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Neue Erkenntnisse zu Post und Long Covid: „Erkrankung ist heute nicht mehr so nebulös“

In den ersten Wochen nach der Corona-Infektion haben nach derzeitigen Schätzungen etwa 10 Prozent der Covid-Patientinnen und ‑Patienten mit anhaltenden Beschwerden zu tun.

In den ersten Wochen nach der Corona-Infektion haben nach derzeitigen Schätzungen etwa 10 Prozent der Covid-Patientinnen und ‑Patienten mit anhaltenden Beschwerden zu tun.

Als die Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 Fahrt aufnahm, stand naturgemäß die Behandlung der akut Erkrankten im Vordergrund. Erst im Verlauf der weiteren Monate wurde klar, dass eine Covid-Erkrankung nicht nur akut das Leben bedroht, sondern sehr lange die Gesundheit der Betroffenen beeinträchtigen kann. Selten ist das nicht: In den ersten Wochen nach der Erkrankung haben nach derzeitigen Schätzungen etwa 10 Prozent der Covid-Patienten mit anhaltenden Beschwerden zu tun. Wie steht es heute, kurz vor Ende des zweiten Corona-Jahres, um die Behandlung und Versorgung dieser Menschen?

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Post Covid ist keine Befindlichkeits­störung

„Der Wissenszuwachs in den vergangenen Monaten war enorm“, sagt der Mediziner Dominik Buckert vom Universitäts­klinikum Ulm. „Das Gesamtbild der Erkrankung ist heute nicht mehr so nebulös, wie es zu Beginn der Pandemie war.“ Die Beschwerden lassen sich demnach grob in zwei Gruppen einteilen. Bei etwa 10 bis 20 Prozent der Betroffenen seien Schäden an Organen wie Herz oder Lunge nachweisbar. Deutlich mehr, etwa 60 bis 70 Prozent, kämpften mit eher funktionellen Beeinträchtigungen wie einer geringeren Belastbarkeit, Konzentrations­störungen oder anhaltenden Riech- und Schmeckstörungen. Von Long Covid sprechen Fachleute, wenn die Symptome der Erkrankung vier Wochen anhalten, von Post Covid ist die Rede, wenn die Beschwerden auch nach drei Monaten noch den Alltag einschränken.

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Nicht zuletzt das Beispiel des Spitzenfußballers Joshua Kimmich sowie zahlreicher weiterer Profi- und Leistungs­sportler machen deutlich, dass es sich bei Long oder Post Covid nicht um eine Befindlichkeits­störung übersensibler Menschen handelt. „Covid stellt was an im Körper“, sagt der Internist Buckert. Während bei einigen die Beschwerden eher moderat sind, wirft es andere zumindest vorübergehend völlig aus der Bahn.

Organveränderungen nicht immer dramatisch

Immerhin: Die Heilungs­aussichten sind bei vielen Menschen – zumindest auf lange Sicht – gut. „Wenn sich nachweislich ein Organ verändert hat, muss das nicht immer dramatisch sein“, sagt Buckert. Entzündliche Veränderungen am Herzen etwa könnten zwar den Herzmuskel dauerhaft schädigen, heilten aber häufig vollständig aus. In der Lunge kann das Virus ebenfalls Entzündungen auslösen, die zu Vernarbungen und schließlich zu einer Einschränkung des Gasaustausches führen. „Das äußert sich dann bei den Patienten in einer Luftnot.“

Ähnliche Folgen können auch andere Virusinfekte auslösen, sie sind also keine allein coronatypischen Erkrankungen. „Es gibt für die Behandlung der Beschwerden etablierte Therapiekonzepte“, sagt Buckert. Mit der Entwicklung spezieller Corona-Medikamente rechnet der Mediziner vorerst nicht, Therapie und Prognose würden sich aber mit wachsender Erfahrung weiter verbessern.

Fatigue am häufigsten auftretendes Symptom

Carmen Scheibenbogen von der Berliner Charité hat es in erster Linie mit Patientinnen und Patienten zu tun, die nach einer Covid-19-Erkrankung funktionelle Beeinträchtigungen haben. Die Medizinerin leitet das Fatigue-Centrum der Charité – und Fatigue gehört zu den am häufigsten auftretenden Symptomen in Zusammenhang mit dem Post-Covid-Syndrom. Etwa zwei Drittel bis drei Viertel der Patientinnen und Patienten klagen nach Angaben von Scheibenbogen über chronische Erschöpfung und Fatigue, oft in Zusammenhang mit einer eingeschränkten Belastbarkeit. Häufig kommen auch Kopf- und Muskelschmerzen oder geistige Beeinträchtigungen wie Konzentrations­schwäche hinzu.

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Fatigue kann als Begleitung vieler Erkrankungen auftreten. Das Chronic Fatigue Syndrom, das auch als myalgische Enzephalomyelitis bezeichnet wird (abgekürzt ME/CFS), ist ein eigenständiges Krankheitsbild, bei dem die Fatigue nur ein Teil der vielfältigen Symptome ist. ME/CFS ist nicht erst seit Corona bekannt, auch das Epstein-Barr-Virus kann zum Beispiel ME/CFS zur Folge haben. „Die Erkrankung ist insgesamt kaum erforscht“, sagt Scheibenbogen. „Lange Zeit wurde sie als psychosomatische Erkrankung eingeordnet.“

Überlastung unbedingt vermeiden

Untersuchungen beim Epstein-Barr-Virus lassen inzwischen vermuten, dass es sich bei ME/CFS um eine Autoimmun­erkrankung handelt. „Der Körper bildet dabei sogenannte Autoantikörper gegen bestimmte Stressrezeptoren auf den Zellen, die etwa die Atmung, den Herzschlag oder den Blutfluss steuern“, erläutert Scheibenbogen. Die körperlichen Folgen wie etwa ein zu schneller Herzschlag oder eine nicht angepasste Blutverteilung würden die Belastungs­intoleranz erklären. „Vieles spricht dafür, dass Autoantikörper auch nach Covid eine Rolle spielen.“ Auch eine Entzündung der Gefäße bei Covid kann zu lang anhaltenden Durchblutungs­störungen führen.

Die Behandlung der Patientinnen und Patienten mit Fatigue richtet sich an den individuellen Symptomen aus, für die es Behandlungs­konzepte gibt. Im Vordergrund stehen Rehamaßnahmen – Physiotherapie, Atemtherapie und Medikamente können Symptome lindern. Bei der Belastungs­intoleranz, die häufig zusammen mit der Fatigue auftritt, ist Pacing wichtig, also Überlastung vermeiden, die zur Zunahme der Beschwerden führt. „Bei vielen bessern sich die Beschwerden, bei anderen halten sie an“, sagt Scheibenbogen. Studien zufolge seien ein halbes Jahr nach der eigentlichen Covid-19-Erkrankung rund 10 Prozent der Patientinnen und Patienten noch immer im Alltag eingeschränkt.

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Anlaufstellen schwer zu finden

Auch wenn Ärztinnen und Ärzte mittlerweile viel über Post Covid und seine Behandlung gelernt haben – die Versorgungs­strukturen müssen nach Ansicht von Expertinnen und Experten noch wesentlich verbessert werden. „Das ist bei Weitem nicht ausreichend“, sagt Scheibenbogen, die auch viele Fortbildungen für Ärzte und Nichtmediziner anbietet, um das Wissen über die Erkrankung zu verbreiten.

Ein Mediziner, der als Patient die Schwächen des Systems unmittelbar erfahren musste, ist der Berliner Pneumologe Christian Gogoll. Er erkrankte Anfang des Jahres schwer an Covid, musste auf der Intensivstation behandelt werden. Nach der Entlassung kämpfte er – auch als Folge der Intensiv­behandlung – lange mit Atemnot, Sprach­schwierigkeiten und starker Erschöpfung. Eine geeignete Anlaufstelle für seine Beschwerden fand er zunächst nicht. „Meine Lungenfunktion war bei den entsprechenden Untersuchungen normal, trotzdem litt ich unter Atemnot. Weiterhelfen konnten mir die Fachärzte nicht.“

Behandlungsleitlinien für Long und Post Covid

Gogoll sieht die Hausarztpraxen bei der Versorgung von Post-Covid-Patientinnen und ‑Patienten in der Pflicht. „Die müssen sich auskennen damit.“ Noch immer gebe es keine Checkliste, die Ärztinnen und Ärzte bei Verdacht auf Post Covid abfragen könnten. „Das ist auch gar nicht so einfach, weil das eben Allerwelts­symptome sind, die auch nach dem Überstehen vieler anderer Infektions­erkrankungen auftreten können.“ Auch der oft wellenförmige Verlauf der Erkrankung erschwere die Diagnose, selbst viele Patientinnen und Patienten dächten vermutlich nicht unbedingt an ihre Covid-Erkrankung, wenn sie nach Monaten plötzlich unter einer Belastungs­schwäche litten. Ihm halfen Osteopathie, Physiotherapie sowie eine Stimmtherapie. Seit November ist er fit genug, um wieder mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren – elf Monate nach der eigentlichen Covid-Erkrankung.

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Der Mediziner hat an den Behandlungsleitlinien für Long und Post Covid mitgeschrieben und auch eine spezielle Leitlinie für Patientinnen und Patienten mitverfasst. Darin finden Betroffene viele grundlegende Informationen über die Erkrankungen und Anlaufstellen. So wolle man die wesentlichen Infos in die breite Öffentlichkeit tragen. „Wenn selbst mir unklar ist, was da mit mir passiert ist – wie geht es dann erst medizinischen Laien?“

Studie: Impfung schützt vor vielen Long-Covid-Beschwerden

Klar ist, dass die Zahl der zu versorgenden Patientinnen und Patienten angesichts der zuletzt hohen Zahl an Neuinfizierten in absehbarer Zeit wohl nicht kleiner werden wird. Immerhin gehen Expertinnen und Experten davon aus, dass sie dank der Impfungen zumindest nicht in gleichem Maße steigen wird. „Impfen schützt grundsätzlich gut auch vor Long Covid“, sagt etwa Scheibenbogen. Das liegt vor allem daran, dass Geimpfte, auch wenn sie sich anstecken, häufig keine oder nur leichte Symptome bekommen. „Bei einem milden Verlauf treten zumindest Organ­veränderungen seltener auf“, sagt der Ulmer Mediziner Buckert. Die funktionellen Beschwerden korrelierten nicht so gut mit der Erkrankungs­schwere. Das heißt: Auch Patientinnen und Patienten mit mildem Krankheitsverlauf können anhaltende Beschwerden entwickeln.

Erste Studien zur Schutzwirkung der Impfungen kommen bisher zu uneindeutigen Ergebnissen. In einer im Fachmagazin „The Lancet Infectious Disease“ veröffentlichten Untersuchung hatten Forscher Daten aus einer App ausgewertet, über die Covid-Patientinnen und ‑Patienten Beschwerden melden konnten. Zweifach geimpfte Menschen klagten nach einer Durchbruchs­infektion deutlich seltener über anhaltende Symptome (28 Tage und mehr über die Infektion hinaus) als ungeimpfte Menschen, häufig ging die Erkrankung ganz ohne Symptome vorbei. Eine zweite, noch nicht veröffentlichte Studie kommt zu dem Schluss, dass eine zweifache Impfung nach einer Durchbruchs­infektion vor vielen, aber nicht vor allen Long-Covid-Beschwerden schützt.

RND/dpa

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