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RKI-Reproduktionszahl über 2: Was bedeuten die starken Schwankungen?

  • Die RKI-Reproduktionszahl, die festlegt, wie viele Menschen ein Corona-Infizierter im Schnitt ansteckt, ist dramatisch gestiegen.
  • Sie liegt bei 2,88 und damit weit oberhalb der kritischen Marke von 1.
  • Was sagen die neuen Zahlen des Robert-Koch-Instituts über das Epidemie-Geschehen in Deutschland aus?
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Die Reproduktionszahl, auch als R-Wert bekannt, ist weit über die vom Robert Koch-Institut als kritisch eingestufte Marke von 1 gestiegen. Nach RKI-Schätzungen liegt diese laut aktuellem Situationsbericht bei 2,88 (Stand: 21. Juni, 0 Uhr). Das bedeutet, dass ein Infizierter im Mittel zwischen zwei und drei weitere Menschen ansteckt. Zum Vergleich: Am Vortag lag der R-Wert noch bei 1,79.

Seit Mitte Mai gibt das RKI zudem ein sogenanntes Sieben-Tage-R an. Es bezieht sich auf einen längeren Zeitraum und unterliegt daher weniger tagesaktuellen Schwankungen. Nach RKI-Schätzungen stieg dieser Wert am 21. Juni auf 2,03 (Vortag: 1,55). Er zeigt das Infektionsgeschehen von vor 8 bis 16 Tagen.

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R-Wert: Wie kommt es zu den starken Schwankungen?

Beide geschätzten und stark gestiegenen Reproduktionszahlen, R-Wert und 7-Tages R-Wert, hängen laut RKI mit lokalen Häufungen zusammen. Insbesondere der Ausbruch mit über 1331 Infizierten (Stand: 21. Juni) in der Fleischfabrik Tönnies im nordrhein-westfälischen Kreis Gütersloh spiele eine große Rolle. “Da die Fallzahlen in Deutschland insgesamt auf niedrigem Niveau liegen, beeinflussen diese lokalen Ausbrüche den Wert der Reproduktionszahl relativ stark”, erläutert der RKI-Situationsbericht.

Die weitere Entwicklung müsse in den nächsten Tagen beobachtet werden, insbesondere in Bezug auf die Frage, ob es auch außerhalb der größeren Ausbrüche zu einem Anstieg der Fallzahlen komme.

Was bedeuten die Schwankungen des R-Werts?

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Die Kennziffer 1 gilt als wichtige Maßgabe, um die Epidemie unter Kontrolle zu halten. Das hatte das RKI immer wieder betont. Solange die Kennziffer für wenige Tage leicht um 1 schwanke, bedeute das noch keinen exponentiellen Anstieg der Fallzahlen in Deutschland. “Ein, zwei Tage – das liegt innerhalb der statistischen Ungenauigkeiten”, erläuterte RKI-Vize Schaade bereits vor einigen Wochen auf einer Pressekonferenz. Auch Mitte Mai kam es plötzlich zu Schwankungen wegen lokaler Ausbrüche. Erst wenn der Wert dauerhaft über 1,2 bis 1,3 liege, sei das ein Signal für einen Anstieg der Fallzahlen, das ein verschärftes Gegensteuern erfordere.

Von verstärkten Tests sei die errechnete Reproduktionszahl laut Schaade zwar auf lange Sicht unabhängig. “Aber wenn es abrupt vermehrt Testungen gibt, kann sich die Zahl auch dadurch kurz erhöhen – geht aber nach wenigen Tagen wieder runter.”

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Worüber gibt der R-Wert Auskunft?

Wissenschaftler sprechen bei Sars-CoV-2 von einer naturgegebenen Basis-Reproduktionszahl (R0) von etwa 3. Eine Person infiziert also im Schnitt drei weitere. Dieser Wert ist jedoch nicht der vermeldete, dynamische R-Wert – er gilt unabhängig von Präventionsmaßnahmen und Zeithorizont. “Die jetzt diskutierten, sich fast täglich leicht ändernden Werte sind nicht die Basis-Reproduktionszahl, sondern die effektive Reproduktionszahl des neuen Coronavirus innerhalb von Deutschland”, erklärt der Infektiologe Matthias Stoll von der Medizinischen Hochschule Hannover.

Sie seien Ausdruck des Gleichgewichts zwischen dem infektionsvermeidenden Verhalten der Bevölkerung und der Infektiösität des Virus selbst, erläutert auch das RKI. Ohne Gegenmaßnahmen würde die Zahl der Infektionen mit einem R-Wert von 3 rasch exponentiell ansteigen und erst stoppen, wenn bis zu 70 Prozent der Bevölkerung eine Infektion durchgemacht hätten.

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Bei einer effektiven Reproduktionszahl von 1 – mit den eingeführten Corona-Maßnahmen – infiziert eine Person im Schnitt eine weitere. Steigt der Wert langfristig an, steigen also höchstwahrscheinlich auch die Fallzahlen, weil eine infizierte Person mehr Leute ansteckt. Fällt er auf lange Sicht unter 1, infizieren sich im Schnitt auch weniger Menschen. Es handelt sich bei der Berechnung um eine statistische Größe, eine Trendschätzung. Sie fließt auch in Prognosen zu Krankenhaus- und Behandlungskapazitäten ein.

Reproduktionszahl: Wie berechnet sie sich und was kann der R-Wert leisten?

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Berechnet wird mithilfe der sogenannten Nowcasting-Methode. Der Vorteil: Es wird nicht nur das Meldedatum, sondern auch das Erkrankungsdatum und erwartbare Fälle werden berücksichtigt – und damit Lücken durch einen zeitlichen Verzug bei der Übermittlung an RKI und Gesundheitsämter ausgeglichen. “Auf der Grundlage aller vorhandener Daten ist der R-Wert näher am Infektionsgeschehen dran als Berechnungen, die sich ausschließlich an Meldezahlen orientieren”, erläutert Schaade.

Die Nachteile: Anders als gemeldete Neuinfektionen und Todesfälle berechnet sich die Reproduktionszahl nicht tagesaktuell, sondern mit Blick auf den Status von vor anderthalb bis zwei Wochen. “Wir sehen also mit dem R-Wert von heute das, was wir vor über zwei Wochen entweder gut oder schlecht in der Vorbeugung gemacht haben”, erklärte Infektiologe Stoll.

Außerdem könne es bei dieser Schätzung zu Ungenauigkeiten kommen, räumt das RKI ein. Darauf weist auch das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung hin und spricht aufgrund der schwieriger Datenlage während der Epidemie von einer “erheblichen statistischen Unsicherheit”.

Welche weiteren Faktoren sind bei Entscheidungen zu Maßnahmen wichtig?

Der vom RKI errechnete R-Wert ist nur ein Faktor, um die Dynamik der Virusübertragungen in Deutschland einzuschätzen. Als Anhaltspunkt für die Notwendigkeit von Maßnahmen zum Gegensteuern wie Kontaktbeschränkungen sind weitere Punkte zu betrachten. Zwei davon fallen besonders ins Gewicht:

  • Absolute Zahl der Neuinfektionen: Sie wird täglich von den einzelnen Gesundheitsämtern in den Kreisen an die Landesgesundheitsbehörden und das RKI übermittelt. Jeder einzelne Fall soll von den Gesundheitsämtern laut RKI identifiziert und Kontakte verfolgt werden. Deshalb muss die Zahl so klein sein, dass die Nachverfolgung durch Gesundheitsämter gewährleistet werden kann. Die Zahl der Neuinfektionen ist auch ein wichtiger Maßstab für politische Entscheidungsträger: Ab 50 Neuinfektionen in einem Landkreis pro 100.000 Einwohner soll über erneute Maßnahmen wie Ausgangsbeschränkungen nachgedacht werden.
  • Schwere der Erkrankungen: Wer sich mit Sars-CoV-2 infiziert und in der Folge schwer erkrankt, ist in vielen Fällen auf eine mehrwöchige Betreuung auf der Intensivstation angewiesen – und auf ein Beatmungsgerät. Deshalb kommt es während der Epidemie auch darauf an, die Kapazitäten von Intensivbetten und Geräten im Blick zu halten, um sicherzustellen, dass eine Behandlung gewährleistet werden kann.
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