Corona-Maßnahmen: “Das Virus verstärkt die Ungleichheit”

  • Wissenschaftler aus Bremen haben Folgen der Corona-Maßnahmen für die Gesundheit untersucht.
  • Betroffen sind davon vor allem Menschen mit niedrigem Einkommen.
  • Im RND-Interview fordert Public-Health-Experte Ansgar Gerhardus, Maßnahmen zur Viruseindämmung in Zukunft gezielter und durchdachter anzuwenden.
Irene Habich
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Das Kompetenznetz Public Health Covid-19 hat die Auswirkungen von Infektionsschutzmaßnahmen auf die Gesundheit untersucht. Eine der wichtigsten Erkenntnisse: Gesundheitliche Folgen durch die Maßnahmen drohen vor allem sozial schwächer gestellten Menschen. Ansgar Gerhardus hat das Kompetenznetz mit aufgebaut, er ist Public-Health-Experte und Versorgungsforscher an der Universität Bremen.

Über die richtigen Anti-Corona-Maßnahmen gibt es auch unter Experten oft unterschiedliche Meinungen – woran liegt das?

Es gibt immer verschiedene Blickwinkel auf ein Thema. Momentan ist es oft so, dass sich Experten verschiedener Fachrichtungen zu einer Maßnahme äußern und einander dabei widersprechen. Ein Beispiel wäre das Thema Schulöffnungen. Während ein Virologe vor zu vielen Lockerungen warnt, weil Kinder das Virus womöglich in der Gesellschaft weiterverbreiten könnten, fordern Kinderärzte einen möglichst normalen Betrieb. Denn sie haben vor allem das Wohl der Kinder im Auge. Der Öffentlichkeit hilft das nicht.

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Auch Sie geben Empfehlungen zu Infektionsschutzmaßnahmen und untersuchen deren Auswirkungen. Was läuft bei Ihnen anders?

Unsere Empfehlungen stimmen wir in interdisziplinären Arbeitsgemeinschaften ab: Wenn es um Maßnahmen geht, die Schulen betreffen, bringen zum Beispiel nicht nur Ärzte oder Virologen, sondern auch Psychologen ihre Expertise ein. Wir haben auch den Anspruch, dass unsere Empfehlungen einigermaßen qualitätsgesichert sind, also auf aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen basieren und ein internes Peer-Review durchlaufen.

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Professor Ansgar Gerhardus untersucht am Institut für Public Health und Pflegeforschung Auswirkungen der Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus. © Quelle: Harald Rehling / Universität Bremen

Sie beschäftigen sich unter anderem mit der Versorgung Nicht-Corona-Kranker während der Krise. Im Frühjahr wurden laut deutscher Krebshilfe bis zu 50.000 Krebsoperationen verschoben, um Betten für mögliche Corona-Patienten freizuhalten. Waren die Einschränkungen bei der Versorgung zu rechtfertigen?

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Bei manchen Operationen, da ist es einfach nur unangenehm, wenn sie aufgeschoben werden. Im Fall von Krebs hingegen sollte ein Eingriff so schnell wie möglich erfolgen. Ob sich durch aufgeschobene Operationen die Lebenserwartung von Krebspatienten verkürzt hat, wird sich aber erst in den nächsten Jahren zeigen.

Corona-Maßnahmen treffen ärmere Menschen

Viele Menschen sind auch von sich aus nicht mehr ins Krankenhaus gegangen, aus Angst, sich dort mit Corona anzustecken. So ließen sich weniger Patienten mit einem Herzinfarkt behandeln, obwohl der viel gefährlicher ist. Wie lässt sich so etwas verhindern?

Für die Menschen war es sehr schwer, die Situation richtig einzuschätzen, und überall waren diese Bilder präsent von den Leichenlastern aus Bergamo. Da kann es schwer werden, die Leute noch zu erreichen. Eine unserer Arbeitsgruppen hatte vorgeschlagen, Beratungsstellen einzurichten, die den Leuten bei der Entscheidungsfindung helfen: Bei welchen Beschwerden ist es in jedem Fall wichtig, den Arzt aufzusuchen, bei welchen nicht? Vielleicht wurde auch am Anfang etwas zu oft “bleibt zu Hause” kommuniziert und zu selten “bitte kommt”. Einige Ärzte haben das dann später nachgeholt und ihre Patienten ermutigt, sich in Behandlung zu begeben.

Das Kompetenznetz Covid-19 erforscht auch die Auswirkungen der Corona-Maßnahmen auf die Gesundheit verschiedener Bevölkerungsgruppen. Hierbei gibt es offenbar große Unterschiede.

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Das ist richtig. Es hieß am Anfang immer: Corona macht alle gleich. Der Satz könnte falscher nicht sein. Das Virus verstärkt die Ungleichheit auf allen Ebenen, auch bei der Gesundheit.

Wie kommt das?

Es beginnt schon bei der Ansteckungsgefahr. Menschen mit niedrigem Einkommen leben in beengteren Verhältnissen und haben öfter Arbeitsplätze, an denen sie dem Kontakt mit vielen Menschen ausgesetzt sind. Sie haben zudem öfter Vorerkrankungen wie Herz-Kreislauf-Krankheiten oder Diabetes, Risikofaktoren für einen schweren Verlauf.

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Aber auch die Maßnahmen treffen sie härter?

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Ja, aus verschiedenen Gründen. Ärmere Menschen haben meist ein kleineres soziales Netzwerk, sodass sie die Isolation stärker trifft und psychisch besonders belastend wird. Wer ohnehin schon ein niedriges Einkommen hat, entwickelt schneller Existenzsorgen – die sorgen für dauerhaften Stress, der sehr schädlich für die Gesundheit ist.

Insgesamt hat sich gezeigt, dass Arbeitslosigkeit und Arbeit im Niedriglohnsektor mit erhöhten Risiken für Depressionen und Suizide sowie mit Suchterkrankungen, Verkehrsunfällen, Herzinfarkten und Krebserkrankungen einhergehen. Nimmt also die Armut infolge von Corona-Maßnahmen und Wirtschaftsabschwung zu, drohen auch mehr Gesundheitsprobleme.

Wie lässt sich denn in Zukunft vermeiden, dass ganze Bevölkerungsgruppen unverhältnismäßig unter den Corona-Maßnahmen leiden?

Wir sind dafür, ganz genau hinzuschauen und gezielt solche Maßnahmen zum Infektionsschutz zu ergreifen, die den größten Nutzen und die geringsten Einschränkungen bedeuten. Ich glaube nicht, dass das momentan der Fall ist. Eine Möglichkeit wäre, ein interdisziplinäres Expertengremium zu schaffen, das ähnlich wie unsere Arbeitsgruppen verschiedene Disziplinen abdeckt: nicht nur die Virologie und Medizin, sondern unter anderem auch die Psychologie, Gesundheits- und Sozialwissenschaften.

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Eine letzte Frage: Momentan werden im Eilverfahren Impfstoffe entwickelt, über deren Nutzen und Risiken noch wenig bekannt ist. Am Virus sterben momentan in Deutschland kaum noch Menschen. Sollte die Bevölkerung aus Sicht eines Public-Health-Experten trotzdem geimpft werden, um Corona einzudämmen?

Ich würde mir sehr wünschen, dass es eine Impfung gibt – wenn sie nach den üblichen Standards entwickelt wurde. Aber Abstriche bei der Sicherheit darf es bitte nicht geben. Der Nutzen muss das Risiko klar überwiegen. Sonst ist das Risiko zu groß, dass es zu Nebenwirkungen kommt – und dann die Akzeptanz für Impfungen insgesamt sinkt.

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