Die erste Pille gegen Covid-19: Bringt Molnupiravir den Durchbruch?

  • Großbritannien hat die erste Pille gegen Covid-19 vom Hersteller Merck zugelassen.
  • Auch die EMA prüft das vielversprechende Mittel.
  • Was zeigen die Studienergebnisse - und ist die Corona-Therapie ein Durchbruch?
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Eine antivirale Pille gegen Covid-19 einnehmen, damit das Risiko für einen schweren Covid-19-Verlauf und Tod gesenkt wird? So ein Mittel gibt es inzwischen. Der große Hoffnungsträger: Molnupiravir, auch bekannt unter dem Namen Lagevrio. Das ist ein Wirkstoff, der als Tablette geschluckt wird, wenn man sich mit dem Coronavirus infiziert hat. Als weltweit erstes Land hat Großbritannien am Donnerstag die Pille gegen Covid-19 vom Hersteller Merck zugelassen. Auch die Europäische Arzneimittelbehörde (EMA) ist bereits dabei, den Einsatz des Mittels zu prüfen, ebenso die US-Behörde FDA.

So eine oral verabreichte Tablette gegen das Virus im frühen Stadium der Erkrankung gab es in dieser Form bislang noch nicht. Insgesamt gibt es nur wenige Medikamente, mit denen sich Covid-19 zumindest in Teilen behandeln lässt. Die therapeutischen Möglichkeiten können inzwischen zwar Entzündungsprozesse abmildern und die Virusverbreitung im Körper einschränken – etwa durch Dexamethason und antivirale Antikörper. Dafür ist aber eine Infusion oder Injektion nötig – und eine rechtzeitige Gabe im Krankenhaus.

Die Hersteller, die hinter der Entwicklung von Molnupiravir stehen, sind aber zuversichtlich. Und auch Fachleute aus Deutschland sprechen von einer vielversprechenden neuen Therapieoption. Die Details:

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Molnupiravir: Was versprechen die Hersteller?

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In einer Pressemitteilung verkündete das US-Pharmaunternehmen Merck (in Europa MSD) vor wenigen Wochen erfolgsversprechende erste Zwischenergebnisse zu Molnupiravir. Seine klinische Phase-III-Studie führt der Hersteller zusammen mit dem Unternehmen Ridgeback Biotherapeutics durch. Die Tablette gegen Covid-19 soll das Risiko für schwere Covid-19-Verläufe und Tod um 50 Prozent senken. Der Wirkstoff wird bereits am Menschen erprobt.

Die Ergebnisse basieren auf einer Zwischenauswertung mit Daten von bisher 775 Probandinnen und Probanden, die sich auf die beiden Gruppen Medikament und Placebo aufteilen. Ursprünglich wurde die Tablette als Grippemedikament entwickelt. Im Körper hemmt der Wirkstoff die RNA-Polymerase des Zielvirus – und damit auch Coronaviren. Es blockiert also seine Vermehrung in der Zelle. Fachleute nennen das auch Replikation. Der Trick: Ein falscher Baustein wird in das Erbgut eingebaut und verursacht dort Mutationen.

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Was sagen Corona-Experten aus der Medizin?

Der Einsatz des Mittels käme vor allem für Patienten mit Risikofaktoren im ambulanten Bereich in der Frühphase der Erkrankung infrage, sagte Prof. Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Das könne zwar eine vielversprechende Therapieoption sein, aber: „Von einem ‚Gamechanger‘ würde ich nicht sprechen und der Wirkstoff wird die Impfungen selbstverständlich auch nicht überflüssig machen“, betonte der Mediziner im Gespräch mit dem Science Media Center (SMC).

Ein großer Vorteil von Mulnupiravir sei aber die orale Verabreichungsform als Tablette. Andere Medikamente, die untersucht oder empfohlen werden, seien nur in intravenöser Form erhältlich – etwa Remdesivir oder monoklonale Antikörper. „Dies erschwert die Behandlung im ambulanten Bereich massiv“, berichtete Kluge.

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Würde Molnupiravir zugelassen, könnte es Medizinexpertinnen und -experten zufolge vorerst nur im klinischen Bereich genutzt werden – und nicht als prophylaktisch eingesetzte Tablette, die in der Apotheke erhältlich ist. Ein Grund: Die Studie ist so konzipiert, dass Erkrankte mit milden bis mittelschweren Verlauf von Covid-19 untersucht werden. Das Virostatikum werde maximal bis fünf Tage nach Symptombeginn – also in der Frühphase der Infektion – eingenommen, erklärte Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie an der München Klinik Schwabing.

Auch in Zeiten der globalen Impfkampagnen habe dieses Virostatikum „durchaus Potenzial“: nicht alle Menschen in der Welt hätten einen schnellen Zugang zum lebensrettenden Impfstoff, nicht zuletzt in der Dritten Welt. Auch Personen mit Impfdurchbrüchen, egal ob aufgrund ihres hohen Alters oder einer zugrundeliegenden Immunsuppression, könnten von einem Einsatz von Molnupiravir profitieren. Die vorläufigen Ergebnisse seien auch relevant, weil der Wirkstoff überwiegend bei Patienten zum Einsatz kam, die mit Virusvarianten infiziert waren – vom Gamma- und insbesondere Delta-Subtyp. „Sogar erste Fälle mit der Mu-Variante wurden offensichtlich in Südamerika in die Studie eingeschlossen“, berichtete der Experte.

Wendtner betont, das solle jedoch nicht als Argument dienen, sich einer Impfung zu entziehen: Trotz Einsatz von Molnupiravir müsse umgekehrt betrachtet werden, dass auch noch einer von 14 Patienten (7,3 Prozent Hospitalisierungsrate) wegen Covid-19 stationär behandelt werden muss. „Der Schutz durch moderne Impfstoffe vor einem schweren Covid-19-Verlauf mit stationärer Einweisung im Bereich von 99 Prozent ist als wesentlich besser anzusetzen.“

Welche Schritte sind als nächstes angekündigt?

Die Europäische Arzneimittelbehörde prüft, ob die Daten zu Wirksamkeit, Sicherheit und Verträglichkeit ausreichend sind, um den Einsatz des Mittels zu empfehlen. Der Hersteller kündigte bereits im April nach ersten Daten aus der Phase-IIa-Studie an, Verträge mit indischen Generika-Herstellern auszuhandeln, um im Falle einer Zulassung schnell in die großskalige Herstellung für Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen starten zu können.

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Merck prüft seit Kurzem außerdem in einer weiteren klinischen Phase-III-Studie, ob Molnupiravir auch die symptomatische Ansteckung mit Covid-19 verhindern kann. Erweist sich der Wirkstoff auch in einem früheren Stadium der Ansteckung als wirksam, sicher und verträglich, könnte er möglicherweise bereits nach der Bestätigung der Infektion prophylaktisch eingesetzt werden. Also beispielsweise, wenn eine Infektion bestätigt ist – und dann alle Mitglieder eines Haushaltes sicherheitshalber die Tablette bekommen, um eine Ansteckung zu vermeiden. Ob so ein Einsatz funktioniert, müssen die Studiendaten aber erst noch belegen. „Der harte Beweis fehlt noch“, sagte dazu auch Infektiologe Wendtner.

Dieser Artikel wurde am 4. November aktualisiert.

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