Virologe: „Lockdown an Weihnachten nicht ausgeschlossen“

Droht bald wieder eine Lockdownstimmung in Deutschland? Der rasante Anstieg der Fallzahlen lässt so etwas vermuten.

Die Corona-Fallzahlen haben am Donnerstag einen neuen Rekordwert erreicht: Knapp 34.000 Menschen haben sich innerhalb eines Tages mit dem Coronavirus infiziert, wie das Robert Koch-Institut (RKI) bekanntgab. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt inzwischen bei 154,5 – und ist damit ebenfalls erneut gestiegen. Der Chef des RKI, Lothar Wieler, sprach am Mittwoch auf der gemeinsamen Bundespressekonferenz mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und dem Impfstoffforscher Leif-Erik Sander von „erschreckenden Zahlen“.

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Auch Stephan Ludwig beobachtet den Anstieg der Fallzahlen mit Sorge. Im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) erklärt der Virologe von der Universität Münster, wieso sich gerade wieder vermehrt Menschen mit dem Coronavirus infizieren, und warnt vor einer Überlastung der Intensivstationen.

Herr Prof. Ludwig, die Fallzahlen sind in den vergangenen Wochen rasch gestiegen, ebenso wie die Sieben-Tage-Inzidenz. Überrascht Sie dieser Verlauf?

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Nein, denn mehrere Expertinnen und Experten auf dem Gebiet der Virologie haben eine solche Entwicklung vor Wochen schon vorausgesagt. Sie haben gewarnt: Wenn wir mit der Durchimpfung nicht vorankommen, dann steht uns erneut ein harter Winter bevor. Außerdem wissen wir, dass das Coronavirus einer Saisonalität unterliegt. Das heißt, im Frühjahr und Sommer treten weniger Infektionen auf als in Herbst und Winter, ähnlich wie bei anderen Atemwegserkrankungen. Hinzu kommt, dass wir uns jetzt wieder vermehrt in geschlossenen Räumen aufhalten. Deshalb war ein Anstieg der Fallzahlen erwartbar. Es gibt jedoch noch ein großes Fragezeichen.

Corona-Medikament: Großbritannien genehmigt als erstes Land Molnupiravir

Molnupiravir soll bei infizierten Patienten das Risiko einer Krankenhauseinlieferung oder eines tödlichen Krankheitsverlauf halbieren.

Nämlich?

Es ist zwar so, dass auch Geimpfte sich noch mit dem Virus infizieren und dieses weitergeben können. Allerdings haben sie in den meisten Fällen keinen schweren Krankheitsverlauf. Stattdessen machen den größten Anteil an den intensivpflichtigen und hospitalisierten Corona-Patientinnen und -Patienten derzeit Ungeimpfte aus. Die entscheidende Frage ist jetzt: Reicht unsere Durchimpfungsrate aus, um die Zahl der Intensivpatientinnen und Intensivpatientinnen möglichst gering zu halten? Oder laufen wir wieder in eine Überlastung? Im Moment sieht es so aus, als ob wieder eine Überlastung droht.

Stephan Ludwig forscht unter anderem zu zellulären Vorgängen, die den Coronaviren dabei helfen, sich in menschlichen Zellen zu vermehren.

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Das heißt, den Intensivpflegekräften steht ein harter Winter bevor.

Es ist zu befürchten. Und die Mitarbeitenden auf den Intensivstationen sind ohnehin schon in den vorherigen Wellen stark belastet gewesen – sowohl in körperlicher als auch in psychischer Hinsicht. Bei Corona-Patientinnen und -Patienten, die auf den Intensivstationen versorgt werden müssen, handelt es sich um Menschen mit einem kritischen Gesundheitszustand. Ihre Behandlung ist für die Intensivpflegerinnen und Intensivpfleger also sehr aufwendig. Man muss auch dazu sagen: Die Intensivstationen waren nie komplett leer. Wenn keine Covid-19-Erkrankten dort behandelt werden mussten, waren es Menschen mit anderen schweren Erkrankungen. Damit Letztere auch weiterhin intensivmedizinisch versorgt werden können, ist es wichtig, die Zahl der Corona-Intensivpatientinnen und -Intensivpatienten so gering wie möglich zu halten. Über 5000 gleichzeitig belegte Covid-Intensivbetten, wie sie im vergangenen Winter verzeichnet wurden, können wir uns nicht schon wieder leisten.

Die Politik hat zwar gesagt, es wird keinen erneuten Lockdown geben, aber wenn die Krankenwagen vor den Kliniken Schlange stehen, dann müssen Maßnahmen ergriffen werden.

Sind die aktuellen Entwicklungen also Grund zur Sorge?

Es gibt meiner Ansicht nach durchaus wieder Grund zur Sorge. Denn eine Zeit lang war es so, dass die Sieben-Tage-Inzidenz entkoppelt gewesen ist von der Zahl der Intensivfälle. Das heißt: Die Intensivfälle sind weniger stark angestiegen als die Inzidenz. Mittlerweile wirken sich die Inzidenzen wieder ähnlich wie im vergangenen Winter proportional auf die Intensivbelegung aus. Das ist ein Problem. Denn das Trügerische daran ist, dass die Inzidenzen immer einen Vorlauf haben. Die Menschen, die sich heute mit dem Coronavirus infizieren, kommen erst drei bis vier Wochen später ins Krankenhaus. Hinzu kommt, dass wieder mehr Menschen im Zusammenhang mit Sars-CoV-2 versterben. Heute sind es knapp 170 neue Todesfälle gewesen, die das RKI gemeldet hat. Und mein Eindruck ist, dass diese Zahlen – die wirklich erschreckend sind – die Leute gar nicht mehr interessieren.

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SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnte jüngst davor, dass wir mit unserem jetzigen Vorgehen sogar Weihnachten gefährden können.

Es ist nicht auszuschließen, dass wir an Weihnachten wieder einen Lockdown haben könnten, wenn wir so weitermachen wie bisher. Man muss jetzt schauen, wie sich die Lage weiter entwickelt.

Gesundheitsminister Spahn: „Die Pandemie ist alles andere als vorbei“

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) ist dem Eindruck entgegengetreten, dass die Corona-Pandemie vorbei sei.

Einen Lockdown!? Glauben Sie tatsächlich, so weit könnte es kommen?

Im Moment haben wir noch ein bisschen Luft nach oben bei der Auslastung der Intensivstationen. Und es kann auch sein, dass sich die Fallzahlen in den nächsten Wochen wieder anders gestalten. Ich sage nicht, dass ein Lockdown unvermeidbar ist, aber es ist im Bereich des Möglichen. Die Politik hat zwar gesagt, es wird keinen erneuten Lockdown geben, aber wenn die Krankenwagen vor den Kliniken Schlange stehen, dann müssen Maßnahmen ergriffen werden. Die große Frage wird dann sein, ob es dafür dann nicht wieder zu spät ist.

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Was hilft denn aktuell, um ein solches Worst-Case-Szenario zu vermeiden? Israel hat beispielsweise auf eine breite Booster-Impfkampagne gesetzt. Wäre das ein Weg?

Israel ist ein Live-Beispiel, das gezeigt hat, dass das Boostern durchaus ein Mittel gegen die Ausbreitung des Virus sein kann. Dort wurden alle Menschen, für die es einen zugelassenen Impfstoff gibt, ein drittes Mal geimpft. So konnte Israel das Infektionsgeschehen wieder unter Kontrolle bringen. In Deutschland ist man bei der Auffrischungsimpfung für alle zurückhaltender. Die Ständige Impfkommission hat sich bislang dafür ausgesprochen, nur über 70-Jährigen, Immungeschwächten, Bewohnerinnen und Bewohnern von Pflege- und Altenheimen sowie medizinischem Personal eine dritte Impfdosis zu verabreichen. Die Daten aus Israel verdeutlichen aber, dass auch alle anderen von einer Auffrischungsimpfung profitieren würden.

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Ist das Boostern der einzige Weg, die vierte Welle zu brechen?

Helfen können uns auch noch die AHA+L-Regeln (Abstand, Hygiene, Alltagsmaske und Lüften, Anm. d. Red.). Allerdings nehme ich wahr, dass diese nicht mehr von allen Bürgerinnen und Bürgern so beherzigt werden, wie es notwendig wäre. Das dürfte eine weitere Erklärung für das aktuelle Infektionsgeschehen sein. Auch die 3G-Regeln können weiterhin hilfreich sein. Wenn wir weiter konsequent Masken tragen, Abstand halten und die 3G-Regeln beachten, kann das ebenfalls die vierte Infektionswelle ausbremsen, wohl aber nicht brechen.

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Oder braucht es womöglich doch Einschränkungen für Ungeimpfte, wie sie Bundeskanzlerin Angela Merkel anklingen lassen hat?

Ich bin da ein bisschen zwiegespalten. Es ärgert mich, dass sich doch viele Menschen nicht impfen lassen wollen, aber ich bin gegen eine Impfpflicht. Auch eine 2G-Regelung ist eigentlich eine Impfpflicht durch die Hintertür, die auf Ungeimpfte Druck aufbaut. Ich glaube, anstatt die Menschen durch solche Mittel zu einer Impfung zu drängen, müssen wir vielmehr weiter versuchen, Aufklärungsarbeit zu leisten. Komplette Einschränkungen für Ungeimpfte oder eine Impfpflicht halte ich jedenfalls für kontraproduktiv.

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