Mathematikerin gegen Intensivbettenbelegung als Maßstab: „Man würde sich doch auch nicht an der Kapazität der Krematorien orientieren“

  • Es sei ernüchternd, zu sehen, wie schnell der mühsam erkämpfte Vorteil niedriger Corona-Inzidenzen wieder verspielt worden sei, sagt Anita Schöbel.
  • Die Mathematikerin hat bereits vor Wochen vor Fehlern gewarnt, die man bei Stufenplänen machen könne.
  • Genau diese Fehler seien von der Politik nun gemacht worden – weswegen mit vielen jüngeren Menschen auf den Intensivstationen zu rechnen sei.
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Prof. Anita Schöbel entwickelt auf Basis mathematischer Modelle Szenarien zum Pandemieverlauf. Mit Wissenschaftlern weiterer Forschungseinrichtungen, wie dem Helmholtz-Institut, der Leibnitz-Gemeinschaft und der Max-Planck-Gesellschaft hat sie im Februar ein Stufenplankonzept zur Eindämmung des Coronavirus entwickelt. Im Interview mit dem RND sagt sie: „Die Empfehlung aus der Wissenschaft hat sich nicht geändert: Wenig Kontakte und vorsichtig sein.“

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Frau Prof. Schöbel, wie beurteilen Sie die Rücknahme eines verschärften kurzen Lockdowns um Ostern herum?

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Die geplante Osterruhe bezüglich der Infektionszahlen war gut gedacht, bis auf das Einkaufen: Epidemiologisch ist es sinnvoller, wenn sich die Menschen beim Einkaufen verteilen und nicht alle gemeinsam im dichten Gedränge stehen. Ansonsten wären aber Kontakte reduziert worden, und das ist immer gut. Wobei die Zeit dafür kurz war, sodass man vermutlich keine großen Effekte gesehen hätte.

Was wäre mit Blick auf Ihre Berechnungen ein sinnvoller Weg beim Umgang mit der dritten Infektionswelle gewesen?

Zusammen mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wie Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation, Sandra Ciesek vom Institut für Virologie an der Universität Frankfurt und dem Soziologen Armin Nassehi von der LMU München hatten wir vor ein paar Wochen vor den Fehlern gewarnt, die man bei Stufenplänen machen kann. Wir haben darauf aufmerksam gemacht, dass es eine nachhaltige Strategie zur Vermeidung eines Jo-Jo-Effekts braucht, also der ständigen Wiederkehr hoher Infektionszahlen aufgrund verfrühter Lockerungen.

Leider haben wir nun genau diesen Fehler gemacht: Wir haben zu früh mit den Lockerungen begonnen. Wir haben zu stark gelockert – nämlich so, dass die Inzidenzen nicht weiter gefallen sind. Und beim Anstieg der Inzidenzen haben wir nicht schnell und stark reagiert. Es ist leider ernüchternd, zu sehen, wie schnell wir den mühsam erkämpften Vorteil niedriger Inzidenzen wieder verspielt haben.

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Anita Schöbel ist Leiterin am Institut für Techno- und Wirtschaftsmathematik der Fraunhofer-Gesellschaft und forscht an der Technischen Universität Kaiserslautern. © Quelle: Fraunhofer ITWM

Schon im Februar haben Ihre Berechnungen zu möglichen Szenarien gezeigt, dass im April wieder sehr hohe Fallzahlen und in der Folge auch viele Erkrankte und Tote auf Deutschland zukommen können. Rechnen Sie Ende März immer noch damit?

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Die Entwicklungen sind leider so, wie wir es befürchtet hatten.

Es gibt auch unter Wissenschaftlern eine Debatte darum, ob der Fokus auf die 7-Tage-Inzidenz als Richtwert aussagekräftig genug ist, um die Infektionslage zu beurteilen.

Ich finde es sehr bedauerlich, dass so oft vorgeschlagen wird, sich an der Kapazität der Intensivstationen zu orientieren. Leider ist die Sterberate auf den Intensivstationen relativ hoch. Ärzte berichten davon, dass nur etwa die Hälfte der Covid-19-Patienten dort überlebt. Das heißt, je mehr Menschen auf die Intensivstation müssen, desto mehr Menschen sterben auch. Eine Orientierung an der Kapazität der Intensivstationen führt daher weiterhin zu vielen Todesfällen. Man würde sich doch auch nicht an der Kapazität der Krematorien orientieren. Das Impfen hilft in der derzeitigen Situation noch zu wenig. Es bewirkt, dass wir bei einer stark ausfallenden dritten Welle viele jüngere Menschen auf den Intensivstationen haben.

Nun haben wir ein neues Werkzeug: die Schnelltests. Können wir uns dadurch mehr Freiheiten erlauben – trotz hoher Inzidenz?

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Man könnte mit konsequentem Testen vermutlich einiges abfangen. Allerdings nur, wenn positiv Getestete sich direkt isolieren und ihre Kontakte nachverfolgt werden. Trotz des Testens müssen wir weiterhin Kontakte reduzieren, um die dritte Welle in den Griff zu bekommen.

Welche Rolle nimmt die Krisenkommunikation bei der weiteren Entwicklung in der nun so entscheidenden Phase der Pandemie ein?

Kommunikation ist natürlich wichtig, dazu kommt aber auch eine verständliche Pandemiemüdigkeit in der Bevölkerung und das (falsche) Gefühl, dass das Schlimmste bereits vorüber ist, weil die über 80-Jährigen zum Großteil geimpft wurden. Dem ist leider nicht so, aber das ist schwer zu vermitteln.

Lockdown, Verbote, Regeln hin oder her: Was empfehlen Sie jedem für das Verhalten an Ostern – und darüber hinaus?

Die Empfehlung aus der Wissenschaft hat sich nicht geändert: Wenig Kontakte und vorsichtig sein. Selbsttests können helfen und sollten bei positivem Ergebnis durch einen PCR-Test bestätigt werden.

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