WHO-Sprecher Lindmeier zur Impfstoffverteilung: „Es ist wichtig, das globale Bild im Auge zu behalten“

  • Einige Länder haben bis heute nicht eine einzige Impfdosis erhalten.
  • Über 100 Länder haben sich daher für eine zeitweilige Aufhebung des Patentschutzes ausgesprochen, darunter nun auch die USA.
  • Christian Lindmeier, Sprecher der WHO, betont, wie wichtig die globale Impfstoffverteilung ist – doch die Patente aufzuheben sei nicht allein die Lösung.
Melina Runde
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Die Diskussion um die Impfstoff-Patentrechte ist keine neue. Indien und Südafrika, zwei von der Pandemie stark betroffene Länder, hatten bereits im Oktober vergangenen Jahres beantragt, den Patentschutz zumindest bis zum Ende der Pandemie außer Kraft zu setzen. Mehr als 100 Länder und zahlreiche Nichtregierungsorganisationen schlossen sich ihnen an. Einige Industriestaaten sowie die EU lehnten diesen Vorschlag ab – bis jetzt. Die Vereinigten Staaten sprachen sich nun für eine vorübergehende Aufhebung der Patent­rechte aus, damit weltweit Hersteller die Corona-Impfstoffe auch ohne zu zahlende Lizenz­gebühren produzieren können.

Der Generaldirektor der Weltgesundheits­organisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus, bezeichnete diese Ankündigung als „eine bedeutende Solidaritäts­bekundung und Unterstützung für die Impf­gerechtigkeit“. Er fordert andere Länder dazu auf, den USA zu folgen. „Wir hoffen, dass diese Entscheidung dazu beitragen wird, die weltweite Produktion und gerechte Verteilung von Impfstoffen zu erhöhen“, sagt er weiter.

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Einige Länder können nicht einmal ihr Gesundheits­personal impfen

Bisher hat sich die Gerechtigkeit bei der Impfstoff­verteilung eher in Grenzen gehalten. Einige Länder, wie Israel, haben bereits die breite Masse ihrer Bevölkerung geimpft – andere gehen noch eher leer aus. Während Kanada neun und Großbritannien knapp sieben Dosen pro Einwohner bestellt haben, reicht es in den meisten Mitglieds­staaten der Afrikanischen Union nicht einmal für eine Impfung pro Person. Viele ärmere Länder sind nicht einmal dazu in der Lage ihr Gesundheits­personal zu impfen.

Die Initiative Covax, die von der Weltgesundheits­organisation (WHO), der Impfallianz Gavi und der Coalition for Epidemic Preparedness Innovations (CEPI) geleitet wird, versucht genau da zu helfen. „Hier geht es natürlich vor allem darum, die einkommens­schwächeren Länder zu unterstützen, die sonst keinen Zugang zu Impfstoffen und auch keine eigene Produktion haben“, sagt WHO-Sprecher Christian Lindmeier dem RND. „Hier müssen wir einen gesellschaftlichen, globalen Ansatz haben, der weiter reicht als die Nationalstaatlichkeit.“

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Gerechte Verteilung ist von mehr als nur dem Impfstoff abhängig

Doch mangelt es an Impfstoff, nützt auch die fairste Verteilung nichts: „Wenn nicht genügend Impfdosen da sind, kann man diese natürlich auch nicht verteilen. Da sind alle gefragt – die Hersteller und die Länder. Viele Fragen stehen da noch offen, die zum Beispiel das Patentrecht, die Weitergabe von Wissen oder den Aufbau weiterer Manufakturen betreffen.“

Die globale Impfverteilung ist auch logistisch eine große Aufgabe. Hier laden Mitarbeiter eine Kiste mit Astrazeneca-Impfstoff von einem LKW am Flughafen von Mogadischu in Somalia. Es ist die erste Lieferung von insgesamt 300.000 Impfdosen, die im Rahmen von Covax an das Land geliefert werden. © Quelle: Farah Abdi Warsameh/AP/dpa

Doch nur das Patentrecht aufzuheben, löst das Problem der gerechten Verteilung nicht – die hängt von mehr als nur dem Impfstoff ab. „Es braucht Fabriken, die Glasbehälter, die Spritzen dazu. Es braucht ausgebildetes Personal, eine Kühlkette und Informationen, die die Leute vorher erreichen, um zu wissen, wie sie damit umgehen müssen, wie sie einen Impfplan aufstellen und wie risikoreich eine Impfung ist.“ Lindmeier vergleicht das Weitergeben der Patente mit dem Rezept eines Sternekoches. Damit ein kompliziertes Gericht so gelingt, wie es sollte, brauche es auch eine Menge Zutaten, eine richtige Küche, die passenden Töpfe und Personal. „Es braucht so viel mehr, als nur das Rezept weiterzugeben. Da gehört viel zusammen und all das muss funktionieren.“

Impfstart in 180 Mitgliedsstaaten – teilweise nur Hunderte Dosen pro Land

Im Großen und Ganzen habe Covax jedoch „einen großen Meilenstein schon fast erreicht“, berichtet Lindmeier weiter. Von 194 Mitglieds­staaten der WHO seien die Impfkampagnen bisher in 14 Ländern, Wirtschaftsräumen oder Gebieten noch nicht gestartet. „Das klingt erst mal sehr gut. Aber wir müssen natürlich sehen, dass das keine Aussage über die Quantität ist. Mit den Impfungen angefangen zu haben, kann ein paar Hundert Leute bedeuten. Das ist natürlich etwas ganz anderes, als wenn ich 30 bis 50 Prozent der Bevölkerung schon geimpft hätte.“

Sind dann die ersten Impfstoffe in einem Land vorhanden, seien alle Risikogruppen immer an erster Stelle, darunter die ältere Bevölkerung, Pflegepersonal oder Menschen mit Vorerkrankungen. Aber auch hier müsse die Regelung global gelten: „Es hilft natürlich gar nichts, wenn ein Land zu 100 Prozent geimpft ist, aber in dem nebenliegenden Land nur 2 oder 3 Prozent die Impfungen bekommen haben und sich das Virus dort weiterentwickeln kann.“

Globale Impfstoff­verteilung vor allem wegen weltweiter Mutationen wichtig

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Gerade in dieser Pandemie sei es wichtig, global zu denken, erzählt Lindmeier. „Die ist nicht ausgerottet oder nicht wirksam bekämpft, wenn wir sie nicht überall bekämpft haben.“ Vor allem die Mutationen spielen hier eine Rolle. „Wie wir es in verschiedenen Gegenden der Welt sehen, kann das Virus mutieren. Das wird es tun, solang es den Raum dazu hat. Solang es irgendwo auf der Welt Bereiche oder ganze Regionen gibt, die nicht geimpft sind, wird das Virus dort immer wieder Halt finden und sich dann verändern und anpassen, um überleben zu können.“ Experten befürchten, dass die bisherigen Corona-Impfstoffe gegen zukünftige Virusvarianten teilweise nur noch wenig oder gar nicht wirksam sein könnten.

Dass viele Nationalstaaten erst einmal an die eigene Bevölkerung denken, sei jedoch total normal: „Jede gewählte Regierung ist natürlich für ihre eigene Bevölkerung verantwortlich und wird auch alles tun, um diese zu schützen, das ist ganz klar. Aber hier ist es eben wichtig, das globale Bild im Auge zu behalten. Wir haben nichts erreicht, wenn wir nicht alle Bevölkerungen zu einem gewissen Maß geimpft haben.“

Diese Pandemie legt den Finger in die Wunden der Gesellschaft

Verteilen sich die Impfstoffe nicht gerecht, kann das auch gesellschaftliche Folgen haben. „Es gibt auf der einen Seite die Länder, die gerade mal ein paar Hundert oder Tausend Dosen empfangen haben, um ihre wichtigsten Bevölkerungsgruppen und ihr Pflegepersonal zu impfen. Auf der anderen Seite gibt es die, die 30 bis 50 Prozent der Bevölkerung geimpft haben. Das schafft globalen Neid“, so der WHO-Sprecher.

„Wir haben vor über einem Jahr schon in vielen Pressekonferenzen gesagt, dass diese Covid-19 Pandemie den Finger in die Wunden der Gesellschaften legt und die Schwächen in einer Gesellschaft aufzeigen wird.“ Auch noch nach Ende der Pandemie werde sie ihre gesellschaft­lichen Spuren hinterlassen. Viele Einzelpersonen aber auch ganze Wirtschaftszweige leiden. „Jeder will wieder raus, jeder will wieder reisen oder sich in Ruhe mit fünf Leuten treffen können. Gerade jetzt, wenn auf der Nordhalbkugel der Sommer losgeht. Das wollen wir natürlich lieber jetzt als morgen“, sagt Lindmeier. Doch betont er immer wieder, dass diese Pandemie eben erst ihr Ende finden wird, wenn sie auch weltweit vorbei ist.

Erfahrungswerte durch die Impffortschritte einiger Länder für alle nützlich

Dass einige Länder bereits große Fortschritte bei den Impfungen gemacht haben, kann aber auch für andere Länder von Vorteil sein: „Wir sind immer noch in einer Testphase, das darf man nicht vergessen. Das heißt, je mehr Länder impfen, desto mehr Daten bekommen wir, um zu wissen, wie lange der Impfschutz hält oder ob es irgendwelche langzeitlichen Konsequenzen davon gibt.“ Diese Erfahrungswerte ergäben sich erst bei einer gewissen Impfquote.

Die Erfahrungswerte aus den Studien und dem bisherigen Impf­fortschritt einiger Länder festigen immer mehr die Erkenntnisse über die Impfstoffe. „Wir wissen, dass die Impfungen schwere Krankheits­verläufe und den Tod vermeiden können und das ist natürlich das Wichtigste. Wir müssen verhindern, dass die Intensiv­stationen voller Patienten sind, die wegen Covid an Sauerstoff­geräten hängen und um ihr Leben kämpfen. Wenn wir das erreichen können, ist schon viel erreicht.“

Wie wird die Zukunft mit Covid-19 aussehen?

Doch für andere Erkenntnisse braucht die Forschung noch Zeit. „Wir wissen im Moment nicht, wie gut weitere Ansteckungen und das Weitertragen des Virus durch die Impfungen gestoppt werden können. Die ersten Studien zeigen da sehr vielversprechende Ergebnisse: Es gibt erste Anzeichen, dass auch weitere Ansteckungen vermieden werden können, aber das ist noch nicht abschließend geklärt.“

Auch wie lange die Immunisierung anhält und wie sie in Zukunft aussehen wird, sei noch unklar. Es könnte möglich sein, dass auch zukünftig die Auffrischimpfung, ähnlich wie bei den Grippeimpfungen, jährlich erneut angepasst werden müsse. „Das wird uns eine Zeit lang begleiten und wir werden lernen müssen, damit ganz normal umzugehen und es wie eine Grippe oder andere ansteckende Krankheiten zu behandeln. Wir müssen uns in gewisser Weise davor schützen und vielleicht regelmäßig impfen – wir werden es sehen.“

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