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  • Corona-Maßnahmen: Warum nimmt die Akzeptanz ab? Risikoforscher Ortwin Renn im RND-Interview

„Natürlich wächst die Ungeduld“: Wieso die Akzeptanz der Corona-Maßnahmen jetzt bröckelt

  • Seitdem am 16. März 2020 der erste Lockdown beschlossen und dadurch die Freiheit der Deutschen in Teilen eingeschränkt wurde, regt sich immer wieder auch Widerstand in der Gesellschaft.
  • Immer lauter wird dabei auch die Kritik derer, die in der Vergangenheit noch für die Regeln plädierten.
  • Woran die Akzeptanz der Corona-Maßnahmen aktuell scheitert, erklärt Risikoforscher Ortwin Renn im RND-Interview.
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Angst, Trauer und Frust: Die Corona-Pandemie hat in vielen Menschen negative Emotionen ausgelöst. Dazu gehört auch, sich ungerecht behandelt zu fühlen, vor allem von der Politik und ihren Maßnahmen. Ob Lockdown, Ausgangssperre oder Impfung – immer wieder teilte sich die Bevölkerung in Befürwortende sowie Gegnerinnen und Gegner, die den Maßnahmen den Kampf ansagten.

Ortwin Renn ist Direktor am Potsdamer Institut für transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS), spezialisiert auf Risikoanalyse sowie gesellschaftliche Transformationsprozesse, und kennt sich mit diesen Problemen aus. Im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) erklärt er, warum die Akzeptanz von Corona-Maßnahmen so unterschiedlich ausfällt.

Professor Ortwin Renn ist wissenschaftlicher Direktor am Institut für Transformative Nachhaltigkeitsforschung (IASS) in Potsdam und Inhaber des Lehrstuhls „Technik- und Umweltsoziologie“ an der Universität Stuttgart. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören unter anderem die Themen Risikoregulierung, Risikomanagement und Risikokommunikation. © Quelle: De Weiler
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Ob Lockdown, Ausgangssperre oder Maskenpflicht: Seit Pandemiebeginn hat die Krise den Alltag von Millionen Menschen weltweit fest im Griff. Nun scheinen aber allmählich die Geduldsfäden zu reißen, Maßnahmen wirken teilweise unübersichtlich und unlogisch. Woran liegt das?

Zu Beginn der Pandemie, also in der ersten Welle, stand vor allem eines im Fokus: Infektionen mit dem Coronavirus zu verhindern, etwa durch Abstandsgebote. Da saß der Gesundheitsminister neben dem Virologen, und sie widmeten sich der Frage: „Welche Maßnahmen wirken wie stark und was sind die Nebenwirkungen?“ Dieses Konzept hat schon in der zweiten Welle Löcher bekommen. Plötzlich hieß es: „Wichtig ist, dass die Maßnahmen verhältnismäßig sind.“ Es kam zu ersten Konflikten, zum Beispiel hinsichtlich der Frage, ob gesundheitliche oder wirtschaftliche Belange Vorrang haben sollen.

Und jetzt, da die Mehrheit der Bevölkerung gegen das Virus geimpft ist, kommen zahlreiche Fragen hinzu: Wie gehen wir mit Ungeimpften um, vor allem mit denen, die sich nicht impfen lassen wollen? Sind Schutzmaßnahmen für Menschen, die bereits gegen den Erreger der Pandemie immunisiert sind, noch angemessen? Und umgekehrt: Dürfen wir diejenigen, die sich einer Spritze verwehren, ohne Weiteres ihrem eigenen Schicksal überlassen? Das sind keine wissenschaftlichen Fragen mehr, sondern moralische. Fragen, die einer Bewertung bedürfen. Es herrscht also ein größerer Konflikt, eine stärkere Emotionalisierung der Debatte. Moralische Debatten polarisieren weitaus stärker als Debatten um Sachfragen, etwa nach der Wirksamkeit von Masken.

Inwiefern beeinflusst die Dauer der Pandemie das Verständnis und die Akzeptanz für die Regeln?

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Natürlich wächst die Ungeduld: Am Anfang war die Zustimmung gegenüber den Regelungen hoch, jetzt sagt schätzungsweise die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger: „Wir tragen die Schutzmaßnahmen noch, aber wir sehen sie nicht ein.“

Aktuell befinden wir uns in einer Phase, die in der Psychologie als Rekalibrierung der Normalität bezeichnet wird. Das heißt: Was wir als normal empfinden, richtet sich nach dem Kontext, in dem wir uns befinden. Im Bürgerkrieg bedeutet das zum Beispiel, dass Heckenschützen auf einen zielen, während man zum Bäcker geht. So ist es auch in der Pandemie: Hätte es 2019 eine Krankheit gegeben, an der täglich zehn bis 15 Menschen sterben, und die Regierung hätte dem mehr oder minder tatenlos zugesehen – das wäre ein Skandal gewesen. Dadurch, dass die Zahl der täglichen Corona-Toten bei uns aber schon im vierstelligen Bereich lag, kommt uns die Quote inzwischen wie ein positives Signal vor.

Warum ist das so?

Diese Anpassungsfähigkeit liegt in unserer Natur. Schlägt die Infektionskurve nun nicht dramatisch nach oben aus, akzeptieren wir die Situation als neue Norm. Der Vergleich mit der Grippe war in den Debatten der Vergangenheit meist schief, doch an dieser Stelle ist er passend: Auch die Grippe fordert immer wieder Opfer und zum Teil auch erhebliche Übersterblichkeit im Lande, doch weder in der Politik noch in der Gesellschaft gibt es bei jeder neuen Welle einen besonderen Aufschrei.

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Welche Rolle spielen dabei gefühlte Logikfehler der Politik, zum Beispiel von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich hohe Bußgelder für Verstöße gegen die Maskenpflicht?

Solange der Eindruck besteht, der Staat richte sich nach dem Allgemeinwohl, geht die Politikverdrossenheit zurück. So hat etwa ein Großteil der Deutschen die Reaktion auf die Lage im April 2020 als Vertrauensbeweis für die Regierung wahrgenommen: Da war der Stellenwert von Politik selbst für jene, die sich sonst eher davon distanzieren, sehr hoch. In Zeiten von Gefahren kommt man zusammen.

Jetzt, da das Risiko zumindest für Geimpfte sinkt, treten alte politische Kämpfe wieder auf, da kommt die Inkonsistenz bei den Maßnahmen stärker zum Tragen. Politikerinnen und Politiker haben mehr Spielraum, leisten sich Profilierungssucht – ohne dass sie sich dem Vorwurf stellen müssen, die Bevölkerung mehr zu gefährden als notwendig.

Es gibt Menschen, die sagen: „Wir leben in einem föderativem System, da gehören Inkonsistenzen dazu.“ Viele andere finden, dass Föderalismus bei so einem Thema nichts verloren hat. Diese Fronten verhärten sich, wenn jede Ministerpräsidentin und jeder Ministerpräsident darauf abzielt, sich auf Kosten anderer zu profilieren – das kommt in der Bevölkerung nicht gut an.

Es spricht zwar nichts dagegen, Corona-Regeln dezentral zu gestalten. Dass bei einem niedrigen Inzidenzwert Lockerungen anstehen, ergibt Sinn. Allerdings braucht es konsistente Regeln, wann welche Maßnahmen gerechtfertigt sind. Gibt es die nicht oder variieren sie von Bundesland zu Bundesland, verlieren Bürgerinnen und Bürger das Vertrauen in die Problemlösungskapazität der Politik.

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Welche Fehler hat die deutsche Politik hier gemacht?

Zum einen haben in der Vergangenheit zu viele Stimmen parallel gesprochen. Zwar spielt es in einer Demokratie eine große Rolle, alle Stimmen zu hören, jedoch nicht die internen Gespräche der Politikerinnen und Politiker live mitzuverfolgen. Einige Nationen haben angesichts der kollektiven Verbindlichkeit der Maßnahmen zum Beispiel einen Krisen- und Kommunikationsstab angelegt: ein Instrument, das der Regierung dazu verhilft, Regeln möglichst konsistent und nachvollziehbar herauszugeben. In einem solchen nationalen Krisenstab wären sicherlich auch Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Bundesländer Mitglied, allerdings hätten sie die Aufgabe, sich zu einigen, bevor sie ihre Anliegen Bürgerinnen und Bürgern präsentieren.

Zum anderen fehlte es oft an Professionalisierung der Kommunikation. Das Problem ist, dass jeder und jede den Eindruck hat, er sei gut darin, Informationen zu transportieren. Warum dann noch Fachleute befragen? Letztendlich ist die Kommunikation aber auch eine Wissenschaft – etwas, das geprüft, getestet und verbessert werden kann. Und ich habe den Eindruck, dass im Laufe der Krise selbst Grundregeln der Kommunikationswissenschaften verletzt wurden.

Welche sind das?

Besonders problematisch ist es, eine Debatte zu moralisieren. Das schafft nur Spaltung in der Bevölkerung. Wer dabei außerdem zu viele periphere Punkte aufgreift, verwirrt die Menschen. Es geht ja nicht um das Programm einer bundesweiten Volkshochschule. In der Krisenkommunikation reicht es zu sagen: „Das sind die Maßnahmen, und hier kommen die Begründungen dafür.“ Und dann braucht es eindeutige, verständliche und intuitiv nachvollziehbare Aussagen. Das sind alles Forderungen, die im herkömmlichen Alltag der Politik oft verletzt werden, ohne dass es zu Problemen kommt, aber bei einer Frage, bei der es um Leben und Tod geht, erwarten die Menschen Professionalität, Konsistenz und Zusammenhalt.

Ein Teil der Bevölkerung zweifelt auch an der deutschen Impfkampagne gegen das Virus: Derzeit sind rund 63 Prozent der Bürgerinnen und Bürger zweifach gegen Covid-19 geimpft. Wie erklären Sie sich das?

Weltweit liegt Deutschland verglichen mit anderen Ländern, die einen ähnlichen Bestand an Impfstoffen aufweisen, mit seiner Kampagne ungefähr im Mittelfeld. Dennoch überrascht die hohe Zahl der Impfgegner. Aus meiner Sicht müssen hier drei Gruppen unterschieden werden.

Erstens: die Impfskeptikerinnen und -skeptiker hierzulande. Von ihnen hat es stets viele gegeben. Fast jedes vierte Elternpaar in Deutschland weigert sich, das eigene Kind gegen Masern impfen zu lassen. Diese Menschen werden mit hoher Wahrscheinlichkeit auch bei Covid-19-Gegnerinnen und -Gegnern bleiben. Daneben stehen die sogenannten „Querdenker“, also all jene, die mit den Maßnahmen der Bundesregierung grundsätzlich nicht einverstanden sind. Sie leugnen das Risiko einer Covid-19-Erkrankung teilweise gar nicht, bleiben ihrem Impfangebot aber fern, um ein politisches Statement zu setzen. Diese Menschen würden ihr Gesicht verlieren, entschieden sie sich jetzt um.

Die dritte Gruppe beschreibt rund 10 Prozent der Nicht-Immunisierten: Es sind diejenigen, die möglicherweise noch bereit zu einer Corona-Impfung wären. Diese Kategorie setzt sich aus denen zusammen, die sich durchaus willig zeigen, doch noch nicht das richtige Angebot bekommen haben. Dazu kommen jüngere Menschen, die sich zum Teil unverwundbar fühlen. Nimmt die Zahl der Einschränkungen für Ungeimpfte jedoch weiter zu, steigt ihre Bereitschaft, sich doch noch impfen zu lassen.

Das „richtige Impfangebot“ ist etwas Subjektives: Welche Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger an die Politik sind denn im Laufe der Pandemie entstanden?

Die meisten Menschen haben in der Schule gelernt, dass die Naturwissenschaft stets eindeutige Antworten auf eindeutige Fragen liefert, richtige und falsche Lösungsansätze. In der Pandemie erleben wir aber mehr Unsicherheit bei der Bewertung von Maßnahmen, das zeigt das Beispiel Atemschutzmasken: Am Anfang waren sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unsicher, mittlerweile sind sie sich aber einig, dass Masken zum Gesundheitsschutz beitragen. Manches lässt sich wegen zu vieler Zufallsvariablen einfach nicht genau genug prognostizieren.

In der Kommunikation wäre daher wichtig, die verbleibenden Unsicherheiten offen weiterzugeben. Denn schwierig wird es vor allem, wenn die Unterscheidung zunehmend schwerer fällt: Was wissen wir sicher, was stimmt höchstwahrscheinlich, und was ist reine Spekulation?

Inwiefern wirkt sich eine dadurch abnehmende Bereitschaft, die Regeln einzuhalten, auf die vierte Welle aus?

Das große Horrorszenario wäre eine neue Variante des Virus, gegen die auch Geimpfte nicht immun sind. Da das nach aktuellem Kenntnisstand aber eher unwahrscheinlich ist, erwartet uns aus meiner Sicht eine der folgenden Situationen: Entweder es kommt eine Corona-Welle ausgehend von Kindern auf uns zu, dann steht ein möglicher Lockdown wieder im Raum – und eine moralische Debatte darüber. Oder zunehmend werden Geimpfte zu Überträgern des Virus an Nicht-Immunisierte. Das erhöht den politischen Druck auf erneute Maßnahmen und verschärft die Polarisierung zwischen den Geimpften und den Nicht-Geimpften.

Wie lässt sich die Corona-Müdigkeit wieder eindämmen, sodass Bevölkerung und Staat an einem Strang ziehen?

Es ist so: Die echten Gegnerinnen und Gegner sind fest davon überzeugt, dass Impfungen ein größeres Risiko ergeben als der Impfstoff. Die sagen: „Wir wissen nicht, was die Langzeitfolgen sind.“ Es sind meist wissenschaftliche Pseudoargumente, die auf den ersten Blick nicht so einfach außer Kraft zu setzen sind. Das macht die Debatte so schwierig.

Sind diese Argumente so unberechtigt?

Na ja, wenn Impfgegnerinnen und -gegner behaupten, die Langzeitwirkungen seien noch nicht bekannt, kann man dagegen kaum etwas sagen, weil uns offensichtlich langjährige Erfahrungen mit den neuen Mitteln fehlen. Dass wir aber mit Impfstoffen seit mehr als 100 Jahren gute Erfahrungen gemacht haben, wird dabei ausgeblendet. Letztendlich ist das kein Kampf, der auf Sachargumenten aufbaut. Wenn jemand überzeugter Impfgegner ist oder sogar an eine Verschwörungstheorie glaubt, kommt man auf der sachlichen Ebene nicht weiter. Da hilft es eher, über die Motive nachzudenken.

Wie meinen Sie das?

Es gibt drei typische Motive für Anhängerinnen und Anhänger von Verschwörungstheorien. Erstens: Sie geben einem Sicherheit, wieso Dinge sind, wie sie sind. Wissenschaft beinhaltet immer auch ein Unsicherheitsspektrum und das ist für viele schwer zu verkraften. Außerdem hat eine Verschwörungstheorie immer etwas mit der Kontrolle der Welt zu tun. Menschen, die in ihrem Alltag häufig Kontrollverluste erleben, fühlen sich hier angesprochen. Eine Verschwörungstheorie erklärt, wieso es überhaupt dazu gekommen ist – das gibt Genugtuung. Drittens: Es gibt ein soziales Gemeinschaftsgefühl mit Gleichgesinnten. Plötzlich habe ich eine große Menge von verschworenen Freundinnen und Freunden, mit denen ich mich austauschen kann.

Wie stehen die Chancen, diese Menschen noch ins Boot zu holen?

Die Motive besser zu verstehen vereinfacht den Umgang mit Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben. Es mag helfen, zu verdeutlichen, dass die Impfung mit großer Sicherheit erfolgreich sein wird, und dass jemand, der sich impfen lässt, auch aktiv etwas zur Volksgesundheit beiträgt. Auf kommunaler Ebene mit Anreizen zu arbeiten ist auch eine Option. Nur der Ansatz über die „Aufklärung“ auf Basis von Fakten überzeugt Anhängerinnen und Anhänger von Verschwörungstheorien aber kaum.

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