höher als die der jüngeren, aber sie ist von anfangs 30 Prozent auf zehn Prozent bei den neuesten Daten gefallen,” sagte jüngst der Statistiker Jason Oke von der Oxford Universität gegenüber dem Deutschlandfunk. Oke hat zuletzt immer wieder die Sterblichkeitsstatistiken in Deutschland untersucht.

Ärzte haben mehr Erfahrung

Der Grund für die niedrigere Sterblichkeit auch bei älteren Menschen ist letztendlich noch unklar. Einiges spricht aber dafür, dass Ärzte mittlerweile besser mit dem Virus umgehen können. Während Mediziner bei Ausbruch der Pandemie nicht wussten, welche Medikamente und Behandlungsmethoden helfen, hat sich das geändert. Mit Dexamethason und Remdesivir stehen nun etwa Wirkstoffe zur Verfügung.

“Trotzdem würde ich nicht sagen, dass diese beiden Medikamente jetzt ein großer Durchbruch in der Behandlung dieser Erkrankung sind”, sagte jüngst die Infektiologin Maria Vehreschild vom Universitätsklinikum Frankfurt im Deutschlandfunk. Die besseren Medikamente sind ihr zufolge aber nur ein Baustein, “das große Ganze, das ist vor allem die klinische Erfahrung, die die Ärzte gewonnen haben”, meint Vehrenschild.

Ihr zufolge ist der Umgang mit Covid-19-Patienten mittlerweile deutlich routinierter. Den meisten Ärzten sei etwa klar, dass das Virus keine reine Lungenerkrankung ist - weshalb frühzeitig überwacht werde, ob etwa Herz, Niere oder Blutgerinnung ebenfalls beeinträchtigt sind. Und insgesamt sei das medizinische Personal gelassener geworden, auch, weil es genug Schutzausrüstung gibt.

Wie wird es im Winter?

Grund zur Entwarnung ist all das aus Sicht von Fachleuten nicht. Immerhin ist das Virus weiterhin potenziell tödlich. Und eine rasante Ausbreitung des Virus könnte immer noch zu einer Überlastung des Gesundheitssystems führen - was trotz der neuen Erkenntnisse auch die Behandlung von Covid-19-Erkrankten massiv erschweren würde. Noch ist Deutschland davon weit entfernt, laut DIVI-Intensivregister werden auf deutschen Intensivstationen aktuell 325 Corona-Patienten behandelt, es gibt über 9000 freie Betten.

Wissenschaftler sind aber besorgt, weil nun mit dem Herbsteinbruch die Zahl der Erkältungskrankheiten generell zunehmen dürfte. “Wir haben wirklich einen anstrengenden Winter vor uns, wo man nochmal viel nachjustieren muss”, sagte Isabella Eckerle, Leiterin des Zentrums für neu auftretende Viruserkrankungen an der Universität Genf, dem Tagesspiegel. Sie erwartet, dass sich Muster im benachbarten Ausland mit Verzögerung auch in Deutschland zeigen werden.

Ob das auch mit zunehmenden Todesfällen einhergeht, wird sich noch zeigen müssen: Frankreich etwa hatte zuletzt deutlich mehr Corona-Fälle registriert - lange blieb die Zahl der Toten trotzdem gering. In den vergangenen Tagen stieg sie allerdings an.


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