Corona-Maßnahmen kurz lockern: Weihnachten feiern um jeden Preis?

  • Corona hat uns einen neuen Alltag beschert, der für viele Menschen äußerst herausfordernd ist. Wie arrangieren wir uns damit?
  • Das Autorenteam des RND-Newsletters „Die Pandemie und wir“ ordnet die Nachrichten der Woche ein, gibt Einblicke in wissenschaftliche Erkenntnisse und leistet Hilfestellungen für die Krisenzeit – jeden Donnerstag.
  • In dieser Woche: Passen verschärfte Maßnahmen und Lockerungen an Weihnachten zusammen?
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Liebe Leserinnen und Leser,

Weihnachten wird also stattfinden. Die Feiertage am Ende dieses Ausnahmejahres 2020 stehen für mehr als eine besinnliche Zeit im Kreise der Liebsten. Sie werden zu einem Symbol für eine Normalität aus vergangenen Zeiten, in der es noch kein Corona gab. Schwer vorstellbar, oder? Es wird ein Kunststück sein, an Weihnachten wirklich eine Auszeit zu zelebrieren, in der Sars-CoV-2 nicht allgegenwärtig ist.

Das Ausmaß der Krise lässt sich nur schwer verdrängen. Wir haben uns über das Jahr aber bereits daran gewöhnt, dass alles permanent um diesen einen Erreger und seine Auswirkungen kreist. Die Aussicht, plötzlich explizit diese Festtage mit zumindest ein paar Familienmitgliedern oder Freunden verbringen zu dürfen, wirkt deshalb auf den ersten Blick spektakulär, auf den zweiten Blick auch beängstigend. Denn die Erlaubnis von ganz oben verdeutlicht noch einmal, wie tief die Pandemie ins Private vordringt.

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Und die angekündigten Lockerungen Ende Dezember haben ihren Preis. Es müsse bis dahin noch deutlich weniger Ansteckungen geben, haben Merkel und die Landesminister gestern deutlich gemacht. Forscher und Intensivmediziner befürchten, dass Weihnachten und Silvester das Potenzial zu einem bundesweiten Superspreading-Event haben. Gerade unterm Tannenbaum ist die Versuchung groß, auf Abstand, Lüften und Maske zu verzichten. Die Politik zieht deshalb vorab die Zügel noch einmal an und hofft, dass es durch verschärfte Regeln weniger riskante Kontakte gibt. Denn klar bleibt: Das Virus macht im Winter sicher keine Pause.

Bleiben Sie gesund!

Saskia Bücker

Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise – jeden Donnerstag.
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Erkenntnis der Woche

Der Teil-Lockdown wird einen weiteren Monat Bestand haben. Bund und Länder haben sich am Mittwoch auf Corona-Beschlüsse für die nächsten Wochen geeinigt. Statt zehn dürfen jetzt beispielsweise noch fünf Personen aus zwei Haushalten zusammenkommen – Weihnachten ausgenommen. Restaurants und Freizeiteinrichtungen bleiben weiterhin zu. Auch wenn Bundeskanzlerin Merkel es bei der Pressekonferenz noch nicht ausgesprochen hat – verschärfte Maßnahmen werden höchstwahrscheinlich auch nach Weihnachten weiter Bestand haben müssen.

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Das sagen zumindest Statistiker. Der Mathematiker Jan Fuhrmann von der Forschungsgruppe Jülich errechnet Szenarien zum weiteren Pandemieverlauf. Der Datenkenner sagt: „Eine dritte Welle ist nahezu unvermeidbar, wenn wir im Januar wieder auf unsere Kontaktraten von Anfang Oktober zurückkommen.“ Sprich: Kontakte beschränken bleibt wahrscheinlich auch im Jahr 2021 das Gebot schlechthin – und womöglich auch eine politisch festgesetzte Maßgabe.

Alltagswissen

Könnte das Training im Fitnessstudio zum Superspreading-Event werden? Mehrere Ketten haben gegen den aktuellen Teil-Lockdown Klage eingereicht – bislang erfolglos. Wissenschaftliche Studien beurteilen das Infektionsrisiko in den Trainingsstätten unterschiedlich. Zu einem stringenten Schluss kommen sie allerdings nicht – wie so häufig in diesen Tagen steht auch beim Thema Gefährdungspotenzial von Fitnessstudios Expertenmeinung gegen Expertenmeinung. Unstrittig immerhin ist folgende Erkenntnis: Trotz geschlossener Studios sei Sport wichtig, um das Immunsystem zur Abwehr einer möglichen Infektion zu stärken, sagt Wilhelm Bloch. Der Leiter der Abteilung Sportmedizin an der Deutschen Sporthochschule in Köln betont, mit einer guten Fitness lasse sich nicht nur die Infektion selbst besser überwinden. Auch die möglichen Begleitschäden an Organen wie Lunge, Herz oder Nieren ließen sich eher verhindern. „Sportler sind davor recht gut gefeit“, so der Experte.

Bloch empfiehlt, im Teil-Lockdown im Freien weiter zu trainieren. Das klappe auch im Winter, wenn das Wetter einigermaßen mitspielt und man sich warm anzieht. Ein möglichst komplexes Training sei auch möglich, wenn außer Laufen noch Sprungkrafttraining eingeplant wird. Ein Sprint, ein paar Treppenstufen bewältigen, Liegestützen – es gilt jetzt, beim Training kreativ zu sein.

Zitat der Woche

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Forschungsfortschritt – mit Manko

Es ist ein immer realistischeres Szenario: 2021 könnten viele Menschen gegen das Coronavirus Sars-CoV-2 geimpft werden. Inzwischen haben schon drei Impfstoffhersteller vielversprechende Zwischenergebnisse aus ihren Studien veröffentlicht. Astra Zeneca, Moderna und Biontech/Pfizer sprechen bislang allesamt von einer hohen Effektivität. Unterschiede gibt es aber bei der Kühlung – was für das Lagern und Liefern der Impfdosen überall auf der Welt entscheidend sein dürfte.

Einen klaren Vorteil hat da auf den ersten Blick der Astra-Zeneca-Impfstoff. Er braucht keine aufwendigen Kühlketten. Den Angaben des Herstellers zufolge kann er bei Kühlschranktemperaturen von zwei bis acht Grad aufbewahrt werden – für mindestens sechs Monate. Das Mittel von Biontech/Pfizer bleibt hingegen nur in einer konstanten Kühlkette bei rund minus 70 Grad einsatzbereit. Wird der Impfstoff länger als fünf Tage vor Ort bei zwei bis acht Grad gelagert, kann er nicht mehr verabreicht werden.

Der Impfstoff von Moderna ist offenbar stabiler und bei normaler Kühlschranktemperatur in pharmazeutischen Gefrier- und Kühlschränken 30 Tage lang haltbar. Und jetzt kommt das Aber: Ein zweiter Blick lässt dann doch an dem Wirkstoff von Astra Zeneca zweifeln. Denn Berichte über Unregelmäßigkeiten in der Dosierung und der intransparente Umgang damit werfen die Frage auf, wie und ob sich diese Mängel auf eine Zulassung auswirken – kein geringes Problem, schließlich hat Deutschland schon 50 Millionen Dosen bestellt.

Pandemie im Ausland

Nach Südtirol und der Slowakei setzt jetzt auch Österreich auf den Einsatz von Massentests in der Bevölkerung. Es sei wichtig festzuhalten, dass Massentests kein Allheilmittel seien, sondern eine Momentaufnahme lieferten, sagte Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz vor einer groß angelegten Testung Anfang Dezember. „Sie sind nicht die einzige Lösung, die gibt es nicht, aber eine gute Chance, Infektionen in der Bevölkerung zu lokalisieren und weitere Ansteckungen zu verhindern.“ Ziel sei es, rechtzeitig vor Familientreffen am Weihnachtsfest möglichst viele unentdeckte Infizierte unter den 8,9 Millionen Einwohnern Österreichs zu finden.

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Von bevölkerungsweiten Schnelltests in Deutschland rät Charité-Virologe Christian Drosten ab. Unter anderem seien derzeit zu viele falsche positive Ergebnisse zu erwarten – was bedeute, dass relativ viele Leute zu Unrecht in Isolierung müssten. Lohnend könne eher der gezielte Einsatz in Hotspots sein. Schnelltests seien vorrangig bei Patienten mit Symptomen einzusetzen. Am besten sollten sie in den ersten fünf Tagen nach Symptombeginn vorgenommen werden.

Was kommt

Noch ist die Welt mit Sars-CoV-2 beschäftigt. In Zukunft könnten aber weitere Pandemien auf uns zukommen. Einer der Kandidaten mit Potenzial ist das Mers-Coronavirus, ein enger Verwandter des derzeit kursierenden Erregers. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) stuft Mers bereits als „Priority Disease“ ein. Das heißt: Der durch das Virus ausgelösten Infektion und der Entwicklung geeigneter Medikamente müsse höchste Priorität eingeräumt werden. Charité-Virologe Christian Drosten hat bereits angekündigt, sich nach der Sars-Pandemie auf Forschungen zu Mers zu fokussieren.

Das Reservoir des Mers-Coronavirus sind Dromedare. Der Erreger wurde 2012 zum ersten Mal bei einem Menschen registriert – und kursiert inzwischen vor allem in Saudi-Arabien und den angrenzenden Ländern. Wie bei Sars-CoV-2 ist auch eine Übertragung von Mensch zu Mensch möglich. Bislang wurden aber kaum Ansteckungen in Privathaushalten registriert. Allerdings gab es in Krankenhäusern zum Teil große Ausbrüche, berichtet das Robert-Koch-Institut (RKI). Noch hält sich die Ausbreitung weltweit betrachtet in Grenzen. „Wichtig für die globale Risikoeinschätzung − auch für Deutschland − ist, dass es bislang keine Hinweise auf eine anhaltende, unkontrollierte Mensch-zu-Mensch-Übertragung gibt“, resümiert das RKI.

Was die Pandemie leichter macht

Schon mal eine Weihnachtsfeier aus dem Homeoffice heraus organisiert?. © Quelle: Getty Images/iStockphoto

Anfang Dezember ist normalerweise der Startschuss für einen Marathon an Weihnachtsfeiern. Wegen der Kontaktbeschränkungen fallen die meisten Präsenzveranstaltungen aber aus. Auch Unternehmen sind davon betroffen. Das Betriebsfest komplett ausfallen zu lassen sei aber keine gute Idee, sagt Kommunikationstrainerin Nadine Meyden: „Denn bei der Weihnachtsfeier geht es auch um die Anerkennung der geleisteten Arbeit.“

Sie schlägt deshalb virtuelle Formate und Online-Events vor. Das sei zwar kein kompletter Ersatz, aber eine gute Gelegenheit für Unternehmen, das neue Format auszuprobieren. „Denn in Pandemiezeiten ist es eine Kunst, den Kontakt zueinander aufrechtzuerhalten“, erklärt Meyden. „Da viele Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten, fehlt der informelle Austausch auf dem Flur und in der Teeküche.“ Es gehe nicht zuletzt auch um das Gefühl der Zusammengehörigkeit und lockeren Stimmung. Wie das in der Praxis aussehen wird, wenn man sich virtuell mit Glühwein zuprostet und ob der Funke bei der Fernfeier so richtig zündet – wir werden es wohl ausprobieren müssen …

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