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Leer, Frankfurt und Thüringen: Ist das schon die zweite Welle?

  • Meldungen über die sinkende Zahl von Infizierten, stabile R-Werte und zahlreiche Lockerungen auf der einen Seite.
  • Berichte über zahlreiche Infektionen in einem Restaurant in Leer und bei einem Gottesdienst in Frankfurt auf der anderen Seite.
  • Ist das schon die zweite Welle der Corona-Erkrankungen? Jein. Wir gehen der Frage auf den Grund.
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Kaum greifen die zahlreichen Lockerungen in den Bundesländern, wird auch wieder über neue Corona-Ausbrüche berichtet. Ein Zufall? Kann sein – bis jetzt gibt es noch nicht genügend belastbare Zahlen. Die Meldungen an die Gesundheitsämter und von den Gesundheitsämtern sind verzögert, Menschen können infiziert sein, ohne es zu bemerken, und der R-Wert des Robert-Koch-Instituts bezieht sich auf einen Zeitpunkt knapp zwei Wochen vor dem aktuellen Datum.

Dennoch scheinen sich Meldungen zu mehren, die von neuen Ausbrüchen berichten. In Jheringsfehn bei Leer in Niedersachsen mussten 118 Menschen nach einem Restaurantbesuch in Quarantäne, 18 wurden in Folge des Besuchs positiv auf das Coronavirus Sars-CoV-2 getestet. Die Betreiber des Restaurants betonten, dass alle Hygienerichtlinien befolgt wurden. Jedoch gibt es auch Stimmen, die das bezweifeln. Es scheint eine private Feier im Lokal stattgefunden zu haben. Ob dabei die Corona-Regeln eingehalten wurden, scheint zweifelhaft zu sein. Der Landkreis Leer geht Hinweisen auf Regelverstöße nach.

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Ein weiterer Fall ereignete sich bei einem Gottesdienst einer Baptistengemeinde in Frankfurt am Main. Nach Berichten der “Frankfurter Rundschau” habe sich “eine größere Zahl von Menschen” infiziert. Wie hoch diese Zahl ausfällt, ist noch nicht bekannt, so der stellvertretende Leiter des Frankfurter Gesundheitsamts, Antoni Walczok. Nach Gemeindeangaben befinden sich sechs Gottesdienstbesucher im Krankenhaus. Allerdings sei nicht nur Frankfurt betroffen, sondern auch umliegende Landkreise, darunter etwa der Wetterau-, der Hochtaunuskreis oder der Main-Kinzig-Kreis. Inzwischen wird von mehr als 100 Infizierten gesprochen.

Nach Angaben des Main-Kinzig-Kreises wurden allein in Hanau 16 Personen positiv getestet, die den Gottesdienst besucht hatten oder in direktem Kontakt mit Besuchern gestanden haben sollen, schreibt die “Frankfurter Rundschau”. Gottesdienste dürfen seit dem 1. Mai wieder stattfinden – ebenso wie Restaurantbesuche unter Einhaltung der Hygienebedingungen.

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Währen sich die Nachrichten dieser Ansteckungen schneller verbreiteten als das Virus selbst, plant Thüringen, die landesweiten Corona-Schutzvorschriften bald zu beenden. Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) erklärte das Vorhaben in der “Bild am Sonntag” so: “Der Erfolg gibt uns mit den harten Maßnahmen recht – zwingt uns nun aber auch zu realistischen Konsequenzen und zum Handeln. Und das heißt: Für Thüringen empfehle ich die Aufhebung der Maßnahmen.” Ab dem 6. Juni will Ramelow landesweit auf Corona-Maßnahmen verzichten – kein Mindestabstand, keine Kontaktbeschränkungen, kein verpflichtender Mund-Nasen-Schutz. Statt dieser Vorgaben soll es dann regionale Maßnahmen abhängig vom Infektionsgeschehen vor Ort geben.

Nun stellen sich drei Fragen

Kamen/kommen die Lockerungen zu früh? Sind die Hygienemaßnahmen wirksam? Und droht schon jetzt die zweite Welle? Alle drei Fragen können jedoch zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantwortet werden. Schauen wir uns die Fragen einmal im Einzelnen an.

Frage 1: Kamen/kommen die Lockerungen zu früh?

Die Lockerungen sind auf Bundes-, Länder- und Kommunenebene umstritten, auch in der Bevölkerung. Während den einen die Lockerungen zu früh kommen, kann es für die anderen nicht schnell genug gehen. Fakt ist: Wir haben rückläufige Infektionszahlen, die täglich neu ermittelte Reproduktionszahl liegt seit einigen Tagen unterhalb der kritischen Marke von 1,0, aktuell befindet sich kein Landkreis in Deutschland über der kritischen Grenze von 50 Neuansteckungen je 100.000 Einwohner innerhalb der letzte sieben Tage und in mehreren Bundesländern gibt es bereits Meldungen mit Tagen ohne neue gemeldete Infektionen. Dementsprechend ist die Entscheidung für weitere Lockerungen nachvollziehbar.

Auf der anderen Seite darf man nicht vergessen, dass sich die oft zitierte Reproduktionszahl nicht auf das aktuelle Geschehen bezieht, sondern auf ein Zeitpunkt vor knapp zwei Wochen. Somit sind zum Beispiel noch nicht Auswirkungen von Christi Himmelfahrt und den Lockerungen der Bundesländer rund um Restaurants, Fitnessstudios oder Hotels daraus abzulesen. Nachdenklich stimmen sollten die neuerlichen Vorkommnisse und Ansteckungen in einem Restaurant und bei einem Gottesdienst. Diese könnten zwar Zufall oder Einzelfälle sein, aber auch ein Zeichen, dass die Lockerungen zu früh kommen oder kamen.

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Frage 2: Sind die Hygienemaßnahmen wirksam?

Grundsätzlich kann man auch hier wieder mit den gleichen Erfolgen argumentieren, die bereits bei der ersten Frage aufgetaucht sind: rückläufige Ansteckungs- und Infiziertenzahlen. Woran das jedoch genau liegt, lässt sich nicht unmittelbar benennen. Sicher ist, dass die Anzahl der Infektionen ohne erfolgte Hygienemaßnahmen deutlich höher liegen würde. Jedoch kann man nicht bestimmen, welchen absoluten Anteil die Hygieneregeln haben.

Bedenkt man, dass zahlreiche Museen, Bibliotheken, Zoos oder auch Restaurants bereits unter strenger Einhaltung der Regeln geöffnet haben, kann man von ihrer Wirksamkeit ausgehen. Sollte sich jedoch die Aussage des Restaurantbetreibers bei Leer bewahrheiten, dass alle Hygieneregeln eingehalten wurden und es trotzdem zu Ansteckungen kam, wirft das wiederum weitere Fragen auf. Sind die Hygienemaßnahmen nicht streng genug? Haben sich Betreiber und Personal doch nicht daran gehalten? Haben sich die Gäste nicht daran gehalten? Die Untersuchungen des Landkreises sollen Klarheit bringen. Dieser geht Hinweisen nach, dass es Verstöße gegen die Hygieneregeln gab.

Frage 3: Droht schon jetzt die zweite Welle?

Zahlreiche Wissenschaftler und Virologen sind sich einig: Die zweite Welle wird kommen, auch wenn sie sich über die Begrifflichkeit etwas uneinig sind. Wann das genau der Fall sein wird, darauf gibt es wegen des oft zitierten dynamischen Geschehens keine Antwort. Allerdings rechnen mehrere der Experten mit einer neuen Virusausbreitung im Herbst. Nach Ansicht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sollte sich Europa bereits jetzt auf eine zweite tödliche Welle von Coronavirus-Infektionen einstellen. Es sei an der “Zeit für die Vorbereitung, nicht für Feierlichkeiten”, sagte der WHO-Regionaldirektor für Europa, Hans Kluge, am Montag der britischen Zeitung “The Telegraph”.

Für Alexander Kekulé, Virologe und Infektionsepidemiologe an der Uniklinik Halle, steht nahezu fest: Die Zahl der Infektionen im Herbst wird wieder zunehmen. Nach seiner Überzeugung verhalte sich Sars-CoV-2 in dieser Hinsicht nicht anders als andere Corona- oder Influenzaviren, die sich in den kühleren Jahreszeiten deutlich stärker verbreiten. Der Rückgang jetzt sei neben den Maßnahmen auch den steigenden Temperaturen zu verdanken. Um eine explosionsartige Ausbreitung zu vermeiden, setzt Kekulé neben konsequenter Maskenbenutzung vor allem auf eine massive Ausweitung der Testkapazitäten: Eine halbe Million Menschen täglich müsste Deutschland bis dahin testen können, fordert er – vor allem mit Schnelltests, die binnen weniger Minuten ein Ergebnis zeigten und zum Beispiel bei der Einreise an Flughäfen oder vor Besuchen in Krankenhäusern und Pflegeheimen verpflichtend sein sollten.

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Auch Charité-Virologe Christian Drosten erwartet mit fallenden Temperaturen einen neuen Anstieg an Covid-19-Infektionen. Seiner Ansicht nach könnten die vermehrten Virusausbrüche in Schlachthöfen ein Hinweis darauf sein, dass sich das Virus vor allem bei niedrigeren Temperaturen besser ausbreite. Die beschlossenen Maßnahmen zeigen für ihn Wirkung, das könne man an den vergleichsweise niedrigen Infektionszahlen sehen. Das heiße aber nicht, dass es jetzt für alle Zeiten so bleibe.

Matthias Stoll, Infektiologe an der Medizinischen Hochschule Hannover, will sich auf einen Zeitpunkt einer drohenden zweiten Welle nicht festlegen, könne sich diese im Herbst jedoch vorstellen: “Leider sind wir weit entfernt von einer Herdenimmunität und haben keine Impfung. Im Herbst könnte es also gut sein, dass wir eine zweite größere Welle erleben. Immer noch bin ich der Meinung, dass man derzeit nicht wirklich vorhersagen kann, ob es wirklich so kommt. Dazu kennen wir das Virus noch nicht lange genug.” Zu den Erfolgen von Maßnahmen und Lockerungen durch Bund und Länder äußert sich Stoll zurückhaltend: “Wir haben mit dem Lockdown gesehen, dass Virusgrippe und andere respiratorische Infektionen im März so abrupt wie noch nie zum Ende einer Wintersaison aus Deutschland praktisch komplett verschwunden sind. Mit Covid-19 sahen wir zwar Erfolge, aber sind weit davon entfernt, dass Sars-CoV-2 aus Deutschland verschwunden ist.” Es sei zudem nicht abzuschätzen, wie effektiv einzelne Maßnahmen im Einzelnen sind. Man könne nicht sagen, was eine Mund-Nasen-Bedeckung bewirke – oder eben nicht bewirke. Social Distancing und die Abstandsregel hält er dagegen für “recht wirksame Maßnahmen”. Aber auch ein früherer Anstieg als im Herbst sei denkbar: “Man kann aber nicht vorhersagen, dass weitere – bereits jetzt angekündigte – Lockerungen ebenfalls die Infektionszahlen nicht vielleicht doch künftig nach oben anziehen lassen”, sagte Stoll gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Urlaubs- und Reiseplanungen gelten als Knackpunkt

Nach wochenlangem Lockdown, Entbehrungen und Beschränkungen sehnen sich viele Menschen nach Normalität – und Urlaub. Nun steht Pfingsten vor der Tür, und die Sommerferien nahen. Außenminister Heiko Maas (SPD) zeigte sich nach Videokonferenzen mit den Nachbar- und Urlaubsländern der Deutschen in der vergangenen Woche außerdem zuversichtlich, dass die weltweite Reisewarnung nach dem 14. Juni zumindest für die Europäische Union aufgehoben werden kann. Doch die Situation könnte wieder kippen, warnen Experten.

Ein Tag im Freibad, ein Wochenendausflug ans Meer, vielleicht sogar eine Auslandsreise: Dank fortschreitender Lockerungen könnte all das in diesem Sommer trotz Corona möglich sein. Doch nach wie vor gilt: Jede Lockerung bleibt ein Spiel mit dem Feuer.

Wenn viele Menschen aufeinandertreffen, die normalerweise keinen Kontakt miteinander haben, müsse ein erneutes exponentielles Wachstum der Infektionszahlen befürchtet werden, sagt der Arzt und Gesundheitsforscher Max Geraedts von der Universität Marburg. Aktuell sähen die Infektionszahlen zwar gut aus. Wenn Menschen wieder vielerorts eng zusammenkämen, könnte das dennoch ausreichen, “um wieder einen starken Anstieg loszutreten”.

Doch welche Risiken bergen Reisen mit Blick auf die Infektionszahlen? Pauschal lasse sich diese Frage nicht beantworten, sagt Geraedts. “Wenn Sie allein am Strand rumlaufen – egal wo in der Welt –, dann ist das natürlich egal, das können Sie ruhig machen”, meint er. “Aber wenn Sie dann abends in einer Bar mit vielen Menschen zusammenkommen, kann es unangenehm werden.”

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Reisen trotz Corona: Was muss ich als Urlauber beachten?
1:01 min
Auch bei Reisen sind Schutzmaßnahmen nötig. Wir erklären, wie sich Urlauber am besten vor einer Infektion schützen.  © RND

Reisen könnten Sars-CoV-2 in bisher verschonte Regionen bringen

Die bevorstehende Urlaubszeit berge zudem das Risiko, dass sich das Virus großflächiger ausbreite, erklärt Geraedts – also auch an Orte, die bislang verhältnismäßig verschont geblieben sind. Anfang des Jahres waren viele Ausbrüche noch recht klar an einzelnen Orten zu lokalisieren gewesen, beispielsweise im Skiort Ischgl. “Das ist natürlich jetzt echt ein Problem, weil wir jetzt diese ganzen Einzelfälle haben, die über ganz Deutschland verteilt sind”, sagt er. “Wenn die jetzt alle in Urlaub fahren in Deutschland, in Europa und in der ganzen Welt, ist natürlich die Gefahr da, dass sie das Virus überallhin tragen.”

Auch Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen betont mit Blick auf infizierte Menschen, die keine oder wenige Krankheitssymptome zeigen: “Wenn man sich veranschaulicht, dass nur ein sehr geringer Bevölkerungsanteil bisher immun sein dürfte, so ist klar, dass das Virus sich schnell auch wieder ausbreiten kann, wenn die Bedingungen dafür stimmen.”

Gleichzeitig verweist Zeeb darauf, dass viele Menschen nun Masken trügen und sich an physische Distanzierung gewöhnt hätten. Und: Die Infektionszahlen seien derzeit nicht nur in Deutschland, sondern auch in Reiseländern im Mittelmeerraum rückläufig.

mit dpa

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