Corona-Schnelltests: Wo die Forschung steht und welche Tücken es noch gibt

  • Könnte ein Corona-Nachweis künftig fast so einfach sein wie ein Schwangerschaftstest?
  • Erste Schnelltests werden breit erprobt und bereits eingesetzt.
  • Es muss jedoch weiter untersucht werden, inwiefern Laien Tests einsetzen können und dürfen.
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Vor dem Unterricht, dem Besuch in einer Pflegeeinrichtung oder einem Kino: Wenn Menschen schnell und zuverlässig auf das Coronavirus Sars-CoV-2 getestet werden könnten, wäre es möglich, Infektionen einfach zu erkennen und somit Einschränkungen wie etwa Kontaktbegrenzungen zu verringern. Dies versprechen sogenannte Antigentests: Anders als die üblicherweise durchgeführten PCR-Tests suchen sie in Abstrichproben nicht aufwendig nach dem Erbgut des Virus, sondern nach Molekülen, die charakteristisch für die Viren sind.

Drosten: Schnelltests bewirken “viel Gutes”

Während frühere Schnelltests mit teuren automatisierten Kleinlaboren ausgewertet werden mussten, kommen nun vermehrt Schnelltests auf dem Markt, die vergleichsweise einfach durchzuführen sind: Ähnlich wie bei einem Schwangerschaftstest wird auf einem Teststreifen angezeigt, ob das gesuchte Molekül gefunden wird und die Person positiv ist oder nicht.

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In den vergangenen Wochen und Monaten wurden zahlreiche Antigentests entwickelt und erprobt – so etwa in der Berliner Charité. Die Ergebnisse sähen gut aus, sagte der dortige Virologe Christian Drosten kürzlich im NDR-Podcast “Das Coronavirus-Update”. Etwa am Eingangstor von Seniorenwohnheimen könnten sie “unglaublich viel Gutes” bewirken: Sie brächten die Möglichkeit mit sich, harte Besuchseinschränkungen verhindern zu können.

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Höchster Stand seit Mai: 1445 Neuinfektionen in Deutschland
1:06 min
Die Zahl der bekannten Neuinfektionen mit dem Coronavirus in Deutschland ist auf den höchsten Stand seit Anfang Mai gestiegen.  © dpa

Schnelltests erkennen, ob Personen hochansteckend sind

Zwar erkennen Antigentests eine Infektion insbesondere in den Anfangstagen oder im späteren Verlauf deutlich weniger zuverlässig als die PCR-Methode, welche selbst kleinste Mengen des Erbguts korrekt anzeigen kann – sodass Letztere der Goldstandard zur Diagnose bleiben wird. Doch die Ergebnisse der aufwendigeren und teureren PCR-Tests sind im Normalfall erst frühestens nach einem Tag verfügbar. Und: In der infektiösen Phase können die Schnelltests das Virus laut Drosten recht sicher erkennen – daher könnten sie ein schnelles und pragmatisches Verfahren darstellen, um zu erkennen, ob eine Person hochansteckend ist.

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An einigen deutschen Kliniken kommen die Schnelltests bereits zum Einsatz: So etwa an der Uniklinik Heidelberg, die einen Antigentest der Firma SD Biosensor verwendet. Die HNO-Klinik nutzt den Schnelltest laut einer Sprecherin bei Eingriffen im Nasen-Rachen-Raum – bei Notfallpatienten und bei Patienten, die stationär aufgenommen werden möchten, aber kein gültiges Testergebnis vorweisen können.

Abbotts Antigentest kam im Eilverfahren

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In einem Eilverfahren wurde in den USA im August etwa ein Antigentest des Konzerns Abbott zugelassen, der auch das für den Marktzugang in Europa nötige CE-Kennzeichen erhalten hat. Weltweit will der Konzern laut einer Sprecherin monatlich mehrere zehn Millionen Tests produzieren, erklärt sie auf Nachfrage – der Verkaufspreis liege bei ungefähr 4,50 Euro. Laut Abbott soll in gut 90 Prozent der Proben mit Virus dieses korrekt erkannt werden. Gleichzeitig sind etwas mehr falsch positive Ergebnisse zu erwarten als bei der PCR-Methode.

Abbott wollte keine Unterlagen zur Verfügung stellen, aus denen hervorgeht, wie die Werte ermittelt wurden. Die Angaben auch von anderen Herstellern “sind sicherlich unter Idealbedingungen zustande gekommen”, erklärte der Epidemiologe Jürgen May vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin im Gespräch mit “Zeit Online”. “Die Realität wird vermutlich deutlich schlechter aussehen.”

Antigentest in Deutschland nur für medizinisches Personal

Auch die Firma Roche will einen Antigentest ab Ende September in Deutschland vertreiben – Preise wollte eine Konzernsprecherin nicht nennen. Allerdings werden die Antigentests nicht für jedermann angeboten, sondern sie sollen nur von medizinischem Personal angewandt werden. Laut einer Roche-Sprecherin ist der Grund die Probenahme: “Hierfür muss ein Abstrichtupfer tief in den Nasen-Rachen-Raum eingeführt werden, denn nur so kann aussagekräftiges Material gewonnen werden.”

Andere Tests etwa der Firma Nal von Minden aus Moers sollen nach 15 Minuten ein Ergebnis liefern – der Test des Unternehmens ist bereits zertifiziert und soll weniger als 10 Euro kosten. Doch dieser Test ist gleichfalls nur für die Anwendung durch medizinisches Fachpersonal vorgesehen. Nach Firmenangaben erkennt der Test mit einer Genauigkeit von über 97 Prozent, dass ein Mensch infiziert ist.

Infektionsschutzgesetz verbietet Tests für Laien

“Es handelt sich nicht um einen Heimtest”, erklärt auch Abbott zu seinem Produkt – doch die Begründung ist eine andere: Da Covid-19 eine hochansteckende Krankheit ist, verbiete das Infektionsschutzgesetz es, Heimtests für Laien zu entwickeln oder zu verkaufen. Tatsächlich sieht dieses vor, dass Infektionskrankheiten wie Covid-19 nur von Ärzten festgestellt werden – und wenn Laien ohne behördliche Erlaubnis mit Krankheitserregern wie Sars-CoV-2 arbeiten, droht ihnen bis zu zwei Jahren Haft.

Auch die Medizinprodukte-Abgabeverordnung schreibt vor, dass die Tests nur an Ärzte, Kliniken oder Gesundheitsbehörden abgegeben werden dürfen, außer wenn das Robert-Koch-Institut eine befristete Ausnahme genehmigt hat. “Bislang gibt es keinen Antrag”, erklärt dessen Sprecherin.

“Laientest”: 1000 Lehrer untersuchen sich per Schnelltest

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Doch diese Woche startet in Hessen eine Untersuchung, welche die Anwendung durch Laien erforschen soll: Rund 1000 Lehrer sollen jeden zweiten Tage selbst Abstriche bei sich vornehmen und diese mittels Schnelltest untersuchen. So soll einerseits der Selbsttest erprobt, andererseits sollen aber auch Infektionen an Schulen erkannt werden. Die Studie wird von Sandra Ciesek, Leiterin der Virologie am Uniklinikum Frankfurt, koordiniert. Eingesetzt wird ein Test des Darmstädter Unternehmens R-Biopharm.

Das hessische Kultusministerium hat die Studie in Auftrag gegeben und finanziert sie, fachlich wird sie auch vom dortigen Sozialministerium begleitet. “Wir nutzen alle Möglichkeiten, den Schulbetrieb in der Corona-Zeit sicher und verlässlich zu gestalten”, erklärte Kultusminister Alexander Lorz laut einer Stellungnahme. “Mit den Selbsttests verbinden wir die große Hoffnung, Infektionen frühzeitig erkennen und die weitere Ausbreitung verhindern zu können.”

So funktioniert der Schnelltest

Antigenschnelltests “sind schnell und unkompliziert im Prinzip von jeder Person und überall durchzuführen”, erklärte Hessens Sozialminister Kai Klose. Dabei dauert das Prozedere für den Test 20 Minuten und ist erheblich komplexer als ein Schwangerschaftstest. Nach dem Abstrich, der in der Nase erfolgen soll, muss das im Tupfer befindliche Sekret aufbereitet und mit verschiedenen Flüssigkeiten vermischt werden. Nach zwei Warteperioden von je zehn Minuten zeigt der Teststreifen entweder nur einen Strich zur Kontrolle an, dann ist der Test negativ – oder zwei Striche, wenn er positiv ausfällt.

Sozialminister Klose verspricht sich Erkenntnisse für die Entwicklung zuverlässiger Testverfahren und Teststrategien. Doch nicht nur diese: “Wichtig für uns ist es auch, etwas über die Bereitschaft der Menschen zu erfahren, sich selbst zu testen”, erklärte er. “Denn – und das muss ich immer wieder betonen – wie erfolgreich wir bei der Bekämpfung der Pandemie sind, hängt davon ab, ob die Menschen in Hessen bereit sind, derartige Szenarien im Alltag zusammen mit medizinischen Fachkräften zu erproben.”

Weitere Forschung nötig

Laut Bundesgesundheitsministerium gibt es noch keinen Test, der für die Anwendung durch Laien zertifiziert wurde. Zur Prüfung von Tests, die nicht nur medizinische Experten vornehmen, sind auch recht aufwendige Studien nötig, die einige Zeit benötigen. Einfacher wäre es sicher, wenn die Tests auch mit einer simplen Speichelprobe und nicht mit einem Abstrich im Rachen oder der Nase durchgeführt werden können.

Es gibt erste Anzeichen, dass dies womöglich funktionieren könnte, doch auch hier ist weitere Forschung nötig. Andere derzeit in der Entwicklung befindliche Tests sollen nur einige Minuten für die Analyse benötigen – und etwa mit digitalen Chips statt mit traditionellen Teststreifen arbeiten.

RND/dpa

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