Corona-Lockdown? Deutschland wählt zwischen drei Pandemieszenarien

  • Deutschlands führende Forschungsinstitute fordern von Bund und Ländern, lieber jetzt einheitliche und harte Maßnahmen durchzusetzen.
  • Abwarten sei keine Alternative, sagt auch Pandemiemodelliererin Viola Priesemann mit Blick auf die Handlungsoptionen der Politik.
  • Je schneller gehandelt werde, desto eher sei das Wachstum zu stoppen.
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Die führenden Forschungsinstitute in Deutschland schlagen Alarm. Der dramatische Anstieg der bestätigten Coronavirus-Fälle lasse die Pandemie unkontrollierbar werden, heißt es in einer gemeinsamen Stellungnahme der Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Fraunhofer-Gesellschaft, der Helmholtz-Gemeinschaft, der Leibniz-Gemeinschaft, der Max-Planck-Gesellschaft und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Die Institutsleiter fordern die Politik jetzt zum Handeln auf.

Drastisches und systematisches Reduzieren sozialer Kontakte sei in einer Situation mit vielerorts überlasteten Gesundheitsämtern und drohender Versorgungsengpässe in den Krankenhäusern geboten – schnell, deutlich und nachhaltig. Der Konsens der Forscher lautet: Je früher sie beginnen, desto kürzer können die Maßnahmen andauern und desto weniger psychische, soziale und wirtschaftliche Kollateralschäden werden verursacht.

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Rekord bei Neuinfektionen: RKI meldet fast 15 000 neue Fälle
0:52 min
Die Gesundheitsämter haben nach Angaben des Robert Koch-Instituts von Mittwochmorgen 14 964 Corona-Neuinfektionen binnen eines Tages gemeldet.  © dpa
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Trend: wöchentliche Verdopplung der Corona Fallzahlen

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Vor einer ernsten Pandemiesituation in Deutschland warnen Simulationsexperten schon seit Wochen. „Seit Mitte September sehen wir ein vermehrtes Überspringen zu den Älteren. Bereits zu diesem Zeitpunkt sind erste Landkreise nicht mehr mit der Kontaktnachverfolgung hinterhergekommen“, sagt Viola Priesemann, Physikerin und Pandemiemodelliererin am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation, die mit weiteren Wissenschaftlern aus renommierten Forschungsinstituten die Bundesregierung berät. „Inzwischen hat sich die Lage wenig überraschend in der Fläche verschärft. Wir prognostizieren eine Verdopplung der Fallzahlen alle sieben bis zehn Tage.“ Es bleibe keine Alternative, als diesen Trend früher oder später zu brechen. Aber wie?

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Ein Indikator für die Wirksamkeit aller Einzelanstrengungen in Kombination ist die effektive Reproduktionszahl. Eine Faustregel der Pandemiekontrolle besagt: Dieser Schätzwert muss wieder deutlich unter die kritische Grenze von eins gedrückt werden, um eine stabile Situation zu halten. Seit Mitte September bewegt sich dieser aber konstant immer weiter über eins. Eine Person steckt dann im Schnitt deutlich mehr als eine weitere an.

Szenario 1: Einzelne Maßnahmen beibehalten

Mit einzelnen Maßnahmen wie Abstandsregeln, Alltagsmasken, Veranstaltungsgröße begrenzen, Lüften, Testen von Reiserückkehrern, Kontaktnachverfolgung einzelner Infektionsketten ist Deutschland gut durch den Sommer gekommen. Kann das so bleiben? Nein, sagt Priesemann.

Einzelne Maßnahmen helfen zwar ein bisschen, wenn der R-Wert spontan von leicht über eins leicht darunter gedrückt werden soll. „Aber jetzt haben wir bereits eine Situation, in der es eine massive Änderung braucht“, ist Priesemann überzeugt. „Wenn ein Brand klein ist, kann ich einen Eimer Wasser nutzen, um ihn auszulöschen. Ist der Brand aber groß, mache ich fünf Eimer Wasser drauf. Das ist sehr frustrierend, weil es nicht mehr hilft.“

Auch die vor zehn Tagen ergriffenen Maßnahmen von Land und Bund seien nicht ausreichend, sagt Priesemann. Sperrstunde, Schulschließungen, Kontaktbeschränkungen, Restaurantschließung, Infektionsschutzmaßnahmen – jeder Baustein für sich habe zwar einen kleinen Effekt, der aber nicht mehr genüge, um erneut eine länger anhaltende Kontrolle über die Virusausbreitung zu erlangen. Die Prognosen gehen bei diesem Szenario von mehr Angst, schwerer Erkrankten, mehr Toten sowie auf lange Sicht überlasteten Gesundheitsämtern und Kliniken aus.

Szenario 2: Lokaler Lockdown in den Landkreisen

Erste Landkreise wie im Berchtesgadener Land haben deshalb bereits die Notbremse gezogen. Die Idee: Nur ein bis zwei Wochen harte und lokal begrenzte Maßnahmen bei über 50 Infektionen auf 100.000 Einwohnern, um überforderten Gesundheitsämtern etwas Luft zu verschaffen. Sprich: etwa Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen, Gastronomie und Freizeiteinrichtungen schließen, Veranstaltungen absagen und zuallerletzt Schulen schließen. Dieses Vorgehen auf lokaler Ebene begrüßt das Robert-Koch-Institut.

„Kommen die Gesundheitsämter plötzlich nicht mehr hinterher, bedeutet das, dass es mehr und mehr Träger gibt, die gar nicht wissen, dass sie das Virus verbreiten. Und diese Menschen sind dann die Treiber der Ausbreitung“, erklärt Forscherin Priesemann die Relevanz der Nachverfolgung.

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Die Modelle der Wissenschaftler gehen davon aus, dass der R-Wert durch Kontaktnachverfolgung und Testen in der Regel um rund 50 Prozent gedrückt wird. Funktioniert das nicht mehr, steigt plötzlich auch der R-Wert um den Faktor 1,4 bis zwei. Um das zu kompensieren, müsse dann in Regionen mit hoher Inzidenz jeder die eigenen Kontakte mindestens halbieren. Dass das systematische Reduzieren von Kontakten ein Hauptinstrument ist, um die Kontrolle über die Pandemie zurückzugewinnen, betont auch eine am Dienstag veröffentlichte Leopoldina-Stellungnahme. „Die Anzahl der Kontakte zwischen Personen ohne adäquate Vorsichtsmaßnahmen muss konsequent reduziert werden“, heißt es darin.

Die große Frage in diesem Szenario: Wie viele Menschen halten sich an beschlossene Kontaktbeschränkungen? „Das ist nicht vorhersagbar und eine große Unsicherheit bei den Prognosen“, erläutert Priesemann. „Wenn jeder nur ein bisschen mitmacht, verlangsamt das den Verlauf zwar ein bisschen, aber das Wachstum der Fallzahlen wird nicht gestoppt.“

Szenario 3: Lockdown – light oder hart?

Jetzt ein vergleichsweise kurzer, aber harter flächendeckender Lockdown ähnlich wie im Frühjahr sei Modellierern zufolge deshalb auf lange Sicht besser für die Menschen, die Gesellschaft, das Gesundheitssystem, die Wirtschaft. Jeder Einzelne in Deutschland gewinne dadurch mehr Freiheiten – und die Situation bleibe länger stabil, weil die Gesundheitsämter wieder mehr Arbeit zur Eindämmung leisten können.

Befinden sich die Fallzahlen nur leicht oberhalb der Grenze von 50 auf 100.000 Einwohner, reichen den Berechnungen zufolge zwei bis drei Wochen, um in den stabilen Bereich zu kommen. „Wir wissen aus dem Frühjahr und dem zweiten Lockdown in Israel und Australien, dass sich die Fallzahlen bei strikten Beschränkungen pro Woche in etwa halbieren“, erklärt Priesemann. Deshalb sei frühes Handeln effektiver: Je länger die Politik mit Entscheidungen wartet, desto länger müssen die Maßnahmen unter Umständen andauern.

Ob ein „Lockdown light“ mit Restaurantschließungen, Veranstaltungsverboten und Schulschließungen in Regionen mit besonders hohen Inzidenzen eine erfolgreiche Option sei, könne sich erst in der Realität zeigen. „Das hängt dann vor allem davon ab, ob die Menschen die vereinbarten Regeln umsetzen“, gibt Priesemann zu Bedenken.

RND



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