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  • Corona-Regeln im neuen Infektionsschutzgesetz: Können 2G, Testen, Impfen und Homeoffice die vierte Welle brechen?

Maßnahmen im Corona-Winter: Brechen die politischen Beschlüsse die vierte Welle?

  • 2G, Testen, Impfen, Homeoffice: Der Bundestag hat ein Infektionsschutzgesetz verabschiedet, die Länder planen neue Verordnungen.
  • Alle diese Maßnahmen zusammen helfen bei der Eindämmung der Pandemie.
  • Corona-Expertinnen und Experten sind aber skeptisch, ob die politischen Vorgaben ausreichen.
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Erst 22.000, dann 40.000, plötzlich über 60.000 – die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Deutschland steigt und steigt. Der Infektiologe Clemens Wendtner von der München Klinik-Schwabing sprach bereits von „schleichender Triage“ in den Kliniken, wenn das so bleibt. „Wir laufen momentan in eine ernste Notlage“, mahnte am Donnerstag RKI-Chef Lothar Wieler an. „Wir werden wirklich ein sehr schlimmes Weihnachtsfest haben, wenn wir jetzt nicht gegensteuern.“

Nur wie? Die Politik hat sich an diesem Donnerstag nach mühsamen Diskussionen im Bundestag und während einer Schalte zwischen Bund und Länderchefs auf einen groben Fahrplan verständigt. SPD, Grüne und FDP haben ein neues Infektionsschutzgesetz verabschiedet, dem der Bundesrat am Freitag noch zustimmen muss. Bund und Länder haben sich zudem auf eine Einführung von 2G als Voraussetzung für den Zutritt etwa zu Freizeit-, Kultur- und Sportveranstaltungen und Gastronomie verständigt. Maßgabe für die Regelung soll die Hospitalisierungsrate sein.

Wird damit die Welle in diesem Corona-Winter gebrochen, zahlreiche schwere Covid-Erkrankungen und Todesfälle verhindert?

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Impfen, impfen, impfen

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„Das wirkungsvollste Mittel gegen das Virus, das wir haben, ist die Impfung“, heißt es in einem Positionspapier, in dem sich zahlreiche Corona-Forschende zusammengeschlossen haben – darunter auch die Physikerin und Modelliererin Viola Priesemann, die Virologin Sandra Ciesek und der Intensivmediziner Christian Karagiannidis. Es sei ein Problem, dass rund 18 Millionen Menschen (24 Prozent), für die es einen zugelassenen Impfstoff gibt, noch gar nicht geimpft sind.

Die Antwort der Politik? Die Impfkampagne soll verstärkt werden. Es sollen dafür die Impfangebote mit mobilen Impfteams, in Impfzentren, Krankenhäusern und mit niedrigschwelligen Angeboten ausgeweitet werden. Auch Kindern zwischen fünf und elf Jahren soll – sobald eine entsprechende Empfehlung der Ständigen Impfkommission vorliegt und der erforderliche Impfstoff zur Verfügung steht – rasch eine Impfung angeboten werden.

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Über eine mögliche generelle Impfpflicht wird noch beraten, verständigt habe man sich nach RND-Informationen aber auf eine Verpflichtung von Mitarbeitenden aus Heil- und Pflegeberufen, aus Krankenhäusern und Behinderteneinrichtungen.

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Virologe Martin Stürmer von der Universität Frankfurt ist sich sicher: „Um die Impfungen zu beschleunigen, braucht es auch wieder die Unterstützung durch Impfzentren.“ Eine Impfpflicht brauche es aber mittelfristig auch, sagt Infektiologe Wendtner: „Ich glaube, dass wir angesichts der aktuellen Lage zumindest eine einrichtungsspezifische Impfpflicht über verschiedene Berufsgruppen hinweg in Alten- und Pflegeheimen, in Kliniken, aber eventuell auch in Bildungseinrichtungen brauchen“, sagte er dem RND.

In der akuten Notlage könne dieses Mittel aber nur mittelfristig helfen. „Wenn wir morgen eine Impfpflicht hätten, würden wir erste Effekte nach zwei Impfungen frühestens nach sechs Wochen, das heißt zu Weihnachten, spüren“, sagte der Chefarzt aus München. Trotzdem sei das wichtig, um die jetzige Infektionswelle und gegebenenfalls weitere Wellen im Frühjahr abzufedern.

Die Booster-Offensive

Um einer dauerhaften Überlastung der Intensivstationen entgegenzuwirken, Erkrankungen und Todesfälle zu verhindern, helfen zudem möglichst schnell möglichst viele Auffrischungsimpfungen. Damit erhöht sich der Schutz vor Erkrankung. Auch die Verbreitung des Virus wird bei den bereits zweifach Geimpften erneut unterbunden. Lässt sich ein Großteil der Bevölkerung boostern, ist in einigen Wochen auch dadurch mit einem Effekt zu rechnen. Das betont das Positionspapier der Forschenden, das RKI, aber auch die Ständige Impfkommission (Stiko), die seit Mitte November allen über 18-Jährigen sechs Monate nach Grundimmunisierung eine dritte Dosis empfiehlt.

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Eine Booster-Offensive ist auch im Beschlusspapier vorgesehen – wenn auch vergleichsweise spät. „Insbesondere die Booster-Impfungen müssen dringend ausgeweitet werden, da diese uns im Vergleich zu neuen Erstimpfungen relativ schnell helfen, den kollektiven Immunschutz zu verbessern“, betont Stephan Ludwig, Virologe an der Universität Münster.

„Wenn man sich vergegenwärtigt, dass das Robert Koch-Institut bereits im Juli des Jahres ziemlich exakte Vorhersagen gemacht hat, was im Herbst auf uns zukommen kann, ist es eigentlich schlimm, dass man jetzt erst reagiert und teilweise so tut, als hätte man das alles nicht kommen sehen“, kritisierte der Corona-Experte gegenüber dem RND die politischen Vorbereitungen für die Auffrischungsimpfungen.

Die Maßnahmen für den Übergang: 2G und 3G

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So oder so: Der Effekt auf das Infektionsgeschehen durch das Impfen wird frühestens um Weihnachten herum erwartet. Für den Übergang braucht es deshalb wie im Vorjahr auf jeden Fall weniger Kontakte im Alltag – und damit auch weniger Ansteckungen. Darin sind sich Fachleute aus Virologie, Epidemiologie, der Intensivmedizin und auch die Gesundheitsbehörden einig. Standard bleiben deshalb regelmäßige Testungen und AHA + L-Regeln im öffentlichen Bereich. Einen kompletten deutschlandweiten Lockdown hat die Politik ausgeschlossen.

Trotzdem gibt es Maßnahmen – einer der strittigsten Punkte ist, wer nun unter welchen Bedingungen Zugang zu Bereichen wie Restaurants, Clubs, Bussen und Zügen haben soll. Die Bundesländer setzen je nach Inzidenz- und Hospitalisierungszahlen bereits unterschiedliche Schutzkonzepte um. 2G, wahlweise auch 2G-plus, 3G stehen im Raum. Bei einer 3G-Regel im öffentlichen Verkehr ist Virologe Stürmer skeptisch. Das sei „kaum kontrollierbar, daher wird da nicht viel bei rumkommen, auch wenn es prinzipiell sinnvoll ist.“

Der Zusammenschluss aus Forschenden um das Positionspapier sieht 2G im öffentlichen Bereich auch nur als ein Hilfsmittel von vielen an. Allein würde das nicht ausreichen, um das Infektionsgeschehen zu reduzieren. 2G biete zwar – im Gegensatz zu 3G – den Vorteil, dass die Wahrscheinlichkeit sich anzustecken, deutlich geringer ist, weil nur Geimpfte und Genesene aufeinandertreffen, die eine Immunität aufgebaut haben. Allerdings können auch Geimpfte noch infektiös sein und das Virus übertragen.

Auch Infektiologe Wendtner hat Zweifel, ob die 2G-Regel allein die Welle brechen kann. „Flächendeckend 2G wird logischerweise zu einer Kontaktbeschränkung beitragen“, sagte der Corona-Experte. „Es kann aber auch sein, dass sich Ungeimpfte dadurch mehr in den privaten Bereich zurückziehen und größere Treffen veranstalten.“ Kurzfristig brauche es auch das Unterbinden von Großveranstaltungen, wie Weihnachtsmärkten, Fußballspielen, Konzerten. Ob solche Events stattfinden, entscheidet bislang jedes Bundesland für sich.

Tests am Arbeitsplatz und Homeoffice

Bundesweit geeinigt hat man sich darauf, dass Arbeitgeber mindestens zweimal pro Woche eine kostenlose Testmöglichkeit anbieten. Homeoffice soll, wo möglich, machbar sein. Das macht Fachleuten zufolge Sinn. „Arbeitsplatztestung und gegebenenfalls Homeoffice ist ein weiterer wichtiger Punkt für mehr Sicherheit“, sagt etwa Virologe Stürmer.

Am Arbeitsplatz brauche es allerdings mindestens drei Antigenschnelltests die Woche – oder alternativ zwei PCR-Tests. Stürmer wie auch Wendtner plädieren zudem dafür, dass in besonders vulnerablen Bereichen wie Altenheimen zusätzlich eine Testpflicht für Besuchende und Mitarbeitende eingeführt wird, die auch Geimpfte und Genesene umfasst, also 2G plus. Nur so seien die Bewohner sicher geschützt.

Freiwilliger Kontaktverzicht reicht nicht

Reichen die Vereinbarungen der Politik also, um die dramatische Lage schnell zu verändern? „Ich bin sehr skeptisch, ob uns all diese Maßnahmen schnell helfen werden, die vierte Welle einzubremsen“, sagt Virologe Ludwig. Die über 60.000 Infektionen die allein an diesem Donnerstag nachgewiesen wurden, würden in zwei bis drei Wochen auf jeden Fall zu einem Problem auf den Intensivstationen führen. Auch würden die Infektionszahlen in den nächsten Tagen und Wochen noch weiter ansteigen, das Problem noch verstärken. „Und daran ändert keine Maßnahme mehr etwas.“

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Bundestag stimmt für Corona-Maßnahmen der Ampel
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Eingeführt werden soll die 3G-Regelung am Arbeitsplatz und im ÖPNV. Schul- und Geschäftsschließungen sollen nicht mehr möglich sein.  © dpa

Der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité sprach von „Shutdownmaßnahmen“, die es in diesem Winter brauche. Für eine Reduktion der Kontakte könne man zwar auch auf freiwilliger Basis an die Bevölkerung appellieren, sagt auch Virologe Stürmer. Seiner Ansicht nach sollte man aber klare politische Vorgaben setzen. Da das aber, zumindest nach seiner Einschätzung, nicht passieren werde, müssten Kontakte so sicher wie möglich gemacht werden. „Das geht bei dem aktuellen Infektionsgeschehen nur mit Testen auch bei Geimpften und Genesenen, dazu Reduktion der Teilnehmer bei Veranstaltungen und Maskentragepflicht.“

Kommt am Ende doch noch der Lockdown?

Die Autorinnen und Autoren des Positionspapiers bringen noch ein weiteres Werkzeug ins Spiel, wovon im Infektionsschutzgesetz bislang keine Rede ist: Ein sogenannter „Notschutzschalter“, um die Infektionsdynamik schneller abzubremsen. Für zwei Wochen sollten dann alle Kontakte in sämtlichen Bereichen des öffentlichen Lebens minimiert werden – etwa mit Homeoffice, einer Testpflicht am Arbeitsplatz, einer Reduktion der Gruppengröße in Kindergärten, Schulen und am Arbeitsplatz sowie einer Schließung beziehungsweise Reduktion von Geschäften, Restaurants, Dienstleistungen und Veranstaltungen.

Ein solcher Schutzschalter könne die Inzidenz innerhalb von zwei Wochen um 75 Prozent reduzieren, erklärte dazu Modelliererin Priesemann. Schulschließungen sollten wiederum nur als „Ultima Ratio“ eingesetzt werden. Wenn es den Notschutzschalter braucht, müssten die entsprechenden Maßnahmen frühzeitig angekündigt werden.

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