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Pandemie im Sommer

Corona, wie geht es weiter? Drei Virologen zum weiteren Pandemieverlauf

Corona im Sommer: hoffentlich eine Ruhepause vom Virus.

In wenigen Tagen sollen fast alle Corona-Maßnahmen in Deutschland aufgehoben werden. Nach wochenlangen Beratungen hat sich die Ampelkoalition auf Schutzmaßnahmen geeinigt, die nach dem Auslaufen der bisherigen Regelungen am 19. März wirksam werden. Wie wird sich die Corona-Lage nun weiterentwickeln? Braucht es auch im Sommer noch Masken? Und spielt der Krieg gegen die Ukraine nun auch noch eine Rolle, wenn es um die Pandemie geht?

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Die Virologen Marco Binder (Deutsches Krebsforschungszentrum in Heidelberg) und Hendrik Streeck (Universität Bonn) sowie der Epidemiologe Timo Ulrichs (Akkon Hochschule für Humanwissenschaften) haben dem RND eine Einschätzung gegeben.

Die Corona-Regeln fallen

Haben wir jetzt wirklich die schlimmste Phase der Pandemie hinter uns?

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Binder: Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir das Schlimmste überstanden haben. Durch die Impfung, insbesondere unter den Risikogruppen, gelang es, der Krankheit den größten Schrecken zu nehmen. Die Situation ist dadurch nicht mehr vergleichbar mit jener im Winter 2020/21, als das Risiko nicht nur für Hochbetagte sehr viel höher war, beatmet werden zu müssen oder gar an der Infektion zu versterben. Nichtsdestoweniger ist eine Pandemie nichts, was auf einen Schlag endet. Erst wenn die Immunität in der (Welt-)Bevölkerung ein stabiles Niveau erreicht hat – durch Impfung und wiederholte Infektionen vor allem in den Wintermonaten – kann man wirklich von einer echten endemischen Situation sprechen.

Lauterbach über Corona-Lage: „Wir haben eine Impflücke, die wir nicht akzeptieren können“

Am Donnerstag war die Zahl der täglichen Corona-Neuinfektionen auf einen neuen Höchststand gestiegen.

Ulrichs: Den größten zeitlichen Teil der Pandemie haben wir hinter uns. Wir befinden uns allerdings in einer Phase der sehr großen Virusausbreitung. In Deutschland gab es nie so viele gleichzeitig zirkulierende Coronaviren wie jetzt in der Herbst-/Wintersaison 2021/22. Nein, die Pandemie ist leider noch nicht vorbei, weder weltweit noch in Deutschland. Bei uns hätten wir dem Pandemieende schon sehr viel näher kommen können, aber mit Millionen Ungeimpften müssen wir mit einer weiteren Pandemiewelle in der nächsten Herbst-/Wintersaison 2022/23 rechnen.

Mit welcher Infektionslage rechnen Sie im Frühling und Sommer?

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Binder: Ich bin verhalten optimistisch, dass sich der Frühsommer und Sommer ähnlich verhalten wird wie in den beiden vergangenen Jahren: Die Infektionszahlen und vor allem auch die Krankheitslast dürften deutlich sinken.

Ulrichs: Anders als im Frühling 2020 oder auch 2021 gehen wir mit sehr hohen Neuinfiziertenzahlen in die wärmere Jahreszeit, mit einer großen Virusmenge, und von diesen Zahlen müssen wir erst mal runter. Das heißt, der positive Frühlingseffekt kann sich erst bemerkbar machen, wenn die Zahlen niedriger sein werden. Die geplante völlige Aufhebung der Schutzmaßnahmen zum 20. März wäre völlig falsch. Bis dahin werden wir keinen stabilen Abwärtstrend haben. Eine solche Aufhebung, ein „Freedom day“, würde zusätzlich zu einer Verbreiterung der Omikronwelle führen – bis hin zu einer Plateausituation. Man sollte vielmehr manche Maßnahmen wieder verschärfen.

Sind neue Virusvarianten immer noch die größte Unsicherheit?

Streeck: Als Wissenschaftler kann ich nichts ausschließen. Es kann sein, dass es Kombinationen zwischen Varianten gibt oder eine andere Variante, die sich schon entwickelt hat, setzt sich noch einmal durch, vielleicht in Verbindung mit Omikron. Ich halte aber nichts von diesen Spekulationen. Ich denke, wir sollten damit arbeiten, was wir wissen. Wir sehen, dass Omikron BA.2 eine starke Immunfluchtvariante ist, eine Escape-Variante vor der Immunantwort, die durch die Impfung oder eine durchgemachte Infektion entwickelt wurde. Das gibt ihr einen Überlebensvorteil gegenüber anderen Varianten, die wir kennen. Daher rechne ich damit, dass sich BA.2 über den Sommer hinaus durchsetzen wird. Ob es eine starke Sommerwelle geben wird, kann man nicht voraussagen. Es gibt Modelle, die es nahelegen, und gegenläufige Modelle, die sagen, dass durch die Saisonalität die Infektionszahlen im Sommer niedrig bleiben werden.

Virologe Streeck: „Bei niedriger Inzidenz ist Maskenpflicht nicht mehr notwendig“

Ab dem 20. März soll laut dem Gesetzentwurf der Ampelkoalition nur noch Masken- und Testpflicht möglich sein. Virologe Hendrik Streeck begrüßt diesen Schritt.

Ulrichs: Zurzeit sollte uns eher die neue Sorglosigkeit Sorgen bereiten, denn viele verhalten sich bereits so, als sei das Abebben der Omikronwelle ein Selbstläufer. Hier wurde von Bund und Ländern durch übereilte Lockerungsschritte der Situation nicht angemessen gehandelt und kommuniziert.

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Binder: Dass wir mit Omikron eine etwas mildere Variante des Coronavirus bekamen, ist zum größten Teil reiner Zufall und gewissermaßen Glück. Es gibt keinen wissenschaftlichen Grund anzunehmen, dass kommende Varianten so mild bleiben oder gar noch milder würden. Dazu muss man wissen: Im Stammbaum des Coronavirus ist Omikron kein abgeschwächter Nachfahre von Delta, sondern sozusagen eine „Neuentwicklung“ aus einer sehr viel ursprünglicheren Variante. Wie und wo sich die nächste Variante entwickeln wird, bleibt unvorhersehbar. Virologen weltweit müssen weiterhin wachsam bleiben und regelmäßig Sequenzanalysen von Virusgenomen durchführen, um neue Varianten rechtzeitig zu erkennen.

Das freiwillige Verhalten

Eine Maske zu tragen kann in Innenräumen immer noch Sinn machen.

Eine Maske zu tragen kann in Innenräumen immer noch Sinn machen.

Müssen oder sollten wir im Frühling und Sommer weiter Maske tragen und Abstand halten, uns regelmäßig testen?

Ulrichs: Abstand halten und Maske tragen ja, Testungen könnten zunehmend auf wichtige Bereiche beschränkt werden wie beispielsweise Alten- und Pflegeheime sowie Schulen.

Streeck: Bei hoher Inzidenz rate ich dazu, im öffentlichen Nahverkehr und im Supermarkt weiter auf Masken zu setzen. Im Übrigen kann jede Einrichtung, jedes Geschäft eine Hauspflicht erlassen. Das ist zum Beispiel in den Niederlanden so. In vielen Geschäften ist eine Maske vorgeschrieben, obwohl sie nicht mehr staatlich verordnet sind. Bei niedriger Inzidenz halte ich eine Maskenpflicht nicht mehr für notwendig. Jeder kann sich effektiv durch eine FFP2-Maske selbst schützen, die einen ausgeprägten Eigenschutz darstellt, und nicht nur einen Fremdschutz.

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Binder: Ich denke, im Sommer – und längerfristig gegebenenfalls sogar im Winter – können wir zunehmend auf Masken und Abstand verzichten. Corona hat uns aber auch vor Augen geführt, wie wirkungsvoll Abstand, Maske und regelmäßiges Händewaschen sind: Es gab in den beiden letzten Jahren fast keine Influenza-Grippe und auch andere Erreger hatten es sehr schwer. Infektiologisch wäre es daher wünschenswert, wenn wir uns in Zukunft bei schwereren Krankheitswellen, sei es durch die Influenza, das Coronavirus oder einen anderen Erreger, daran erinnern und auch ohne verpflichtende Regelungen aufeinander Rücksicht nehmen. Gerade für immungeschwächte Mitmenschen kann das einen erheblichen Unterschied machen!

Corona in Herbst und Winter

Spaziergang statt große Treffen in Innenräumen? Womöglich wieder eine Strategie bei stark steigenden Fallzahlen.

Spaziergang statt große Treffen in Innenräumen? Womöglich wieder eine Strategie bei stark steigenden Fallzahlen.

Welches Szenario für Herbst und Winter halten Sie für realistisch?

Ulrichs: Eine weitere Corona-Welle ist sehr wahrscheinlich. Hätten wir eine gute Impfabdeckung, wäre eine erhöhte Infektionsrate kein Problem. Die vielen Ungeimpften aber stellen ein Risiko für unser Gesundheitswesen dar, denn sie haben ein hohes Risiko für einen schweren, behandlungsbedürftigen Verlauf, ganz gleich, welche Variante im Herbst aktuell sein wird. Und das können wir uns angesichts der Kriegs- und Flüchtlingssituation nicht leisten. Wer sich jetzt immer noch nicht impfen lässt, verhält sich gleich doppelt unsolidarisch – gegenüber der Solidargemeinschaft unseres Gesundheitssystems und gegenüber den in Deutschland zu versorgenden Geflüchteten.

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Worauf sollten wir uns im Best Case und im Worst Case einstellen?

Ulrichs: Best Case: Es setzt sich eine neue Variante durch, die kaum klinische Verläufe macht. Worst Case: Im Herbst sehen wir eine Variante mit der Ansteckungsfähigkeit von Omikron und der Schwere klinischer Verläufe von Delta – oder schwerer. In beiden Fällen schützt eine gute Durchimpfung – auch mit den bereits zugelassenen Impfstoffen.

Die neue Krise neben der Pandemie

Der Krieg in der Ukraine wirkt sich auch auf das Leben in Deutschland aus.

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Wird der Krieg in der Ukraine eine Rolle für die weitere Pandemieentwicklung in Europa und Deutschland spielen?

Streeck: In der Ukraine sind im Vergleich zu Deutschland weniger Menschen geimpft – und wenn, dann häufig mit einem Impfstoff, der zwar von der WHO, aber nicht bei uns zugelassen ist. Es ist jedoch damit zu rechnen, dass es eine sehr viel größere Durchseuchung gegeben hat, sodass mehr Menschen bereits eine Immunität durch eine durchgemachte Infektion haben. Prinzipiell glaube ich nicht, dass wir einen besonderen Anstieg der Infektionszahlen haben werden. Dennoch bin ich dafür, dass jeder, der aus gutem Grund aus diesem Land flüchtet, hier ein Impfangebot erhält. An der Stelle gilt genauso: Jemand, der durch eine durchgemachte Infektion einen guten Schutz hat, muss einem Geimpften gleichgestellt behandelt werden.

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Ulrichs: Wir stehen vor einer Doppelbelastung durch zwei Krisen: Krieg mit allen wirtschaftlichen, politischen, gesellschaftlichen und auch gesundheitlichen Folgen und Pandemie mit ebensolchen. Was keine nennenswerte Rolle spielen wird, wäre eine Einschleppung weiterer Coronaviren durch die Geflüchteten. Allen wird ein Impfangebot gemacht werden, und ich bin sehr sicher, dass dieses auch vollumfänglich angenommen werden wird.

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