Über den Schatten springen: Warum man in diesen Tagen Mundschutz tragen sollte

  • Der Kinder- und Jugendpsychiater Oliver Dierssen trägt im Zuge der Corona-Epidemie Mundschutz aus Überzeugung – proaktiv.
  • Damit steht er ziemlich allein da. Auf Twitter schreibt er über seine Atemschutz-Erfahrungen und führt eine rege Diskussion zum Thema.
  • Im Interview spricht er über befremdliche Begegnungen, seine Vorbildfunktion und die Macht der Verdrängung.
|
Anzeige
Anzeige

Er trägt dieser Tage aus freien Stücken eine Schutzmaske. Im Interview spricht der Kinder- und Jugendpsychiater Oliver Dierssen über befremdliche Begegnungen, seine Vorbildfunktion und die Macht der Verdrängung.

Sie tragen seit geraumer Zeit Mundschutz, wenngleich auch in sehr freundlicher Optik mit kleinen Dinosauriern. Wie ergeht es Ihnen damit in der Öffentlichkeit?

Der Einstieg war tatsächlich schwer – auch wenn ich ansonsten ein selbstbewusster Mensch bin, ist es mir nicht so leicht gefallen. Viele Menschen assoziieren das Mundschutztragen mit Krankheiten wie Krebs.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Warum und wann haben Sie sich dafür entschieden, Mundschutz zu tragen?

Ausschließlich als Vorbild. Ich höre mir jeden Tag den Podcast von dem Virologen Christian Drosten an. Der hat irgendwann erläutert, wie das mit dem Selbstschutz und dem Fremdschutz ist. Und da ich gerade in der Pollensaison häufiger mal huste und niese, war es für mich keine Option, keinen Mundschutz zu tragen.

Anzeige
Coronavirus: Immer informiert
Abonnieren Sie Updates für das Thema "Coronavirus" und wir benachrichtigen Sie bei neuen Entwicklungen

Mundschutztragen ist nicht wirkungslos

Anzeige

Bislang stehen Sie mit dieser Entscheidung noch ziemlich allein da. Warum, denken Sie, ist das so?

Am Anfang, als es mit der Epidemie losging, hieß es noch, dass das Mundschutztragen wirkungslos ist, dass es nicht gegen die Aerosolwolke hilft, weil die eben am Rand vorbeigeht, durch die Baumwolle durchdringt oder nicht ausreichend gefiltert wird. Das ist eigentlich aber nicht ganz richtig so. Es gibt einen Selbstschutzfaktor, der liegt bei den selbst gemachten Masken aus Kaffeefiltern, Baumwolle oder T-Shirt-Stoff bei etwa 40 bis vielleicht maximal 70 Prozent. Also, es wird immerhin noch etwas rausgefiltert. Entscheidend ist aber das, was beim Ausatmen zurückgehalten wird. Sprich, wenn ich jetzt infiziert bin, dann kann es sein, dass ich beim Sprechen, etwa durch eine feuchte Aussprache, oder beim Lachen und Husten durchaus größere Mengen Virus-Aerosol ausscheide. Ich bin beispielsweise Allergiker, da ist das gerade jetzt in der Pollensaison häufiger der Fall. Da ist es definitiv ein Unterschied, wenn man eine Atemschutzmaske trägt, weil dann eben ein Großteil dessen zurückgehalten wird. Natürlich kommt immer noch etwas durch, meine Umwelt ist aber nicht im gleichen Maße meinen Virusausscheidungen ausgesetzt wie ohne Mundschutz.

Zur Person: Oliver Dierssen ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie in eigener Praxis in der Nähe von Hannover. Er twittert zu Psychotherapie, Erziehung, Kindeswohl und Psychopharmakologie. Das Thema Mundschutz liegt ihm als Arzt aktuell besonders am Herzen. Auf seinem Twitteraccount zeigt er sich aktuell auch nur mit seiner Dino-Atemschutzmaske. © Quelle: Privat

Also tragen Sie die Maske im Prinzip, um Ihre Umwelt zu schützen?

Ja. Weitestgehend zum Schutz der anderen, auch wenn mein Gefühl beim Tragen ein ganz anderes ist. Mein Gefühl ist eher, dass ich die anderen belästige und sie in Verlegenheit bringe und mich dadurch auch. Und das Gefühl ist trotzdem, dass man einen Selbstschutz hat – auch wenn es tatsächlich eher umgekehrt ist, also die anderen geschützt werden.

Zwischen Verdrängung und schlechtem Gewissen

Warum glauben Sie, dass Sie andere Menschen mit dem Tragen der Maske in Verlegenheit bringen?

Weil es ein unangenehmes Gefühl ist, wenn plötzlich einer mit Mundschutz vor einem steht. Das merkt man auch daran, dass man mitunter plötzlich einen ganzen Gang für sich allein hat im Supermarkt, weil die Leute das Weite suchen. Sobald die Leute in den Gang einbiegen wollen, in dem ich gerade mit meiner Maske stehe, gehen die gleich weiter. Das habe ich häufiger beobachtet.

Anzeige

Weil es nach wie vor stark mit Krankheit assoziiert ist, obwohl Menschen mit Mundschutz im Straßenbild dieser Tage immer häufiger zu sehen sind …

Ich denke, dass es auch etwas damit zu tun hat, dass wir alle ganz gut im Verdrängen sind. Mitunter ist das ja auch eine sehr wichtige Fähigkeit. Aber das Verdrängen wird in dem Moment aufgehoben, wenn da plötzlich einer vor mir steht, der etwas für seinen Schutz und den der anderen tut. Und dann meldet sich das schlechte Gewissen, das da sagt: ‘Oh, vielleicht tue ich zu wenig.’ Manchen macht es auf der anderen Seite vielleicht aber auch Mut. Ein Kollege von mir beispielsweise, der wurde bei der Arbeit, nachdem er nicht die Hand zur Begrüßung reichen wollte, als Mädchen bezeichnet. So ein Selbstschutzverhalten kann also auch Ärger machen.

Sprich, diese Selbstschutzmaßnahmen werden von einem Teil der Gesellschaft auch als memmenhaftes Verhalten wahrgenommen?

Ja, das ist aber nur ein vorgeschobener Grund. Die haben natürlich alle Angst. Wer jetzt von sich behauptet, er habe keine Angst, das ist gelogen. Jeder ist hier mit Angst konfrontiert, wenn nicht um sich selbst, dann zumindest um seine Liebsten. Verdrängen ist aber aktuell keine Lösung. Wenn ich jetzt beispielsweise über die Straße gehe und mir einbilde, dass mir nichts passieren kann, und dann kommt da plötzlich einer mit Mundschutz, in dem Moment weiß ich ja: Entweder mache ich gerade etwas falsch oder der Typ ist abgedreht oder übertrieben vorsichtig oder eine Memme. In diesem Fall entscheidet sich das Unbewusste doch sehr häufig dafür, die Quelle des Unbehagens auszulagern.

Aktuelle Führung wird gut angenommen

Wären Sie auch für eine grundsätzliche Atemschutzmasken-Pflicht, so wie sie jetzt in Österreich beim Besuch eines Supermarkts etwa eingeführt wurde?

Wenn mir einer vor einem Monat gesagt hätte, dass wir bundesweit Ausgangsbeschränkungen haben würden und die Leute sich freiwillig daran halten, dann hätte ich das nicht geglaubt. Ich hätte gedacht, die Leute errichten dann irgendwo Barrikaden und zünden die an, sowohl die rechts Orientierten wie auch die, die sagen: ‘Wir lassen uns vom Staat gar nichts sagen.’ Mein Eindruck ist, dass die Führung, die momentan angeboten wird, gut angenommen wird. Die Maßnahmen sind sinnvoll, auch wenn ich weiß, dass das ein schmaler Grat ist. Ich würde es so drehen: Der Mundschutz kann dazu beitragen, dass wir unsere Mobilität wieder vergrößern – da gibt es auch wissenschaftliche Untersuchungen zu. Und wenn ich mir vorstelle, die Geschäfte dürften, wie in Österreich, wieder öffnen, aber mit Mundschutzpflicht, dann könnte das für die Läden lebensrettend sein. Wir haben keine wirklich gute Option. Aus infektiologischer Sicht erscheint mir das Mundschutztragen sinnvoll. Und der Gedanke, dass das mit der deutschen Mentalität nicht zu vereinbaren sei, ist irreführend. Ich glaube, dass sich die Leute da sehr schnell dran gewöhnen würden, sich vielleicht sogar einen Spaß daraus machen würden. Also kurzum: Ich würde so eine Vorgabe durchaus begrüßen, wenn sie gut erklärt wird.

Was hilft denn dabei, die Vorbehalte gegenüber dem Tragen eines Mundschutzes über Bord zu werfen?

Erst einmal muss sich jemand hinstellen und sagen, dass ein kommunikativer Fehler gemacht wurde, indem gesagt wurde, dass ein Mundschutz nichts bringt. Da sehe ich wirklich auch die Politik in der Pflicht. Da muss sich jemand hinstellen und sagen: ‘So, Leute, jetzt mal alles auf Null. Wir haben uns da verschätzt. Ein Mundschutz ist für jeden gut, und wir sorgen auch dafür, dass jeder einen bekommt.’ Und dann muss es Leute als Vorbilder geben, die einfach den Anfang machen.

Proaktives Handeln ist wichtig

Ich bin hier bei uns in einer ländlichen Gegend meistens der einzige Mensch, der einen Mundschutz trägt. Ich würde mir am meisten wünschen, dass weitere Menschen, so wie es auch schon einige Prominente vorgemacht haben, sich mit Mundschutz zeigen, auch im Fernsehen. In Tschechien etwa ist es üblich, dass dort Fernsehmoderatoren Mundschutz tragen, sogar beim Verlesen der Nachrichten. Das ist ein klares Signal. Mit kleinen, feinen psychologischen Tricks werden wir das nicht schaffen, aber mit starken Vorbildern, die sagen: ‘Ich mache das, das ist der Weg, mir macht das nichts aus. Ich bin gesund, aber ich bin jemand, der proaktiv etwas macht.’

Ich muss da an den Vorsitzenden des chinesischen Roten Kreuzes denken, der vor etwa einer Woche in Italien war und dort in einem Interview gefragt wurde, was er von den dort ergriffenen Maßnahmen hält. Der sagte dann: ‘Ich weiß gar nicht, was sie sich denken, alle laufen hier rum, keiner trägt Mundschutz.’ Er selbst hingegen hat selbst bei seinem Fernsehinterview einen Mundschutz getragen. Vielleicht kann man sich einfach sagen: Es war nie so einfach, ohne einen Finger zu rühren, anderen Leuten etwas Gutes zu tun.

RND

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen