Lockdown-Lockerungen: Was bedeutet ein R-Wert von 0,7 als Maßstab?

  • Bundeskanzlerin Angela Merkel will den Maßstab für Lockerungen der Corona-Maßnahmen Parteiberichten zufolge an den R-Wert koppeln.
  • Auch Wissenschaftler raten dazu, den R-Wert gerade jetzt verstärkter in den Blick zu nehmen – und die 0,7 als Zielmarke anzuvisieren.
  • Denn der R-Wert zeigt an, wenn sich die ansteckenderen Corona-Varianten weiter ausbreiten.
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Bislang gilt die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz mit einem Wert unter 50 gerechnet auf 100.000 Einwohner als politisch festgelegter Maßstab für Lockerungen. Ist dieses Ziel erreicht, kann über Öffnungen gesprochen werden. Das haben Bundeskanzlerin Merkel und die Landesminister gemeinsam so festgelegt. Stand Mittwoch (10. Februar) ist das noch nicht erreicht, derzeit liegt der Wert bei 68. Und angesichts der Ausbreitung der Mutationen wollen Merkel und Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) nach RND-Informationen nun den Maßstab für mögliche Öffnungsschritte im Lockdown noch um einen weiteren Wert ergänzen.

Die Rede ist vom R-Wert. Genauer: vom bundesweiten Sieben-Tage-R-Wert. Dieser dürfe dem Willen der Kanzlerin nach, so heißt es aus Parteikreisen, bei Lockerungen höchstens bei einem Wert von 0,7 liegen. Das bedeutet, dass 100 Infizierte rechnerisch 70 weitere anstecken.

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Lag der R-Wert schon einmal unter 0,7?

Blickt man auf die Entwicklung dieses statistisch errechneten Schätzwerts durch das Robert-Koch-Institut (RKI) in den letzten Monaten, fällt auf, dass die effektive Reproduktionszahl sich nur selten in Richtung der anvisierten Zielgröße von 0,7 bewegt hat – selbst im Sommer nicht. Deutschland hat den Wert seit Beginn der Berechnungen noch nicht unterschritten.

Einen Tiefstwert gab es – unter Einbeziehung des Schätzintervalls, das kurzfristige Schwankungen ausgleicht – am 24. und 25. Juni mit 0,73. Anfang Februar 2021 fehlt noch ein ganzes Stück, sollte man den R-Wert mittels Lockdown-Maßnahmen so weit drücken wollen: Stand Dienstag (9. Februar) liegt er bei 0,82 und bezieht damit die Anstrengungen durch Maßnahmen bis zum 4. Februar mit ein.

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Was zeigt der R-Wert an?

Neu ist der Fokus auf den R-Wert aber nicht. Der vom Robert-Koch-Institut errechnete Schätzwert gilt seit Pandemiebeginn neben der Inzidenz, den absoluten Fallzahlen und der Lage in den Kliniken und Intensivstationen als einer der wesentlichen Kennziffern zur Beurteilung des Infektionsgeschehens. Der Sieben-Tage-R-Wert ist Ausdruck des Gleichgewichts zwischen dem infektionsvermeidenden Verhalten der Bevölkerung und der natürlichen Infektiosität des Virus selbst.

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Er gibt an, wie effektiv die ergriffenen Maßnahmen wie Kontaktbeschränkungen, Maske tragen, geschlossene Schulen, Abstand halten in der Summe wirken. Würde man keine Maßnahmen ergreifen, läge der R-Wert, dann von Fachleuten als Basisreproduktionszahl bezeichnet, zwischen 2,8 und 3,8. Eine Person würde dann rund drei weitere anstecken.

Der R-Wert berechnet sich nicht tagesaktuell, sondern blickt auf den Status von vor anderthalb bis zwei Wochen. Die Faustregel: Befindet sich der Wert langfristig oberhalb der kritischen Marke von eins, steigen auch die Fallzahlen wieder exponentiell, weil ein Infizierter im Schnitt mehr als eine Person ansteckt.

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8072 Corona-Neuinfektionen und 813 neue Todesfälle gemeldet
0:54 min
Die deutschen Gesundheitsämter haben dem Robert-Koch-Institut 8072 Corona-Neuinfektionen binnen eines Tages gemeldet.  © dpa

Woher kommt nun der Wert von 0,7?

Einige Virologen und Modellierer plädieren schon länger dafür, den Zielwert von 0,7 anzuvisieren und nicht nur die Sieben-Tage-Inzidenz in den Blick zu nehmen. Erst wenn das erreicht ist, sei damit zu rechnen, dass sich das Infektionsgeschehen in Deutschland auf längere Sicht stabilisiere.

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Hinter dieser Aussage stehen folgende Berechnungen: Ist die Schwelle von 0,7 erst einmal mittels der Lockdown-Anstrengungen erreicht, könnten die Corona-Infektionen – so sagen es etwa die Modelliererin Viola Priesemann und der Virologe Christian Drosten – innerhalb einer Woche halbiert werden. Zum Vergleich: Bei einem R-Wert von 0,9 beträgt die Halbierungszeit statistisch betrachtet rund einen Monat. Das macht also einen großen Unterschied in der Entwicklung der Infektionsdynamik. Denn genauso, wie die Fallzahlen schnell exponentiell ansteigen, können sie bei stärkeren Anstrengungen durch Maßnahmen auch schneller wieder fallen.

Was haben die Mutationen mit dem R-Wert-Ziel zu tun?

Nun stellen die neuen Virusvarianten aus Großbritannien, Südafrika und Brasilien, die sich derzeit rasant in der Welt ausbreiten, bei den Berechnungen einen großen Unsicherheitsfaktor dar. Allein B.1.1.7. wurde in Deutschland inzwischen in 13 von 16 Bundesländern nachgewiesen. Bundesweit macht die Mutante nach Einschätzung des RKIs derzeit mindestens 6 Prozent der Neuinfektionen aus. Wie häufig die Coronavirus-Variante in Deutschland exakt verbreitet ist, lässt sich derzeit nicht genau sagen.

Wie viel ansteckender die Varianten sind, lässt sich ebenfalls noch nicht sicher sagen. In einer US-Studie wird geschätzt, dass es 35 Prozent bis 45 Prozent sind. Die höhere Übertragbarkeit zeigt sich auch im R-Wert: Im Gegensatz zum Wildtyp gingen aktuelle Schätzungen laut Aussagen des RKI-Präsidenten Lothar Wieler inzwischen davon aus, dass dieser um den Faktor 0,5 höher ausfalle. Das heißt: Setzt sich B.1.1.7. durch, würden noch größere Anstrengungen nötig, um den R-Wert unter eins zu halten. Der R-Wert kann demnach also ein Warnsignal sein für die sich womöglich erneut verschärfende Infektionsdynamik durch die Mutanten. Und je niedriger er ausfällt, umso besser.

Die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek hält es deshalb nicht für zielführend, bei der Planung von Ausstiegsszenarien aus dem Lockdown nur auf die Inzidenz zu schauen. Auch den R-Wert müsse man im Blick behalten, sagte sie am Dienstag gegenüber dem NDR. „Deswegen ist die Entscheidung im Moment auch sehr schwierig, inwieweit man lockert und welche Bereiche man lockert“, so Ciesek. Wie viele weitere Virologen und Epidemiologen auch schlussfolgert sie, dass weitgehende Lockerungen in dieser Situation nicht geboten seien.

Dritte Corona-Welle trotz Lockdown unvermeidbar?

Eine im „Spiegel“ veröffentlichte Modellrechnung zeigt, wie sich das Infektionsgeschehen in Deutschland bei gleichzeitiger Ausbreitung der Coronavirus-Variante B.1.1.7 entwickeln könnte. Demnach wären Infektionen mit der bisherigen Variante von Sars-CoV-2 weiterhin rückläufig, wenn Bund und Länder die aktuellen Corona-Maßnahmen beibehalten. Gleichzeitig würde sich die britische Virusvariante so stark ausbreiten, dass sie in rund einem Monat der dominierende Virustyp wäre. Die Fallzahlen würden exponentiell steigen – trotz des Lockdowns. Deutschland stünde eine dritte Corona-Welle bevor.

Diese Berechnungen bestätigt auch Mathematiker Jan Fuhrmann vom Forschungszentrum Jülich gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND): „Solange der R-Wert der neuen Virusvariante über eins liegt und der für die alte unter eins, wird die Zahl der Neuinfektionen mit der neuen Variante anwachsen und früher oder später die Zahl der Infektionen mit der alten Variante übertreffen – und auch insgesamt zu einem erneuten Anwachsen der Inzidenz führen.“

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