Corona-Maßnahmen: Fünf Dinge, die Deutschland von Asien lernen kann

  • Während die Zahl der bestätigten Neuinfektionen in weiten Teilen Europas in ein exponenzielles Wachstum gerutscht sind, sieht es anderswo auf der Welt ganz anders aus.
  • In Asien und Australien sind die Infektionszahlen derzeit auf einem sehr niedrigen Niveau.
  • Was machen diese Länder besser, um die Ausbreitung des Coronavirus zu bremsen?
Alice Mecke
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Hannover. In Europa steigen die Zahlen der Corona-Neuinfektionen unaufhaltsam an. Auch die USA sind fortwährend ein Epizentrum der Pandemie. Es gibt aber Länder, in denen inzwischen kaum oder nur sehr wenige neue Fälle registriert werden. In China beispielsweise, in dem sich das Coronavirus Sars-CoV-2 zuerst bemerkbar machte, liegt der letzte lokale Ausbruch eine Woche zurück. Taiwan hat laut „CNN“ gerade seinen 200. Tag in Folge ohne einen einzigen neuen Covid-19- Fall verzeichnet. Auch Australien meldete diese Woche das erste Mal seit fünf Monaten keine Neuinfektionen. Was machen diese Länder, in denen es teils riesige Metropolen gibt, anders?

1) Zeit nutzen, die erster Lockdown gibt

Die australische Epidemiologin Zoë Hyde von der Universität von Westaustralien in Perth wirft Europa - vor allem im Bezug auf ihr Gesundheitssystem - „Vergeudung“ wertvoller Zeit vor: „Die Pandemie verlangt eine nachhaltige Antwort. Die Frühjahrs-Lockdowns in Europa waren ein effektives, wenngleich plumpes Mittel, um das Virus schnell zu unterdrücken“, sagte die Wissenschaftlerin gegenüber „Tagesschau“. Die Zeit, die man sich damit erkaufte, sei jedoch „weitgehend verschleudert“ worden.

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Die Länder, die die Pandemie als größte Gefahr für die Bevölkerung überhaupt erkannt hätten und daraufhin entsprechend reagierten, hätten die Lage bislang auch am besten im Griff. Eine weitgehende Unterdrückung der Ausbreitung mithilfe bestimmter Maßnahmen sei die beste Strategie für die öffentliche Gesundheit und die Wirtschaft gleichermaßen.

2) Coronavirus nachverfolgen: Die Teststrategie

Eine der wichtigsten und effektivsten Strategien war in allen Ländern schnelles und umfangreiches Testen. Teilweise öffneten einfach zugängliche Testzentren, die mit dem Auto passiert werden konnten. Die Coronatests waren kostenlos und die Ergebnisse wurden innerhalb von 24 Stunden übermittelt, die Betroffenen wurden sofort in Quarantäne geschickt. Nach einem Corona-Ausbruch in Nordwestchina beispielsweise haben die Behörden in der Stadt Kashgar innerhalb von nur vier Tagen 4,7 Millionen Einwohner auf eine mögliche Infektion mit dem Virus getestet. Bei 183 Menschen konnte der Erreger nachgewiesen worden.

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In Deutschland sind die Corona-Testkapazitäten mittlerweile am Limit. Das bestätigten Lars Schaade, Vizepräsident des Robert-Koch-Instituts, und Michel Müller, Vorstandsvorsitzender der Labormediziner in Deutschland. Sie läuteten einen Umschwung beim Testen im Winter und bei steigenden Infektionszahlen ein.

Es könnten nicht alle Personen mit Erkältungssymptomen bei einer bundesweiten Kapazität von drei Millionen PCR-Tests pro Woche getestet werden. „Das ist weder nötig noch erforderlich“, machte Schaade bei einer Pressekonferenz deutlich. Somit wird nicht mehr jeder mit den typischen Covid-19-Symptomen Halsschmerzen und Schnupfen getestet. Trotzdem sind alle Bürger dazu angehalten, sich bei Symptomen mindestens fünf Tage selbst zu isolieren.

3) Fokus auf Cluster

Auch die Kontaktnachverfolgung der Infizierten und ihrer möglichen Kontakte spielt eine große Rolle bei der Eindämmung des Virus. Der Virologe Christian Drosten hat im NDR Podcast unter anderem auf die Effektivität der japanischen Cluster-Strategie hingewiesen. Dort werde neben der klassischen Nachverfolgung der Kontakte einer infizierten Person auch „mit höchster Priorität“ danach gefragt, wo ein Patient glaube, sich infiziert zu haben. Eigentlich sei eine solche Cluster-Nachverfolgung auch durch die deutschen Gesundheitsämter vorgesehen. Doch Drosten nennt es „eine Frage der Gewichtung und ob man das alles schaffen kann“.

Die Kontaktnachverfolgung lief in Deutschland generell nicht überall reibungslos - was in einigen Fällen nicht auf überlastete Gesundheitsämter, sondern auf die Sorglosigkeit der Menschen zurückzuführen war. So kam es beispielsweise in der Hamburger Kneipe „Katze“ zu einem Corona-Ausbruch. Hunderte Menschen hätten sich isolieren und testen lassen müssen. Etliche Gäste haben jedoch falsche Kontaktdaten hinterlassen und mussten per Aufruf der Stadt Hamburg ausfindig gemacht werden.

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Corona: Bundeswehr hilft bei der Kontaktverfolgung
2:03 min
Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr helfen seit einigen Tagen im Dortmunder Gesundheitsamt bei der Nachverfolgung der Corona-Kontakte.  © Reuters

Aber auch jetzt, wo Restaurants und Kneipen im Teil-Lockdown vorerst geschlossen sind, zeigt sich die Überforderung bei der Kontaktnachverfolgung. Denn bei steigenden Infektionszahlen reicht das Personal in den örtlichen Gesundheitsbehörden nicht aus. Die Länder wurden daher aufgefordert, den Gesundheitsämtern vorübergehend mehr Helfer zur Verfügung zu stellen. Mancherorts unterstützen schon Soldaten der Bundeswehr die Ämter bei der Nachverfolgung von Infektionsketten.

4) Maske tragen: Standard in Asien

Mit dem aktuellen Teil-Lockdown wurde in vielen Städten Deutschlands auch die Maskenpflicht auf öffentlichen Plätzen eingeführt. Das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes gilt inzwischen alsein effektives Mittel, um das Infektionsrisiko zu minimieren. Eine kürzlich veröffentlichte Studie aus Japan kam zu dem Ergebnis: Ob Stoffmaske oder chirurgische Maske - das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes verhindert beim Gegenüber die Belastung mit dem Coronavirus um 70 Prozent.

Während die Maskenpflicht in einigen europäischen Ländern erst im Sommer in Kraft getreten ist oder - wie in den USA - noch gar nicht existiert, gehört in asiatischen Ländern die Maske schon lange zum guten Ton. Das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes ist dort viel verbreiteter, aus Höflichkeit oder auch zum Schutz vor Luftverschmutzung. In Südkorea und Melbourne werden mittlerweile Geldstrafen verhängt, wenn Unternehmen ihre Mitarbeiter nicht auffordern, am Arbeitsplatz eine Maske zu tragen. Inzwischen kontrollieren auch in Deutschland die Ordnungsämter vermehrt in öffentlichen Masken-Zonen.

5) Klare Kommunikation, statt Trägheit bei Maßnahmen

In Deutschland gibt es aufgrund in den Bundesländern teils unterschiedlichen Regelungen Verwirrung um die Effektivität von Maßnahmen. Besonders umstritten war beispielsweise das von manchen Ländern kurzfristig eingeführte Beherbergungsverbot. Mit dem neuen Teil-Lockdown gibt es wieder einheitlichere Regeln.

Das Problem: Eine unklare Kommunikation seitens der Entscheidungsträger trage in der breiten Masse nicht dazu bei, Regeln einzuhalten oder den Ernst der Lage anzuerkennen, sagt Emma Hodcroft, Epidemiologin aus Basel. Gegenüber dem US-Magazin „Business Insider“ erklärte die Wissenschaftlerin einen gemeinsamen Trend, den Länder verfolgen, die das Virus unter Kontrolle gebracht haben. Sie hätten einen Plan für den Fall, dass Neuinfektionen auftreten, teilten ihn der Öffentlichkeit klar mit und setzten ihn schnell um, wenn die Zahlen steigen.

„Viele Länder haben versucht, dies im Herbst irgendwie herauszufinden, statt vorgegebene Grenzen und Empfehlungen zu formulieren, wann welche Maßnahmen ergriffen werden sollten und von wem und auf welcher Ebene das geschieht“, so Hodcroft gegenüber dem US-Magazin. Die Zeitpläne in Westeuropa seien ein gutes Beispiel für diese „Trägheit“, neue Richtlinien seien schlichtweg zu spät erlassen worden.

Im Gegensatz dazu haben Australien, China und Neuseeland in den letzten Monaten standortbezogene Maßnahmen mit großer Wirkung eingesetzt. Auch Japan habe früh genug gehandelt, die Regierung habe rechtzeitig klare Botschaften veröffentlicht, in denen die Bürger angewiesen wurden, geschlossene Räume, überfüllte Orte und engen Kontakt zu meiden.


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