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Corona, Masern, Kinderlähmung: Impfskepsis gibt es in Deutschland schon lange

  • Einer aktuellen Umfrage zufolge würde sich in Deutschland hierzulande rund jede zehnte Person nicht gegen das Coronavirus impfen lassen.
  • Die Medizinhistorikerin Karen Nolte von der Universität Heidelberg wundert das nicht.
  • Seit der Erfindung des ersten Impfstoffs gegen Ende des 18. Jahrhunderts gebe es Gegner und Skeptiker, deren Argumente auch heute noch eine Rolle spielen.
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Einer vor einer Woche erschienenen Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Kantar zufolge würde sich jeder Zehnte hierzulande nicht gegen eine Sars-CoV-2 impfen lassen. Im europäischen Vergleich steht Deutschland laut Umfrage inzwischen auf vorletzter Stelle bei der Impfbereitschaft - nur in Frankreich fällt der Anteil der Skeptiker noch größer aus. Auch die EU-Kommission ist deswegen in Sorge.

“Dieses Ergebnis überrascht mich", sagt die Medizinhistorikerin Karen Nolte. “Ich habe mit mehr Impfskeptikern gerechnet.” Das Impfthema sei hierzulande sehr sensibel, und das nicht erst seit der Corona-Pandemie, erklärt die Professorin vom Institut für Medizin und Ethik an der Universität Heidelberg. Das habe sich beispielsweise bei der Debatte um die Impfpflicht bei Masern gezeigt.

1952: Kinderlähmung-Infektionswelle in Deutschland

Dabei sind dramatische Ausbruchsgeschehen hierzulande noch gar nicht so lange her. 1952 gab es beispielsweise eine große Poliomyelitis-Infektionswelle mit 10.000 infizierten Kindern, 8000 davon sind an Kinderlähmung gestorben. „In einer solchen Situation ist so eine Infektionskrankheit in der kollektiven Wahrnehmung sehr präsent“, erläutert Nolte. 1962 gab es schließlich ein staatliches Impfprogramm. „Diese Schluckimpfung war zur Eindämmung des Ausbruchs sehr erfolgreich.“ Das zeigten auch die Zahlen. Vor dem Programm gab es 4673 Infektionen – 1966, fünf Jahre später, nur noch 17 Fälle. Nennenswerte Proteste gab es damals nicht.

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Später sei dieser Erfolg aber wieder mehr in Vergessenheit geraten. Das Problem: „Wenn es keine neuen Erkrankungen gibt, denken die Menschen, das sei keine Gefahr mehr“, erklärt die Medizinhistorikerin. Die zunehmende Impfskepsis habe laut Nolte hierzulande auch damit zu tun, dass Masern, Diphtherie und Kinderlähmung nicht mehr als konkrete Bedrohung gelten. “Diese Krankheiten kommen in der individuellen Wahrnehmung nicht mehr vor”, erklärt die Historikerin. „Viele Menschen haben selbst nicht die Erfahrung gemacht, wie es ist, damit konfrontiert zu sein.“

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Nolte hat sich im Archiv medizinische Fallbeschreibungen und Filmausschnitte von damals angeschaut. „Die Bilder sind wirklich furchtbar, viele Kinder sind auf grausame Weise erstickt.“ Mit Blick in die Geschichte wundere sie sich schon, dass Eltern heutzutage das Risiko eingehen wollen, dass ihre Kinder durch solch schreckliche Infektionen erkranken könnten.

Mit der Pocken-Impfung begann auch die Impfskepsis

Impfskepsis und Impfgegnerschaft entstanden laut Nolte zeitgleich mit der Erfindung der Impfung. Im ausgehenden 18. Jahrhundert gab es erstmals eine Impfung gegen Pocken. Der schottische Landarzt Edward Jenner entwickelte auf wissenschaftlichem Niveau eine Impfmethode, die schon lange zuvor von Milchmägden im Alltag angewandt wurde. Sie hatten beobachtet, dass wenn sie sich mit Kuhpocken infizierten, von Infektionswellen unter Menschen verschont blieben.

In Teilen Deutschlands gab es dann im frühen 19. Jahrhundert zum ersten Mal eine staatlich verordnete Impfpflicht gegen Pocken, etwa in Bayern. Auch da gab es Impfgegner. „Damals gab es aber auch nachvollziehbare Gründe, von einer Impfung abzusehen“, erläutert Nolte. Im 19. Jahrhundert habe es nicht genug Sekret der Kuhpocken gegeben, weshalb man die Technik des Überimpfens anwandte, indem von einer Impfpustel das Sekret auf das nächste Kind übertragen wurde. Das heißt, mehrere Kinder wurden mit einer Impfdosis versorgt.

Die Folge: Ein Kind war zwar gegen Pocken geschützt, wurde aber in vielen Fällen zeitgleich mit anderen gefährlichen Krankheiten wie Syphilis über andere Kinder infiziert. Auch das Konzept der Nachimpfung fehlte damals noch – einige Kinder erkrankten dann im Verlauf trotz Impfung.

Naturheilbewegung begründet Skepsis gegenüber Wissenschaft und Medizin

Einen Höhepunkt erreichte die Impfgegnerschaft Ende des 19. Jahrhunderts – mit einer generellen Skepsis gegenüber der akademischen Medizin. „Das war eng verknüpft mit der aufkommenden Naturheilbewegung“, sagt Nolte. Deren Anhänger gingen davon aus, dass eine Impfung die natürlichen Prozesse im Körper durcheinanderbringen und krank machen kann.

Viele Impfgegner hätten schon damals bei Debatten um eine Impfpflicht auch ihr Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper in Gefahr gesehen. Die Erfahrungen aus der Geschichte zeigten, dass durch umfassende Aufklärungskampagnen oft höhere Impfquoten erreicht werden als mit einer Impfpflicht.

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“Bei Covid-19 gehe ich aber davon aus, dass es eine insgesamt hohe Impfbereitschaft geben wird”, prognostiziert Nolte. “Es gibt bei dieser Infektionskrankheit weltweit eine konkrete Bedrohung”. Schließlich verspreche die Impfung eine Rückkehr zur Normalität und eine Aufhebung aller Beschränkungen. Man könne aber davon ausgehen, dass sich auch während dieser Pandemie die eingefleischten Impfgegner nicht gegen Covid-19 impfen lassen werden.

Neben der Bereitschaft in der Bevölkerung stelle sich aber auch immer noch die Frage, wie es zu organisieren ist, dass alle Menschen geimpft werden. Gibt es genug Impfstoff für alle? “Es wäre schon eine ordentliche logistische Leistung, einen Impfstoff für 80 Millionen Menschen allein in Deutschland zur Verfügung zu stellen”, sagt die Medizinhistorikerin und erinnert an das Vorgehen bei der Hongkong-Grippe von 1968. Damals seien erst Ärzte, Pfleger, Erzieher und bestimmte Risikopatienten an der Reihe gewesen.



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