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Corona-Lockdown geht weiter – Wissenschaftler erleichtert: „Die Verlängerung wird helfen“

  • Bund und Länder haben sich am Mittwoch darauf geeinigt, den Lockdown in Deutschland bis zum 7. März zu verlängern.
  • Allerdings sind auch erste Lockerungen in Sicht – zum Beispiel Schulöffnungen.
  • Experten mahnen aber angesichts der sich ausbreitenden Corona-Varianten, die Fallzahlen weiterhin zu kontrollieren und so niedrig wie möglich zu halten.
Laura Beigel
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Der Lockdown in Deutschland wird entschärft: Zwar haben sich Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder am Mittwoch darauf verständigt, die aktuellen Einschränkungen grundsätzlich bis zum 7. März zu verlängern, allerdings sollen Schulen und Friseursalons bald wieder öffnen.

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Merkel plädierte aber für „vorsichtige Lockerungen“, um genau nachvollziehen zu können, wie sich welche gelockerte Maßnahme auf das Infektionsgeschehen auswirkt. Diese Wachsamkeit ist nicht zuletzt den sich ausbreitenden Coronavirus-Varianten geschuldet. Vor allem die britische Variante B.1.1.7 bereitet der Politik große Sorge, weil sie womöglich bald der dominierende Virustyp in Deutschland werden könnte. „Wir werden mit einem neuen Virus leben“, sagte Merkel bei einer anschließenden Pressekonferenz. „Und dieses neue Virus und sein Verhalten können wir noch nicht einschätzen.“

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Modellrechnungen sehen dritte Corona-Welle voraus

Modellrechnungen deuten darauf hin, dass die Virusvariante für einen exponentiellen Anstieg der Fallzahlen sorgen könnte. Experten warnen sogar vor einer dritten Corona-Welle. Kann eine dreiwöchige Verlängerung des Lockdowns da ausreichen, um das Infektionsgeschehen wieder unter Kontrolle zu bringen?

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Der Epidemiologe Prof. Timo Ulrichs von der Berliner Akkon-Hochschule für Humanwissenschaften ist optimistisch: „Die Verlängerung wird sehr helfen, den Trend zu weniger Virusübertragungen zu stabilisieren“, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Je weniger Viren zirkulieren, desto stabiler ist die Gesamtsituation und desto verlässlicher können Lockerungen begonnen werden, ohne Angst haben zu müssen, gleich wieder exponentielle Anstiege zu riskieren.“

50er-Inzidenz in etwa zwei Wochen möglich

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Das Robert-Koch-Institut (RKI) gibt die Sieben-Tage Inzidenz aktuell mit 64,2 Fällen pro 100.000 Einwohner an. Die 50er-Inzidenz sei also „in Sichtweite“, sagte Merkel.

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Bund und Länder verlängern Lockdown bis 7. März
3:00 min
Die Wiedereröffnung von Schulen und Kitas bleibt nach Angaben von Bundeskanzlerin Angela Merkel Sache der Länder.  © Reuters

Mathematiker Jan Fuhrmann vom Forschungszentrum Jülich errechnet mit seinem Team Szenarien zur weiteren Entwicklung des Coronavirus-Infektionsgeschehens in Deutschland. Seinen Berechnungen nach könnte eine Sieben-Tage-Inzidenz von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in etwa zwei Wochen erreicht werden, wenn die bisher geltenden Maßnahmen fortgesetzt werden und sich keine relevanten Faktoren ändern. Allein die Ausbreitung neuer Virusvarianten in Deutschland könne diese Schätzungen aber „völlig über den Haufen werfen“, erklärte er dem RND.

Sieben-Tage-R-Wert verharrt unter 1

Ein wichtiger Parameter seien zudem die effektiven Kontaktraten. Diese haben sich seit Ende Dezember kaum verändert, so Fuhrmann. „Das passt auch zu der Beobachtung, dass sich der aus den Fallzahlen ablesbare R-Wert nur wenig verändert hat und um 0,9 verharrt.“ Das RKI schreibt in seinem am Mittwoch erschienen Situationsbericht, dass der Sieben-Tage-R-Wert seit der zweiten Januarwoche konstant unter eins liege.

Ob die seit zwei Wochen sichtbare, minimale Verringerung des R-Werts „auf weniger Kontakte oder die bei fallender Inzidenz wieder wirksamere Kontaktnachverfolgung zurückzuführen ist, lässt sich nicht sagen“, machte Fuhrmann deutlich.

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Lockerungen bei Sieben-Tage-Inzidenz von 35 Fällen pro 100.000 Einwohner

Der Sieben-Tage-R-Wert rückt als wichtiger Parameter wieder mehr in den Fokus – auch in Hinblick auf mögliche Lockerungen. „Wenn der R-Wert sehr niedrig ist, dann denke ich mal, kann man auch besser davon ausgehen, dass eine Lockerung nicht gleich einen so negativen Effekt hätte“, sagte die Virologin Sandra Ciesek vom Universitätsklinikum Frankfurt im NDR-Podcast „Coronavirus-Update“.

Bundeskanzlerin Merkel und Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) hatten nach RND-Informationen vorgeschlagen, einen bundesweiten Sieben-Tage-R-Wert von 0,7 als Maßstab für Lockdown-Lockerungen zu nehmen. Dann würden rechnerisch 100 Infizierte 70 weitere Menschen anstecken. Diese Idee hatte sich beim Bund-Länder-Treffen schlussendlich nicht durchgesetzt. Stattdessen sollen nächste Lockerungen wie Öffnungen im Einzelhandel bei einer Sieben-Tage-Inzidenz von 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner einsetzen.

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Divi-Präsident: Lockdown-Verlängerung „gut und richtig“

Diese Inzidenz als Maßstab für Lockerungen zu nehmen, erscheint Prof. Friedemann Weber, Direktor des Instituts für Virologie der Justus-Liebig-Universität Gießen, angemessen. „Der Sieben-Tage-R-Wert sollte allerdings gleichzeitig stabil und deutlich unter 1 sein, damit sich der Trend nach unten selbst bei gelegentlichen Ausbrüchen nicht sofort wieder umkehrt“, sagte er dem RND.

Wir gehen von einer dritten Welle aus. Die Frage ist nur, wie diese ausfällt.

Prof. Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi)

Auch der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Prof. Gernot Marx, begrüßt den neuen Inzidenzwert von 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Mit einem Sieben-Tage-R-Wert von 0,7 sollte die Kontaktnachverfolgung dann bald wieder möglichen sein.

Aber: „Wir gehen von einer dritten Welle aus“, sagte Marx dem RND. „Die Frage ist nur, wie diese ausfällt.“ Sollte sie starten, wenn die Fallzahlen immer noch auf einem hohen Niveau sind, werde die Lage „sehr schnell ernst“. „Schaffen wir es den Beginn der 3. Welle, ausgelöst durch die Mutation, soweit hinauszuzögern, dass die Infektionszahlen schon sehr, sehr niedrig sind, könnte diese dritte Welle sich schnell und flach ausrollen. Das ist das Ziel!“, machte der Intensivmediziner deutlich.

Am Mittwoch wurden 3736 Corona-Patienten in 1281 Krankenhäusern in Deutschland intensivmedizinisch behandelt. Obwohl die Zahl der Intensivpatienten seit Anfang Januar zurückgeht, ist sie weiterhin deutlich höher als noch im Frühjahr. Eine Verlängerung des Lockdowns sei deshalb „auf jeden Fall gut und richtig“, so Marx.

Länder entscheiden selbst über Schulöffnungen

Bundeskanzlerin Merkel hätte sich gewünscht, dass auch die Schulen und Kitas vorerst weiter geschlossen bleiben. Sie wollte mit Öffnungen bis zum 1. März warten. Am Ende wurde sie von den Ministerpräsidenten überstimmt. „Ich habe bestimmte eigene Vorstellungen gehabt“, sagte Merkel. Aber Schule sei schließlich Ländersache. „Es gibt ganz eindeutige Länderzuständigkeiten. Da ist es nicht möglich, dass ich mich als Bundeskanzlerin durchsetzen kann, als hätte ich ein Vetorecht.“

Stattdessen entscheiden nun die Bundesländer selbst, wann sie Schulen und Kitas wieder öffnen. Es sei „falsch, gefährlich und auch schlecht für die Akzeptanz politischen Handelns, dass sich die Länder nicht auf eine einheitliche, an das regionale Inzidenzgeschehen gekoppelte Öffnungsstrategie an Schulen verständigen konnten“, kritisiert der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger. So riskiere man, dass die Infektionszahlen bald wieder steigen werden.

Deutscher Lehrerverband warnt vor politischem Flickenteppich

Um Schulen wieder sicher öffnen zu können, „müssen die Infektionszahlen auf deutlich unter 50 in der jeweiligen Region gedrückt werden“, sagte Meidinger dem RND. „Wir befürchten, dass anderenfalls die Gefahr einer dritten Welle und damit erneuter Schulschließungen im April oder Mai massiv wächst. Bei nochmaligen längeren Schulschließungen müsste man aber für viele Schülerinnen und Schüler dieses Schuljahr komplett abschreiben, was eine Katastrophe wäre.“

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Das sind die neuen Corona-Regeln
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Bund und Länder haben sich darauf verständigt, den Lockdown in Deutschland bis zum 7. März zu verlängern.  © Reuters

Der politische Flickenteppich, der durch das jeweils unterschiedliche Vorgehen der Bundesländer entstehen wird, erschüttere zugleich das Vertrauen in die Sinnhaftigkeit und Begründbarkeit politischer Maßnahmen.

Bund und Länder forderten den Bundesgesundheitsminister, Jens Spahn, zudem auf, zu prüfen, ob bei der nächsten Fortschreibung der Coronavirus-Impfverordnung Beschäftigte in der Kindertagesbetreuung sowie Lehrkräfte an Grundschulen frühzeitiger als bisher vorgesehen geimpft werden könnten. „Eine frühere Impfung von Lehrkräften wäre ein wichtiger Baustein, Schulen zu sicheren Orten zu machen“, sagte Meidinger.

Epidemiologe: Lockerungen sind vertretbar

Dass Lehrer und Kitabeschäftigte früher geimpft werden sollen, sei „ein sehr gutes Signal“, sagt Prof. Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie in Bremen. „Die Hoffnung geht weniger auf die Beschlüsse als auf die Motivation der Bevölkerung, jetzt nicht nach Umgehungsmöglichkeiten und ‚persönlichen‘ Lockerungen zu schauen, sondern weiter mitzuhelfen, die Pandemie unter Kontrolle zu bringen.“

Die von Bund und Ländern vereinbarten Lockerungen seien vernünftig. „Eine Feindifferenzierung orientiert an sozialen und anderen relevanten Bedürfnissen und Umständen und der Möglichkeit, bei einer Lockerung sehr sicher vorzugehen, wie das beim Friseurhandwerk möglich erscheint, halte ich für vertretbar“, sagte Zeeb dem RND.

Auch der Virologe Prof. Friedemann Weber befürwortet die Lockerungen grundsätzlich: „Ich finde es gut und wichtig, dass man einen einigermaßen klaren, an epidemiologische Werte gekoppelten Lockerungsplan verfasst hat. Dadurch wird der Bevölkerung eine Perspektive geboten.“

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