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Schnelltests für Schule, Büro und zu Hause? Corona-Experten fordern gezieltere Strategie

  • Im Privaten durchführbare Antigen-Schnelltests sind in einigen Bundesländern im Gespräch, um Lockerungen beispielsweise an Schulen zu ermöglichen.
  • Wissenschaftler sehen im vermehrten und gezielten Einsatz großes Potenzial – denn damit könnten hochinfektiöse Corona-Infizierte schneller entdeckt werden.
  • Sie fordern aber auch einen besseren Zugang zum PCR-Test für Asymptomatische.
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Corona-Experten fordern den vermehrten und gezielten Einsatz von Antigen-Schnelltests, um das Infektionsgeschehen in Deutschland besser einschätzen und Sars-CoV-2-Infektionen verhindern zu können. Der Weg dafür ist nun auch grundsätzlich frei: Bundesgesundheitsminister Spahn will mehr Schnelltests im Privaten ermöglichen und hat dafür diese Woche die Medizinprodukte-Abgabeverordnung verändert.

Dadurch dürfen bestimmte entsprechend zertifizierte Schnelltests auch an Laien verkauft und von ihnen durchgeführt werden. Bislang war so eine Testung in Deutschland per Gesetz nur durch medizinisches Personal möglich.

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Wissenschaftler begrüßen die Ausweitung von solchen Tests in der Bevölkerung, die aber gezielt zum Einsatz kommen sollten. „Testen ist ein wichtiger Baustein, um die Pandemie in den Griff zu bekommen“, betonte Prof. Florian Klein, Direktor des Instituts für Virologie an der Uniklinik Köln, bei einem Gespräch mit dem Science Media Center (SMC). Es müsse in dieser Pandemie alles genutzt werden, was grundsätzlich eingesetzt werden könne. „Die Geschwindigkeit ist in der Pandemie ganz entscheidend. Und der Antigentest hat den ganz großen Vorteil, dass man sehr schnell vor Ort ohne großes Gerät Tests durchführen kann“, erläuterte der Experte. Denn im Gegensatz zum PCR-Test liefert ein Schnelltest in wenigen Minuten ein Ergebnis, ob jemand akut mit Corona infiziert und ansteckend ist. Für ein möglichst präzises Ergebnis bei positivem Befund braucht es dann aber auch noch einen PCR-Test zum Überprüfen.

Schnelltests finden verlässlich hochinfektiöse Corona-Infizierte

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Vor allem hochinfektiöse Personen könnten dem Virologen Klein zufolge bei regelmäßigen Testungen in bestimmten Umgebungen schnell und verlässlich entdeckt werden. Allerdings müsse beim Einsatz eines immer klar sein: Aus einem negativen Testergebnis ließe sich nicht ableiten, auf Schutzmaßnahmen wie Maske tragen und Abstand halten zu verzichten – eben weil solche Tests nicht so verlässliche Ergebnisse liefern wie die PCR, die weiterhin als Goldstandard gilt. Als Beispiel für einen sinnvollen Einsatz nennt Klein die Testung von Patientinnen im Kreißsaal in einer Klinik. In einer solchen Situation brauche es sehr schnell ein Ergebnis, um hochansteckende Personen vor Ort direkt zu erkennen und potenzielle Infektionen während der Geburt zu vermeiden.

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„Auch in Schulen, in Betrieben wie Fleischereien und in Großraumbüros wäre es sinnvoll, Schnelltests und auch PCR-Tests auszuweiten“, machte Claudia Denkinger beim SMC-Gespräch klar. Die Leiterin der Sektion Klinische Tropenmedizin mit Schwerpunkt Innere Medizin, Infektiologie und Tropenmedizin am Universitätsklinikum Heidelberg ist seit März vergangenen Jahres an der Evaluation verschiedener Schnelltests beteiligt. Studien hätten gezeigt, dass die am besten ausgefallenen Schnelltests rund 80 Prozent aller Infektionen erkennen. „Und bei hohen Viruslasten werden im Durchschnitt 95 Prozent erkannt“, so die Expertin.

Es habe sich in eigenen Untersuchungen auch bestätigt, dass Schnelltests relativ einfach mit einer Anleitung für Laien durchführbar sind. Vor einem größeren Einsatz solcher Tests brauche es aber noch eine Prüfstelle, um die Qualität bei den Herstellern sicherstellen zu können. „Das fehlt bislang noch“, kritisierte Denkinger. Die Expertin für Schnelltests spricht sich zudem dafür aus, repräsentative Kohorten regelmäßig zu testen – auch unabhängig von für Corona spezifischen Symptomen, wie es die nationale Teststrategie derzeit vorsieht. „So können wir überhaupt erst wissen, was in der Bevölkerung eigentlich los ist“, sagte die Expertin.

Allein ist sie mit dieser Einschätzung nicht. „Es gibt viel zu wenig Evidenz, was in der Bevölkerung eigentlich los ist“, sagt auch Prof. Tobias Kurth, Direktor des Instituts für Public Health an der Berliner Charité. „Dafür müsste viel mehr getestet werden, auch die sogenannten Asymptomatischen.“ In der Tat werden auch bei den PCR-Tests die Kapazitäten derzeit nicht voll ausgereizt. Aktuell sinkt die wöchentliche Anzahl kontinuierlich: Derzeit wird nur rund die Hälfte der zwei Millionen verfügbaren PCR-Tests pro Woche ausgeschöpft.

Corona-Schnelltests im Privaten für unentdeckte Infektionen

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Der Virologe Marco Binder vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg hält einen möglichst flächendeckenden und regelmäßigen Einsatz von Schnelltests nicht nur in bestimmten Settings wie Schulen und Großraumbüros, sondern auch im Privaten für ein geeignetes Instrument, um nach dem Senken der Infektionszahlen im Lockdown sorgenfreier Lockerungen und mehr Alltag zulassen zu können.

„Die Frage ist ja, wie es nach dem Senken der Fallzahlen weitergehen soll. Wie kann man Beschränkungen lockern, mehr Bereiche des Alltags wieder öffnen und die Infektionszahlen trotzdem unter Kontrolle behalten?“, erläuterte er im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. „Die Gesundheitsämter können dann zwar wieder besser die Kontakte nachverfolgen. Aber eben nur von Fällen, die positiv getestet wurden, weil sie klare Symptome zeigten oder aus anderen Gründen ein Anlass zum Test bestand.“

Trotzdem werde es weiterhin Infektionen geben, die gar nicht bemerkt werden und so zu einer Verbreitung führen, die im Detail nicht nachvollzogen und nicht verhindert werden könnten. „Schnelltests, die jeder ganz einfach zu Hause durchführen kann, können meiner Ansicht nach ein ganz zentrales Werkzeug sein, um dieses Problem in den Griff zu bekommen“, ist sich der Virologe sicher.

Corona-Testangebot niedrigschwelliger anbieten

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Einig sind sich alle Experten in einem Punkt: Um Infektionsketten schneller durchbrechen zu können, müsse das Testangebot mit PCR-Tests und Antigen-Schnelltests grundsätzlich einfacher zugänglich sein für die Bevölkerung. Aktuell ist die Vorgabe der nationalen Strategie, nur bei klassischen Symptomen zu testen. „Die Tests sind nicht sehr leicht zugänglich. Diese Barriere sollte verringert werden“, sagte Denkinger, die vom Beispiel Südkorea berichtete.

Dort habe es auch eine gewisse „Testmüdigkeit“ gegeben. Schließlich haben die Behörden auf zentralen Marktplätzen Tests zur Verfügung gestellt, die auch anonym durchgeführt werden konnten. Auch Klein befürwortet solche Angebote. „Wir wissen, die Symptome sind am Anfang der Infektion oft unspezifisch – und dem muss man Rechnung tragen“, erklärte der Wissenschaftler die Notwendigkeit einer veränderten Teststrategie.

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