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Epidemiologe Klaus Stöhr: „Der nächste Sommer wird superentspannt“

  • Die Politik müsse bei den Corona-Maßnahmen auch das Ende der Pandemie im Blick behalten, sagt der Epidemiologe Klaus Stöhr im RND-Interview.
  • Staatliche Maßnahmen seien höchsten noch bei einer starken Infektionswelle gerechtfertigt, zu der es im Herbst kommen könne.
  • Ab dem nächsten Frühjahr erwartet Stöhr dann nur noch wenig schwere Verläufe.
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Der Epidemiologe Klaus Stöhr war 15 Jahre lang für die Weltgesundheitsorganisation (WHO) tätig, hat dort das Global-Influenza-Programm geleitet und war Sars-Forschungskoordinator. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) spricht Stöhr über die Corona-Maßnahmen, die Impfung von Kindern und das Ende der Pandemie.

Herr Stöhr, wie beurteilen Sie die aktuelle Corona-Politik in Deutschland?

Was ich in Deutschland vermisse, sind klare Parameter, an die die Maßnahmen für den Herbst und Winter gekoppelt werden und bei denen man auch das Ende der Pandemie im Blick behält. Andere Länder, zum Beispiel Dänemark oder die Schweiz, haben das vorgemacht. Dort wurden Maßnahmen aufgehoben, können aber neu verhängt werden, wenn es wieder über eine bestimmte Schwelle geht. So schafft man Transparenz.

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Ist es richtig, dass in Deutschland künftig stärker die Krankenhausbelegung berücksichtigt wird und weniger die Inzidenz?

Die Gesamtinzidenz als alleiniger Entscheidungsparameter war in der Tat noch nie sehr hilfreich. Auch weil der wichtigste Risikofaktor für schwere Erkrankungen – das Alter – dabei nicht berücksichtigt wurde. Die symptomlosen Infektionen bei Jugendlichen wurden auch mitgezählt. Aber: 99,9 Prozent der Todesfälle und die meisten schweren Erkrankungen betrafen die über 50-Jährigen. Daher hätte man sich als Bekämpfungsindikator schon längst an der altersspezifischen Inzidenz orientieren sollen und der Krankenhausbelegung. Damit lässt sich die Zahl der zu erwartenden schweren Fälle vorhersagen und die Belastung des Gesundheitssystems.

Wie stellen Sie sich den Übergang zur Normalität in Deutschland vor?

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Wenn jedem ein Impfangebot gemacht wurde, gibt es für mich keinen Grund, staatliche Maßnahmen permanent aufrechtzuerhalten, die über die AHA-Regeln hinausgehen. Sondern nur dann, wenn sich eine schwere Welle ankündigt, die zu einer starken Belastung oder Überlastung des Gesundheitssystems führen könnte. Ich würde mich hierbei an der Inzidenz bei den über 60-Jährigen als Warnindikator orientieren.

Wie wahrscheinlich ist eine neue schwere Welle im Herbst?

Die Impfrate bei den über 60-Jährigen liegt bei 80 Prozent. Das heißt, etwa 4 Millionen Menschen in dieser Hauptrisikogruppe sind nicht geimpft: Davon werden sich bei der Welle im Herbst garantiert noch viele infizieren und auch schwer erkranken.

Der Epidemiologe Klaus Stöhr glaubt an eine breite Entspannung im kommenden Sommer. © Quelle: imago images/teutopress

Muss man also nicht doch etwas unternehmen?

Im letzten Winter traten allein 40 Prozent der Todesfälle in Alten- und Pflegeheimen auf. Daher verstehe ich nicht, warum man sich bei der Impfstrategie nicht auf die Altenpflegeheime konzentriert und dort Anreize setzt, ebenso in der mobilen Pflege und auch für das Personal.

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Manche Eltern würden nun auch gerne Kinder unter zwölf Jahren impfen.

Das verstehe ich. Aber diese Kinder erkranken so gut wie nie schwer. Es gibt für sie auch keine zugelassenen Impfstoffe – das Impfrisiko wäre sehr wahrscheinlich höher als der potentielle Nutzen. Den Jugendlichen dagegen kann jetzt ein Impfangebot gemacht werden, wobei kein Druck aufgebaut werden sollte. Kinder in Kita und Grundschule werden eine Covid-19-Infektion durchmachen, so wie viele andere Atemwegserkrankungen auch.

Leider hat man den Eltern aber unheimlich viel Angst gemacht, sodass vielerorts die Verhältnismäßigkeit völlig verloren geht. Sie können auf der Straße Kinder mit dem Fahrrad sehen ohne Helm, aber mit Maske: Das Risiko im Vergleich zu anderen Gefahren wird eindeutig überbewertet.

Viele Eltern befürchten auch, dass ihr Kinder am sogenannten „Long-Covid-Syndrom“ erkranken könnten.

Die Befürchtungen wurden durch die Ergebnisse von Studien befeuert, die viel zitiert wurden, aber häufig unzulänglich waren und ohne Kontrollgruppen stattfanden. In aussagekräftigeren Studien bei Kindern und Jugendlichen etwa aus der Schweiz und Deutschland kamen „Long Covid“-Symptome genauso häufig oder nur wenig häufiger bei Covid-19-positiven Kindern vor wie bei Kindern, die noch nie infiziert waren. Sars-CoV-2 konnte hier also nicht die Ursache sein.

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Stattdessen nehmen nun Infektionen mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus zu, weil das Immunsystem von Kindern nach monatelangen Hygienemaßnahmen und Isolierung nicht aufgefrischt wurde.

Das ist eine schwere Erkrankung, die bei sehr kleinen Kindern weit schlimmer verläuft als Corona. In der Schweiz müssen jetzt schon mehr Kinder mit RSV-Infektionen in den Krankenhäusern behandelt werden als mit Covid-19. Ich will damit nicht sagen, dass jede Art von Kontaktbeschränkungen falsch war. Was aber zum Beispiel die Kita- und Grundschulschließungen angeht, wurde in anderen Ländern einiges besser gemacht. In der Schweiz wurden seit Sommer letzten Jahres keine Schulen mehr geschlossen, auch in Frankreich und Schweden wurden sie weitgehend offengehalten, unter Akzeptanz sehr hoher Inzidenzen.

Sie haben einen offenen Brief der Initiative Familien unterzeichnet, indem weitgehende Normalität im Schulbetrieb gefordert wird. Darin heißt es, Hygieneregeln müssten angemessen ausfallen und dürften nicht weit über das hinauszugehen, was man Büroangestellten zumuten mag.

Das ist richtig. Ich bin auch zum Beispiel dagegen, ganze Klassen unter Quarantäne zu stellen wegen eines asymptomatischen Kindes. Es gibt genug Daten, die belegen, dass einzelne Infektionen von Schülern und Schülerinnen in den seltensten Fällen zu Ausbrüchen führen. In einer Studie aus Hessen waren nur 1 Prozent der Kontaktpersonen positiv. Da reicht es, diese zu testen, anstatt in den Panikmodus zu verfallen.

Als Argument für Schulschließungen wurde lange die Herdenimmunität angeführt. Nun gesteht die Politik allmählich ein, dass diese gar nicht zu erreichen ist.

Eine Herdenimmunität kann es bei den klassischen Atemwegserkrankungen nicht geben. Das geht nur bei Viren, bei denen es keine Reinfektion gibt. Diese Viren kann man dann auch eliminieren wie die Pocken und hoffentlich bald die Masern. Das war am Anfang der Pandemie schon klar.

Sie haben sich kürzlich optimistisch geäußert, dass die Pandemie im Frühjahr 2022 mehr oder weniger vorbei sein wird?

Sie ist dann wirklich vorbei, wenn alle entweder einen Erstkontakt mit dem Virus hatten oder geimpft sind. Neuinfektionen werden dann weitaus milder verlaufen und die Krankheitslast und Sterblichkeit wird nicht höher als bei anderen Atemwegserkrankungen sein. In diesem Winter wird es zu schweren Verläufen kommen, auch zu Todesfällen. Im Frühjahr sind dann aber noch mehr Menschen geimpft oder genesen. Dann kommt zum Sommer hin noch der saisonale Effekt hinzu, der das Infektionsgeschehen deutlich ausbremsen wird. Der nächste Sommer wird superentspannt.

Machen Varianten wie Delta diese Vorstellung nicht zunichte? Auch wird von immer mehr Impfdurchbrüchen berichtet.

Nein, keinesfalls. Delta-Erkrankte scheiden zwar länger das Virus aus, aber in der Praxis wird das durch den inzwischen höheren Immunschutz in der Bevölkerung wieder ausgeglichen. Die Impfungen bieten immer noch einen guten individuellen Schutz vor einer schweren Erkrankung und mildern den Verlauf der allermeisten symptomatischen Infektion deutlich ab. Wobei Ältere insgesamt am anfälligsten bleiben.

Die Impfung hält auch nur solange, wie Antikörper da sind. Ich glaube daher fest, dass die Stiko die Nachimpfung der über 60-Jährigen und anderen Vulnerablen empfehlen wird. Den wahrscheinlich noch besseren Schutz bietet eine natürlich durchgemachte Infektion, besonders hoch kann er ausfallen, wenn sich ein Geimpfter später noch infiziert. Ich habe das tatsächlich versucht in diesem Sommer, es war aber nicht so einfach und ist mir nicht gelungen.

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