Corona: So entscheidend sind “falsch positive” Testergebnisse

Reiserückkehrer werden per PCR-Test in einer Corona-Teststation auf dem Autobahnrastplatz Kemmental-Ost an der A8 in Fahrtrichtung Stuttgart auf das Coronavirus überprüft.

Reiserückkehrer werden per PCR-Test in einer Corona-Teststation auf dem Autobahnrastplatz Kemmental-Ost an der A8 in Fahrtrichtung Stuttgart auf das Coronavirus überprüft.

Über sogenannt falsch positive Testergebnisse wird seit Beginn der Corona-Pandemie diskutiert. Eine Modellrechnung zeigt: Je niedriger die Infektionszahlen, desto stärker steigt die Gefahr, dass falsche Ergebnisse die Statistik verzerren.

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Um Infektionen mit dem Coronavirus zu erkennen, werden PCR-Tests eingesetzt. Diese können Erbgutsequenzen des Virus in Nasen-Rachen-Abstrichen Infizierter nachweisen. Die Fähigkeit der Tests, einen Infizierten richtig als infiziert zu erkennen, nennt man die Sensitivität. In einigen Fällen zeigen Tests aber auch ein positives Ergebnis an, obwohl in den Proben kein Erbgut des Virus vorhanden war. Man spricht dann von einem falsch positiven Ergebnis.

Gefahr, die Statistik grob zu verzerren

Die Fähigkeit eines Tests, einen nicht Infizierten korrekt als solchen zu erkennen, nennt man die Spezifität. Je niedriger die Infektionszahlen sind, desto wichtiger ist eine hohe Spezifität. Ist sie zu niedrig, wächst die Gefahr, dass die falsch positiven Ergebnisse die Statistik grob verzerren. Die Zahl der falsch positiv Getesteten kann dann sogar höher als die der tatsächlich Infizierten liegen.

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Doch zur Spezifität der eingesetzten Corona-Tests fehlen verlässliche Daten. Die testenden Labore veröffentlichen in der Regel keine Angaben dazu. Laut Robert-Koch-Institut liegt die Spezifität der PCR-Analysen “bei korrekter Durchführung und Bewertung” bei “nahezu 100 Prozent”. Es verweist auf sogenannte Ringversuche, in denen die Zuverlässigkeit der Labortests überprüft worden war. Durchgeführt hatte diese die Gesellschaft zur Förderung der Qualitätssicherung in medizinischen Laboratorien (INSTAND). In den Ringversuchen waren 0,35 Prozent der Ergebnisse teilnehmender deutscher Labore falsch positiv, was einer Spezifität von 99,65 Prozent entsprechen würde.

Die Zahl erscheint auf den ersten Blick hoch – ist es aber bei näherer Betrachtung nicht. Wenn Personen ohne begründeten Verdacht getestet würden, also eine niedrige Infektionswahrscheinlichkeit besteht, würde eine erhebliche Verfälschung der Ergebnisse drohen. Dagmar Lühmann, stellvertretende Vorsitzende des Netzwerks für Evidenzbasierte Medizin, hatte Berechnungen dazu in einer Stellungnahme und in der Antwort auf einen Leserbrief im Journal der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg (KVH-Journal) veröffentlicht.

Selbst bei 99,99 Prozent Spezifität wären 30 Prozent der positiven Tests falsch

Lühmann berechnete eine Wahrscheinlichkeit von etwa 0,025 Prozent dafür, dass eine beliebige Person in Deutschland nachweisbar Covid-19-positiv wäre. Selbst bei einer Spezifität von 99,9 Prozent würden dann bei beliebigen Tests deutlich mehr Personen falsch positiv als richtig positiv getestet. Wie Lühmann vorrechnet, wären in diesem Fall sogar selbst bei 99,99 Prozent Spezifität noch 30 Prozent der positiven Testergebnisse falsch positiv. Nur dort, wo die Neuinfektionsrate über 50 pro 100.000 Einwohner pro Woche liegt (RKI-Definition eines Risikogebiets), oder die Testspezifität mehr als 99,999 Prozent beträgt, wären die Ergebnisse nach Lühmanns Berechnung einigermaßen verlässlich.

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Ob diese Bedingung derzeit von allen testenden Laboren erfüllt wird, ist zumindest fraglich – auch wenn die tatsächliche Spezifität durchaus höher als in den Ringversuchen liegen könnte. Deutlich reduzieren lassen sich falsch positive Testergebnisse nämlich dann, wenn Abstriche auf mehrere Gensequenzen hin untersucht werden. Dies wird offenbar im von Christian Drosten geleiteten Konsiliarlabor der Charité so gehandhabt. Drosten sagte gegenüber der Nachrichtenagentur dpa auch, dass positive Tests dort durch einen Zusatztest bestätigt würden, und zeigte sich von der Zuverlässigkeit der Ergebnisse überzeugt.

Allerdings scheint dieses Vorgehen nicht in allen deutschen Laboren üblich zu sein und ist auch nicht vorgeschrieben. Die dpa hatte bei mehreren großen deutschen Laboren nachgefragt und bekam einem Bericht zufolge kaum konkrete Antworten. Synlab, einer der großen Labordienstleister, teilte aber mit, dass dort nicht standardmäßig auf mehrere Genstellen getestet wird. Auch werde nicht jedes positive Testergebnis mit einem Zusatztest bestätigt. Dies sei “nicht erforderlich”.

Bei begründetem Testanlass sinkt die Falsch-Positiv-Rate

All das muss nicht bedeuten, dass ein Großteil der in Deutschland durchgeführten Tests falsch positiv ist. Wenn nämlich mit begründetem Anlass getestet wird, steigt der Anteil der “echt” Positiven in der Gruppe der Untersuchten und eine Falsch-Positiv-Rate verliert an Bedeutung. Vor allem aber dann, wenn ohne besonderen Verdacht und in Nicht-Risikogebieten getestet wird, müsste eine bestimmte Spezifität der Tests sichergestellt werden.

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Dagmar Lühmann betont, auch sie kenne die genauen Zahlen der falsch positiven Ergebnisse nicht. Bei ihrer Veröffentlichung handele es sich um eine Modellrechnung. “Das Problem ist ja, dass wir keine echten Daten haben.” Sie “hoffe selbstverständlich”, dass die PCR-Tests unter Alltagsbedingungen tatsächlich eine fast hundertprozentige Spezifität erreichten. Diese Hoffnung bleibe jedoch “zeitnah durch Ergebnisse valider, praxisnaher und ausreichend großer Studien zu bestätigen”. Eine Untersuchung dazu, wie hoch die Rate falsch positiver Tests unter Praxisbedingungen tatsächlich ist, strebt das RKI allerdings nicht an. Studien zur Bestimmung der Spezifität der verschiedenen PCR-Tests auf Sars-CoV-2 seien “Sache der Hersteller”, so das Institut auf Nachfrage.

Irene Habich/RND

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