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Virologe über mutiertes Coronavirus: „Risiko eines exponentiellen Wachstums steigt“

  • Das Coronavirus mutiert – und eine neue Virusvariante versetzt Politik und Forschung derzeit in Sorge.
  • Der Epidemiologe Prof. Jörg Timm hat sich die neue Genomsequenz von B.1.1.7 genauer angeschaut und kennt die Daten aus Großbritannien.
  • Im RND-Interview erklärt der Virenkenner, was über diese Variante und ihren Einfluss auf Impfungen bislang bekannt ist, was sie gefährlicher macht – und wieso verschärfte Corona-Maßnahmen jetzt in besonderem Maße erforderlich sind.
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Sars-CoV-2 galt bislang als eher träges Coronavirus, das weniger mutationsfreudig ist als beispielsweise die Influenza. Seit einigen Wochen macht sich trotzdem eine neue Variante in Europa breit, die Pandemieexperten und Politikern Sorge bereitet: B 1.1.7., die neue Eigenschaften in sich trägt. Prof. Jörg Timm forscht am Institut für Virologie am Universitätsklinikum Düsseldorf. Verschiedene Genomsequenzen von Sars-CoV-2 landen auf seinem Tisch.

Bei der Analyse von Virusproben lassen sich Ansteckungsketten nachvollziehen und Mutationen entdecken. Auch die Genomsequenz und erste Studien zur neuen Virusvariante B.1.1.7, die zuerst in Großbritannien entdeckt wurde, hat sich Timm näher angeschaut.

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Herr Prof. Timm, überrascht es Sie, dass eine neue Variante von Sars-CoV-2 aufgetaucht ist?

Nein, wir finden ja immer wieder Mutationen in dem Virus. Die meisten davon scheinen die Infektionsbiologie nicht stark zu verändern und verschwinden dann wieder. Dieses Coronavirus ist seit rund einem Jahr in der Welt unterwegs und gewisse Anpassungsmechanismen sind jetzt sichtbar. Bereits im Frühjahr gab es eine Variante, die sich in Europa und auch in Deutschland durchgesetzt hat und wahrscheinlich mit einer etwas höheren Übertragungswahrscheinlichkeit einhergeht als zum Pandemiebeginn. Bei der B.1.1.7-Variante ist nun aber das Ausmaß der Veränderungen überraschend.

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Von welchem Ausmaß ist bei der B.1.1.7-Variante denn auszugehen?

Es scheint inzwischen eine gesicherte Erkenntnis, dass diese Variante ein größeres Ansteckungspotenzial hat als die bislang dominante Sars-CoV-2-Variante in Europa. Die Auswertung der epidemiologischen Daten vom London Imperial College lässt da wenig Zweifel. Es ist demnach davon auszugehen, dass B.1.1.7 einen R-Wert mit einem um 0,4 bis 0,7 höheren Faktor aufweist. Deshalb steigt mit der Ausbreitung der neuen Variante auch das Risiko eines erneut exponentiellen Wachstums bei den Fallzahlen.

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Coronavirus-Variante B.1.1.7 hat andere Ansteckungsrate

Erste Nachweise von B.1.1.7 gibt es auch in Deutschland. Welche Konsequenzen hat es, wenn sich die Variante hierzulande weiter ausbreitet?

Man muss davon ausgehen, dass dann die Infektionszahlen wieder zunehmen, wenn die Maßnahmen zur Eindämmung unverändert bleiben. Wir hätten plötzlich eine Reproduktionszahl von etwa 1,5. Das heißt im Klartext: Eine infizierte Person würde dann im Schnitt ein bis zwei weitere anstecken. Momentan ist es im Durchschnitt weniger als eine weitere Person. Das ist dann schon ein gewaltiger Unterschied, wenn sich diese Variante durchsetzt.

Wie wahrscheinlich ist es, dass sich die Variante in Deutschland weiter verbreitet?

Die Dynamik in Großbritannien zeigt, dass B.1.1.7 wahrscheinlich nicht wieder einfach so verschwindet. Es ist aber unklar, wie stark die Variante derzeit bereits in Deutschland vertreten ist, bisher gibt es nur Berichte von einzelnen Fällen. Deshalb sind Prognosen zur Dynamik im Moment sehr schwierig. Dass wir das nicht wirklich sagen können, zeigt, dass die Nachverfolgung unterschiedlicher Virusvarianten hierzulande in den letzten Monaten vernachlässigt worden ist. Es fehlt in Deutschland bislang eine systematische Sammlung und Bewertung der Sequenzierungsdaten. Das muss jetzt zwingend intensiviert und auch finanziert werden.

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Wäre es eine Idee, möglichst viele Virusproben zu sequenzieren, um mehr Klarheit zu bekommen?

Dass die Variante in Großbritannien zuerst entdeckt wurde, ist kein Zufall. Dort wird – anders als beispielsweise in Deutschland - generell sehr systematisch nach neuen Varianten gesucht. Die Datengrundlage ist dort sehr umfangreich. B.1.1.7 kann aber auch ohne so eine sehr zeitintensive und aufwendige Sequenzierung im Labor aufgespürt werden. Ein in Großbritannien verwendeter PCR-Test gibt bei der Virusvariante ein verändertes Signal. Das ist eigentlich eher ein Unfall, den man jetzt diagnostisch nutzen kann. Damit hat man dann einen indirekten Hinweis auf B.1.1.7.

Eigentlich ist Prof. Jörg Timm Experte für Hepatitisviren – bis die Corona-Pandemie anfing. Am Institut für Virologie am Universitätsklinikum Düsseldorf schaut sich sein Team die Mechanismen der Virusevolution an. Also: Wie sich Erreger unter dem Druck des Immunsystems entwickeln. © Quelle: Universitätsklinikum Düsseldorf

Prinzip der Maßnahmen zur Eindämmung bleibt gleich

Lässt sich B.1.1.7 durch Grenzschließungen aus virologischer Sicht womöglich noch aufhalten?

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Die Einschränkung von Mobilität zum Aufhalten neuer Virusvarianten ist durchaus eine sinnvolle Maßnahme. Das muss aber nicht zwingend mit Landesgrenzen zusammenhängen. Großbritannien ist als Insel natürlich ein Sonderfall gewesen. Inzwischen ist die Variante aber bereits in ganz Europa angekommen. Grenzschließungen helfen aus meiner Sicht dann nicht mehr.

Die Grundregeln bleiben aber auch bei der neuen Variante zentral: Kontaktbeschränkungen und der Verzicht auf Reisen bleiben weiterhin wesentliche Maßnahmen, um die Verbreitung zu verhindern. Sinnvoll ist auch, die Infektionszahlen grundsätzlich in einer gemeinsamen Aktion europaweit zu senken und dass nicht jedes Land regional eigene Maßnahmen umsetzt. Wird nicht gemeinsam koordiniert, ist der Erfolg von Maßnahmen wahrscheinlich nur von kurzer Dauer.

Selektionsdruck durch Mutationen steigt mit Impfungen

Was sollte sonst noch unternommen werden, um die Gefahr durch B.1.1.7 zu minimieren?

Frühes und konsequentes Handeln ist besser als Abwarten. Um B.1.1.7 zu kontrollieren, müssen wir bei den Kontaktbeschränkungen noch konsequenter sein als bisher. Mit den Rahmenbedingungen dieser Variante muss man davon ausgehen, dass die Infektionszahlen trotz Maßnahmen wieder zunehmen. Und schon jetzt befinden sich die Infektionen in Deutschland auf einem gleichbleibend hohen Niveau.

Deshalb müssen niedrigere Infektionszahlen weiterhin das oberste Ziel sein, um wieder in ein besseres Fahrwasser zu kommen. Niedrigere Infektionszahlen entlasten nicht nur das Gesundheitssystem, sondern minimieren auch das Risiko der Selektion von Mutationen.

Wieso befördern Impfungen und hohe Infektionszahlen das Entstehen neuer Virusvarianten?

Dass so eine Variante wie B.1.1.7 mit einer ganzen Serie von Mutationen entsteht, ist eigentlich ein seltenes Ereignis. Bei sehr vielen Infektionsfällen in der Bevölkerung nimmt aber die Wahrscheinlichkeit zu, dass auch solche seltenen Ereignisse passieren. Und mit dem Start der Impfungen nimmt der Selektionsdruck auf das Virus zu, weil dann Varianten einen Vorteil haben, die von der Immunantwort nach Impfung weniger gut erkannt werden. Das muss jetzt sicherlich überwacht werden. Aber um das richtig einzuordnen: Im Vergleich zu vielen anderen Viren – wie zum Beispiel dem Influenzavirus – ist die Mutationsrate bei Sars-CoV-2 sehr gering.

Könnte der Impfschutz gegen Covid-19 durch die Variante B.1.1.7. verringert werden?

Ich bin optimistisch, dass die Impfung gegen B.1.1.7 funktionieren wird. Die Variante kann aber durchaus einen negativen Einfluss auf die Bindung von einzelnen Antikörpern haben. Das heißt aber nicht automatisch, dass die Impfung nicht funktioniert, da der Körper üblicherweise mehrere Komponenten des Immunsystems gleichzeitig nutzt. Das muss jetzt konsequent geprüft werden. Derzeit fehlen noch verlässliche Daten.

Wie lässt sich prüfen, ob der Impfstoff bei B.1.1.7 wirkt?

Die Virusvariante kann in Kultur untersucht werden. Dabei wird geprüft, ob sie sich durch das Serum von Personen nach einer Impfung neutralisieren lässt. Es wird in nächster Zeit sicherlich auch Fälle geben, bei denen Geimpfte nach der Impfung trotzdem mit Sars-CoV-2 infiziert sind. Die sollten genau untersucht werden, um herauszufinden, ob die Antikörperantwort des Patienten nicht funktioniert hat – oder womöglich eine neue Variante den Impfschutz verhindert.

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