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  • Corona: Maskenpflicht-Ende im September? Wann eine Aufhebung vertretbar wäre

Sollte die Maskenpflicht im September fallen? Das sagen Experten

  • In Deutschland wird über eine Aufhebung der Maskenpflicht diskutiert.
  • Während Kassenärzte-Chef Andreas Gassen eine Aufhebung der Maskenpflicht ab September für Geimpfte fordert, sind andere Experten wegen der Virusvariante Delta besorgt.
  • Umfragen zufolge wollen viele Menschen weiterhin und teilweise auch nach der Pandemie eine Maske tragen.
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Erneut wird in Deutschland über eine mögliche Aufhebung der Maskenpflicht in der Corona-Pandemie diskutiert. Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, hat jüngst gegenüber der „Bild“-Zeitung gefordert, dass alle Corona-Maßnahmen – und somit auch die Maskenpflicht – wegfallen sollen, sobald genügend Menschen in Deutschland geimpft sind. Gassen zufolge wäre das spätestens September der Fall, wenn allen Impfwilligen ein Impfangebot zur Verfügung steht. Vor gut drei Wochen zog auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) eine schrittweise Aufhebung der Maskenpflicht in Erwägung. Wie sieht also die Zukunft der Maske aus?

Virologe: Aufhebung der Maskenpflicht vertretbar – wenn genügend Menschen geimpft sind

Virologe Lars Dölken vom Institut für Virologie und Immunbiologie der Universität Würzburg hält eine Aufhebung der Maskenpflicht ab September für vertretbar – warnt jedoch gleichzeitig vor einer starken Ausbreitung der besonders ansteckenden Delta-Variante in den Herbst- und Wintermonaten: „Fällt die Maskenpflicht zu einem Zeitpunkt weg, wenn die Zahlen ohnehin steigen, dann wird die Aufhebung gleich mit dem Anstieg der Corona-Fälle verknüpft“, sagt er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

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Ein wichtiger Faktor für die Entscheidung über die Maskenpflicht sei der Anteil an Geimpften in der Bevölkerung. „Daten zeigen, dass eine vollständige Impfung mit zwei verabreichten Impfdosen auch gegen die Delta-Variante einen guten Schutz bietet. Wenn also genügend Menschen vollständig geimpft sind, spricht auch nichts gegen eine Aufhebung der Maskenpflicht“, betont er.

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Bei der Diskussion um die Aufhebung der Maskenpflicht muss man Dölken zufolge außerdem zwischen dem Aufenthalt im Freien und Treffen in Innenräumen unterscheiden. „Draußen ist aktuell angesichts der niedrigen Inzidenzzahlen keine Maskenpflicht mehr erforderlich. Drinnen wäre eine Aufhebung der Maskenpflicht noch zu früh, da viele Menschen noch nicht die Chance hatten, sich impfen zu lassen“, sagt er. Es sei also unsozial, die nicht geimpften Menschen mit der Aufhebung der Maskenpflicht einem erhöhten Risiko auszusetzen. „Dürften nur Geimpfte auf die Maske verzichten, wäre das unfair“, so der Virologe.

Epidemiologe: Entscheidung über Aufhebung der Maskenpflicht noch nicht jetzt treffen

Die Delta-Variante bereitet auch dem Epidemiologen Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie Sorgen. Er warnt daher davor, schon jetzt eine Entscheidung über die Maskenpflicht zu treffen. „Würde man eine Aufhebung der Maskenpflicht ab September jetzt schon beschließen, wäre das meiner Meinung nach zu voreilig. Es ist noch zu unsicher, wie sich die Lage in Deutschland im September und Oktober angesichts der Delta-Variante entwickelt“, betont er gegenüber dem RND.

Auch andere Fragen seien zudem noch offen – beispielsweise sei noch unklar, ob auch Geimpfte die Delta-Variante an Nichtgeimpfte weitergeben können. Diese Frage sollte Zeeb zufolge einen Einfluss auf die Diskussion um eine Aufhebung der Maskenpflicht haben. „Ob ein Impfangebot für alle zur Verfügung steht oder nicht, ist nicht der entscheidende Faktor. Wir sollten erst einmal schauen, wie stark und in welchen Altersgruppen sich die Delta-Variante ausbreitet“, sagt Zeeb.

Für eine Aufhebung der Maskenpflicht müssten laut Zeeb mehrere Bedingungen erfüllt sein. „Erst wenn wir uns sicher sein können, dass wir einen Anstieg der Infektionszahlen im Griff behalten können, kann man über eine Aufhebung oder Lockerung der Maskenpflicht nachdenken“, sagt er. Zudem müsse es mehr und verlässlichere Daten geben, die zeigen, dass Geimpfte weniger oder gar nicht infektiös sind.

Virologe befürchtet starke Ausbreitung von Delta-Variante in Schulen

Dölken befürchtet, dass sich die Delta-Variante nach den Sommerferien vor allem unter Schülerinnen und Schülern rasch verbreitet, da sie größtenteils nicht geimpft seien. „Die Delta-Variante ist deutlich ansteckender als das ursprüngliche Coronavirus und die vorherigen Mutanten. Um bei den Infektionszahlen im Herbst allein auf den Stand des Vorjahres zu kommen, müsste die Hälfte aller Menschen in Deutschland vollständig geimpft sein“, sagt er. Man müsse sich vor Augen halten, dass ein mit der Delta-Variante infizierter Mensch sechs weitere Menschen anstecke. Zum Vergleich: Bei dem ursprünglichen Coronavirus waren es drei weitere Menschen.

Befragung: Mehrheit spricht sich für Maskenpflicht aus

Trotz der aktuell niedrigen Sieben-Tage-Inzidenz ist die Mehrheit der Menschen in Deutschland einer aktuellen Befragung zufolge weiterhin dafür, die Maskenpflicht vorerst beizubehalten. Neuen Ergebnissen der regelmäßigen Onlinequerschnittsbefragung „Cosmo“ unter der Leitung der Universität Erfurt zufolge sprechen sich aktuell 60 Prozent der Befragten für die Maskenpflicht in geschlossenen Innenräumen aus – und zwar bis mindestens Frühjahr 2022. Die Befragung zeigt, dass Menschen eher eine Maskenpflicht befürworten, wenn sie sich wegen der Delta-Mutation des Coronavirus sorgen.

Experten halten nichts von Maskenpflicht nach Ende der Pandemie

Könnte die Maskenpflicht auch länger bestehen? Beispielsweise jährlich zur Erkältungs- und Grippesaison? Immerhin hat sich gezeigt, dass die Corona-Regeln sich nicht nur im Kampf gegen Corona als wirksam erwiesen: Das Robert Koch-Institut (RKI) teilte vor gut fünf Monaten mit, dass Anfang Februar 2021 nur rund 900.000 Fälle von akuten Atemwegserkrankungen pro Woche in Deutschland registriert wurden. Anfang Februar 2020 waren es noch ganze 5,6 Millionen.

Dieser positiver Nebeneffekt der Corona-Maßnahmen hat anscheinend auch viele Menschen hierzulande überzeugt: In einer repräsentativen Befragung des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag der „Augsburger Allgemeinen“ gaben 44,7 Prozent der Befragten an, auch nach der Pandemie eine Maske zum Schutz vor Krankheiten tragen zu wollen.

Eine Verpflichtung zum Tragen einer Maske nach der Pandemie hält Dölken jedoch nicht für sinnvoll: „Nur solange man dieses Szenario hat, dass man ohne Maske Menschen anstecken und schädigen kann, die eine Impfung wollen, aber noch nicht geimpft werden konnten, muss Maskenpflicht bestehen bleiben“, betont der Virologe.

Auch Zeeb kann sich eine Maskenpflicht nach der Pandemie nicht vorstellen – betont aber auch den Nutzen des Mund-Nasen-Schutzes. „Langfristig sollte es zwar keine Maskenpflicht geben, aber es sollte klar kommuniziert werden, welche Vorteile die Maske als präventive Maßnahme zur Verhinderung von Infektionen haben kann“, sagt er.

Aufhebung der Maskenpflicht stößt in anderen Ländern auf Unverständnis

Auch in anderen Ländern wird über eine Aufhebung der Maskenpflicht diskutiert. Der britische Premierminister Boris Johnson sagte am Sonntag, dass trotz steigender Infektionszahlen die Corona-Maßnahmen in England bis zum 19. Juli weitgehend aufgehoben werden sollen. Dabei wurde vor allem das geplante Ende der Maskenpflicht kritisiert: Chaand Nagpaul, der Chef der Ärztegewerkschaft BMA, sagte der „BBC“, dass es angesichts der Fallzahlen nicht nachvollziehbar sei, „Menschen wissentlich einem Infektionsrisiko auszusetzen“.

In den USA wurde die Maskenpflicht für Geimpfte schon im Mai weitestgehend aufgehoben. Bei Fachleuten sorgte dieser Schritt für Erstaunen: In einer Umfrage der „New York Times“ waren im Mai 723 Epidemiologen zum Thema Masken befragt wurden. 80 Prozent der Befragten gaben an, dass in geschlossenen Räumlichkeiten noch mindestens ein Jahr lang Masken getragen werden sollten.

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