Corona-Medikamente: Welche Ansätze gibt es und wie weit ist die Forschung?

  • Apeiron Biologics will mithilfe von löslichen ACE2-Rezeptoren Covid-19-Patienten behandeln.
  • In einer Studie konnte das Medikament APN01 des österreichischen Unternehmens vielversprechende Ergebnisse erzielen.
  • Auch andernorts wird nach einem Corona-Medikament geforscht – vor allem auf Basis von Antikörpern.
Laura Beigel
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Der Wettlauf um einen wirksamen Corona-Impfstoff beherrscht seit mehreren Wochen die Schlagzeilen. Meldungen zu Notfallzulassungen, abgeschlossenen, klinischen Studien und vielversprechenden Zwischenergebnissen lassen aufhorchen und sorgen in Pandemiezeiten für einen Hauch Optimismus. Doch ein Impfstoff ist nicht die einzige Waffe gegen das Coronavirus. Medikamente können den Infektions- und Krankheitsverlauf von Covid-19 beeinflussen.

Das österreichische Biotechnologie-Unternehmen Apeiron Biologics hat jetzt eine Fallstudie im Fachmagazin The Lancet veröffentlicht, die die erste Behandlung einer schwer erkrankten Covid-19-Patientin mit APN01 beschreibt. APN01 ist ein antivirales Medikament, das lösliche ACE2-Rezeptoren enthält. Diese sollen starke Entzündungsreaktion im Körper hemmen. Das von Apeiron Biologics entwickelte Medikament wird derzeit in einer klinischen Phase-II-Studie in Deutschland, Österreich, Dänemark, Großbritannien und Russland getestet.

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APN01 schützt Organe vor Verletzungen

In der Fallstudie führte die Behandlung mit APN01 bei einer 45-jährige Frau, die mit Husten, Gliederschmerzen, Fieber und Atemnot ins Krankenhaus eingeliefert worden war, zu „einer signifikanten klinischen Verbesserung“, teilt Apeiron Biologics mit.

Prof. Josef Penninger, Miterfinder von APN01, ergänzt: „Im Gegensatz zu praktisch allen anderen Medikamentenkandidaten zeichnet sich APN01 durch eine doppelte Wirkung aus: Es blockiert das Virus und kann über seine Enzymfunktion die Lunge, die Blutgefäße oder das Herz vor Verletzungen schützen. Die aktuellen Ergebnisse liefern wesentliche Daten, dass diese wichtige Enzymfunktion von APN01 bei behandelten Covid-19-Patienten erhalten bleibt.“

Arzneimittelhersteller funktionieren Medikamente um

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Das US-amerikanische Milken Institute in Santa Monica dokumentiert seit Beginn der Pandemie alle Projekte für Medikamente und Impfstoffe gegen Sars-CoV-2. Die Liste umfasst derzeit knapp 320 potenzielle Corona-Medikamente und mehr als 210 Impfstoffe.

Was bei den Projekten für Corona-Medikamenten ins Auge fällt: Die meisten Arzneimittelhersteller greifen auf bereits zugelassene Medikamente gegen andere Krankheiten zurück, anstatt neue zu entwickeln. Diese Umfunktionierung wird als Repurposing bezeichnet.

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„Das bedeutet eine wesentlich schnellere Entwicklung zur klinischen Zulassung“, sagt Prof. Luka Cicin-Sain, Leiter der Abteilung Immunalterung und chronische Infektionen vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI). Denn Nebenwirkungen und Toxizitäten seien bereits erforscht, sodass gleich mit den klinischen Studien begonnen werden könne. „Es ist ein Eilverfahren, aber kein voreiliges Verfahren.“

Remdesivir gehört zu antiviralen Medikamenten

Ein Beispiel für dieses Repurposing-Prinzip ist Remdesivir. Das Arzneimittel wurde ursprünglich gegen Ebola entwickelt und zählt wie APN01 zu den antiviralen Medikamenten. Diese Medikamentengruppe soll verhindern, dass das Coronavirus in Körperzellen eindringt und sich in ihnen vermehrt.

Mehrere Studien hatten feststellen können, dass das Ebolamedikament die Krankheitsdauer um einige Tage verkürzen kann. Deshalb hatte die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA eine Notfallgenehmigung erteilt sowie die EU-Kommission eine bedingte Zulassung zur Behandlung schwerer Corona-Fälle.

Remdesivir ist laut WHO nutzlos gegen Covid-19

Die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) koordinierte Solidaritätsstudie mit Tausenden Patienten in fast 500 Kliniken in mehr als 30 Ländern kam jedoch nun zu dem Ergebnis, dass Remdesivir kaum oder gar keinen Nutzen hat.

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WHO-Studie: Remdesivir hilft nicht bei Covid-19-Infektionen
1:20 min
Auch andere Medikamente, in die große Hoffnungen gesetzt worden waren, seien wirkungslos, so eine unveröffentlichte WHO-Studie.  © Reuters

„Die Ergebnisse sind ernüchternd“, fasst Cicin-Sain zusammen. „Wir haben gehofft, dass Remdesivir einen Vorteil bringen könnte.“ Im Umkehrschluss bedeute das, dass nach weiteren Medikamenten gesucht werden müsse.

Coronamedikamente können in sechs Gruppen unterteilt werden

Nicht gegen Covid-19 bewährt habe sich ferner ein älteres HIV-Medikament mit der Wirkstoffkombination Lopinavir/Ritonavir, heißt es vom Verband Forschender Arzneimittelhersteller (vfa). Auch der Einsatz von Betainterferonen – also genetisch hergestellter Varianten körpereigener Botenstoffe, die Immunreaktionen im Körper regulieren – ist umstritten.

Neben den antiviralen Medikamenten listet der vfa noch fünf weitere Medikamentengruppen auf:

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  • Dämpfende Immunmodulatoren, die bei schweren Lungenschäden die Abwehrreaktionen des Körpers so eindämmen sollen, dass diese keine größeren Schäden verursachen.
  • Medikamente für Lungenkranke, die die Funktion der Lunge stabilisieren sollen.
  • Herz-Kreislauf-Medikamente, die Komplikationen durch Covid-19 verhindern sollen.
  • Medikamente anderer Art, die sich nicht in die oben genannten Kategorien einordnen lassen.
  • Neu entwickelte Medikamente gegen Sars-CoV-2

EMA spricht sich für Einsatz von Dexamethason aus

Dämpfende Immunmodulatoren sollen eine überschießende Immunreaktion verhindern – einen sogenannten Zytokin-Sturm, bei dem der Körper große Mengen an Botenstoffen freisetzt. Zu den bekanntesten, dämpfenden Immunmodulatoren gehört das Medikament Dexamethason. Dieses könne lebensrettend für schwer erkrankte Corona-Patienten sein, hatte die WHO verkündet und sich dabei auf erste Ergebnisse der klinischen Studie berufen.

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Wissenschaftler sehen Dexamethason als „Durchbruch“ für Corona-Patienten
1:24 min
Nach Angaben von Forschern aus Oxford, sei Dexamethason das einzige Medikament, mit dem bislang gezeigt wurde, dass es die Sterblichkeit senke.  © Reuters

In der Untersuchung konnte Dexamethason die Sterberate bei Covid-19-Patienten, die künstlich beatmet werden mussten, um ein Drittel senken. Bei Erkrankten mit Sauerstoffzufuhr sei die Sterblichkeit um ein Fünftel zurückgegangen. Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) hatte sich Mitte September ebenfalls für den Einsatz von Dexamethason zur Behandlung schwerkranker Covid-19-Patienten ausgesprochen. Schon vor der Corona-Pandemie wurde das Medikament gegen Entzündungskrankheiten eingesetzt.

Bandwurmmittel verhindert Vermehrung des Mers-Virus

Medikamente für Lungenkranke und Herz-Kreislauf-Medikamente haben hingegen das Ziel, die von Covid-19 verursachten Schäden zu therapieren – wie Thrombosen, erhöhter Blutdruck oder Organschäden. Zu den Medikamenten anderer Art zählt der vfa unter anderem das Bandwurmmittel Niclosamid.

In Experimenten konnten Forscher des Deutschen Zentrums für Infektionsforschung an der Berliner Charité feststellen, dass Niclosamid zumindest die Vermehrung des Mers-Virus deutlich verringern konnte. Das Middle East Respiratory Syndrome, kurz Mers, wird ebenfalls durch Coronaviren verursacht.

Auch die Wirkstoffe Chloroquin und Hydroxychloroquin können den Medikamenten anderer Art zugeordnet werden. Nachdem eine im Fachmagazin The Lancet veröffentlichte Studie darauf hingewiesen hatte, dass die Arzneistoffe die Sterberate von Covid-19-Patienten sogar noch erhöhen, hatte die WHO zwischenzeitlich Tests mit Chloroquin und Hydroxychloroquin unterbrochen. Im Juni wurden die Untersuchung dann komplett gestoppt, weil die Wirkstoffe keine positive Nutzen-Risiko-Bilanz hatten.

Die Wirkstoffe Hydroxychloroquin und Chloroquin sind nach Angaben der WHO nicht effektiv gegen Covid-19. © Quelle: Kevin E. Schmidt/Quad-City Times

Neue Corona-Medikamente basieren auf Rekonvaleszentenserum

Obwohl die meisten Corona-Medikamente auf Repurposing beruhen, gibt es jedoch auch Arzneimittelhersteller, die ganz neue Arzneimittel entwickeln. Im Fokus steht dann vor allem Rekonvaleszentenserum – also Blutserum von bereits genesenen Corona-Patienten, in denen Antikörper gegen den Erreger nachweisbar sind.

Die Antikörperwirksamkeit weicht von einem Menschen zum anderen sehr stark ab.

Luka Cicin-Sain, Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung

Bei der Entwicklung neuer Medikamente gibt es unterschiedliche Vorgehensweisen – von einer direkten Infusion des gewonnenen Blutplasmas bis hin zur Antikörperproduktion in Zellkulturen.

Der Virologe Cicin-Sain äußert jedoch Bedenken: „Die Antikörperwirksamkeit weicht von einem Menschen zum anderen sehr stark ab.“ Das bedeutet, nicht jedes Rekonvaleszentenserum muss zur Behandlung von Covid-19 geeignet sein. Zudem stecke hinter einer Antikörpertherapie ein großer Arbeits- und Kostenaufwand. Denn jedes Blutserum müsse vor der Verwendung getestet werden, um die Übertragung von Krankheiten wie HIV zu verhindern.

CoVIg-19 Plasma Alliance setzt auf Antikörpertherapie

Die CoVIg-19 Plasma Alliance, ein Zusammenschluss mehrerer Plasmaunternehmen, versucht trotzdem ein polyklonales Anti-Sars-CoV-2 Hyperimmunglobulin herzustellen. Dafür werden die Antikörper aus dem Blutplasma genesener Corona-Patienten isoliert und ein Medikament für Infusionen hergestellt.

Das Anti-Covid-19-Hyperimmun-Globulin-Medikament (CoVIg-19) der Allianz soll bald in einer Phase-3-Studie getestet werden. Teilnehmen sollen 500 erwachsene Patienten an bis zu 58 Standorten in den USA, Mexiko und 16 anderen Ländern auf fünf Kontinenten.

„Diese Studie wird uns helfen zu verstehen, wie CoVIg-19 möglicherweise eine wichtige therapeutische Option werden könnte“, sagt Julie Kim, Co-Leiterin der CoVIg-19-Allianz. „Um unsere Bemühungen zu unterstützen, ermutigen wir alle Menschen, die sich von Covid-19 erholt haben, ihr Plasma zu spenden, das lebenswichtige Antikörper enthält, die die Krankheit bekämpft haben und anderen helfen könnten, das Gleiche zu tun.“







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