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Corona-Regeln im Herbst aufheben? Virologe: „Es ist richtig, diese Diskussion jetzt zu führen“

  • Bundesaußenminister Heiko Maas hat angeregt, die Corona-Maßnahmen aufzuheben, sobald alle Menschen in Deutschland die Möglichkeit hatten, sich impfen zu lassen.
  • Die Pflicht, eine Maske zu tragen, würde dann zu einer individuellen Entscheidung werden.
  • Aus den Reihen der Corona-Expertinnen und -Experten kommen dazu Zustimmung, aber auch Bedenken.
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In Deutschland ist eine Debatte darüber entbrannt, ob die Corona-Regeln aufgehoben werden sollten, sobald jede Bürgerin und jeder Bürger ein Impfangebot erhalten hat. So hatte es Bundesaußenminister Heiko Maas vorgeschlagen. Zu rechnen sei damit schon im Laufe des August, sagte Maas der Deutschen Presse-Agentur und der „Süddeutschen Zeitung“.

Unterstützung erhielt der SPD-Politiker unter anderem von Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung: „Spätestens im September wird für jeden Impfwilligen ein Impfangebot verfügbar sein, dann müssen eigentlich nahezu alle Corona-Maßnahmen weg“, sagte er der „Bild“. „Jeder kann dann immer noch individuell entscheiden, ob er oder sie weiter Maske tragen will – Pflicht sollte es dann aber nicht mehr sein.“

Angesichts einer möglichen vierten Infektionswelle im Herbst und der raschen Ausbreitung der Delta-Variante ist eine Aufhebung der Corona-Regeln unter Corona-Expertinnen und -Experten umstritten.

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Epidemiologe: Maskenpflicht vorerst beibehalten

„Wir sollten ein wenig vorsichtiger sein und auf gar keinen Fall die Maskenpflicht in Innenräumen und das allgemeine Abstandhalten abschaffen“, sagte Prof. Timo Ulrichs von der Berliner Akkon-Hochschule für Humanwissenschaften. Was passiert, wenn alle Corona-Maßnahmen aufgehoben werden, könne bald in Großbritannien beobachtet werden. Das Land will ab dem 19. Juli die Regelungen weitgehend aufheben.

„Es wird exponentielle Wachstumsraten von Neuinfizierten geben, allerdings verhältnismäßig wenige schwere Verläufe und Todesfälle“, prognostizierte der Epidemiologe, „aber absolut gesehen dann doch ziemlich viele, weil eben noch nicht ausreichend Menschen geimpft sind und weil die hohen Neuinfiziertenzahlen dann doch auch viele Krankheitsfälle nach sich ziehen werden.“

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Auch Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie warnte davor, schon jetzt etwa eine Entscheidung über die Maskenpflicht zu treffen: „Würde man eine Aufhebung der Maskenpflicht ab September jetzt schon beschließen, wäre das meiner Meinung nach zu voreilig. Es ist noch zu unsicher, wie sich die Lage in Deutschland im September und Oktober angesichts der Delta-Variante entwickelt.“

Impfstoffe bieten guten Schutz – auch vor Delta

Prof. Alexander Dalpke, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Virologie am Universitätsklinikum Dresden, ist sich sicher, dass eine vierte Corona-Welle mit und ohne Maßnahmen nicht mehr abwendbar ist. „Die vierte Welle im Herbst wird definitiv kommen“, sagte er. „Die Frage ist nur, welches Ausmaß sie hat. Wenn die Populationen, von denen wir wissen, dass sie besonders empfänglich sind – also alte Menschen oder Menschen mit Vorerkrankungen –, gute Durchimpfungsraten haben, dann wird sich letztlich die Infektion in der Bevölkerung ausbreiten, aber nicht mehr darin niederschlagen, dass die Krankenhäuser maximal belastet werden.“

Der Virologe unterstützt die Forderung von Gassen: „Wenn jeder ein Impfangebot und damit die Chance bekommen hat, sich impfen zu lassen, dann besteht die Möglichkeit, sich individuell gegen Corona zu schützen.“ Die derzeit verfügbaren Corona-Impfstoffe würden gegen die zirkulierenden Virusvarianten eine hohe Wirksamkeit aufweisen, also einen guten Schutz vor schweren Krankheitsverläufen bieten.

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Die Corona-Maßnahmen, mit denen ebenfalls schwere bis tödliche Erkrankungen verhindert werden sollten, könnten folglich ihre Berechtigung verlieren. „Insofern ist es richtig, die Diskussion über die Aufhebung der Maßnahmen jetzt zu führen“, meinte Dalpke. Am Ende sei es aber keine wissenschaftliche, sondern eine gesellschaftspolitische Frage.

Deutsche sehnen Ende der Corona-Regeln herbei

Zustimmung zur Aufhebung der Corona-Maßnahmen kommt auch aus der Bevölkerung. In einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov sprachen sich 51 Prozent der Befragten dafür aus, 39 Prozent lehnten dies ab, 11 Prozent machten keine Angaben. Bei den 18- bis 33-Jährigen stimmten nur 33 Prozent für eine Aufhebung der Corona-Auflagen. In allen anderen Altersgruppen befürworteten etwas über 50 Prozent ein Ende der Einschränkungen.

Prof. Stephan Ludwig, Leiter des Instituts für Virologie an der Universität Münster, hält eine Aufhebung der Regelungen aus wissenschaftlicher Sicht „ohne Weiteres vertretbar“. Vorausgesetzt, möglichst viele Menschen lassen sich impfen, und die Impfung schützt größtenteils gegen Delta und andere neu auftretende Virusvarianten. „Wenn die Durchimpfung allerdings zu gering ist und sich die Varianten deshalb doch wieder schnell verbreiten, muss man auch die Geimpften als mögliche Überträger sehen und dann entsprechend gegensteuern“, sagte er.

Ausbreitung der Delta-Variante genau beobachten

Die zuerst in Indien entdeckte Virusvariante Delta macht in Deutschland aktuell 37 Prozent aller Neuinfektionen aus, wie aus Daten des Robert Koch-Instituts hervorgeht. Innerhalb einer Woche hat sich ihr Anteil mehr als verdoppelt. Vor einem derartigen Ausbreitungstempo der Mutante hatten Expertinnen und Experten bereits vor Wochen gewarnt.

„Ob ein Impfangebot für alle zur Verfügung steht oder nicht, ist nicht der entscheidende Faktor“, sagte Epidemiologe Zeeb. „Wir sollten erst einmal schauen, wie stark und in welchen Altersgruppen sich die Delta-Variante ausbreitet.“ Sein Berliner Berufskollege Ulrichs glaubt, dass ein Ende der Corona-Regelungen aber in greifbare Nähe rückt: „Wenn wir gut durch Herbst und Winter kommen, können wir ab Beginn 2022 die Pandemie beenden.“

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