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  • Corona Ländervergleich: Einwohnerzahlen, Tests, Dunkelziffer - so schwierig ist die richtige Einschätzung der globalen Lage

Mehr als nur die Anzahl der Fälle: Ländervergleich bei Corona hinkt

  • Wenn es um Corona geht, ist der Vergleich zwischen verschiedenen Ländern höchst kompliziert.
  • Oft werden Merkmale wie etwa die Einwohnerzahlen oder die Testrate bei der Auswertung unterschiedlich berücksichtigt.
  • Warum es daher nicht so einfach ist, die globale Corona-Lage einzuschätzen - ein Überblick.
Irene Habich
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Sechs Millionen Infizierte in den USA, fast 3,7 Millionen in Indien: Die neuen Rekordzahlen zur Ausbreitung des Coronavirus wirken zunächst dramatisch. Doch Infektionszahlen sagen nur wenig darüber aus, wie die Situation einzelner Länder wirklich ist. Der Vergleich zwischen einzelnen Staaten ist äußerst schwierig.

Je weniger getestet wird, desto höher ist die Dunkelziffer

Wenn es um das Infektionsgeschehen in anderen Ländern geht, wird zunächst einmal oft vergessen, die Einwohnerzahl mit zu berücksichtigen. Das zeigt das Beispiel USA: Dort wird mit sechs Millionen zwar die bisher größte Anzahl an Infektionen gemeldet. Allerdings haben die Vereinigten Staaten mit rund 330 Millionen Einwohnern auch eine größere Bevölkerung als die meisten anderen Länder. Nur in China und in Indien leben mit jeweils um die 1,4 Milliarden mehr Menschen. Aus China werden hierbei nicht einmal 90.000 bestätigte Fälle registriert.

Allerdings wurden die gemeldeten Infektions-Zahlen in der Vergangenheit schon mehrfach angezweifelt. Und aus Indien wurden mit 3,7 Millionen im Verhältnis weniger Fälle gemeldet als aus den USA – es wurde dort aber auch nur wenig getestet. Die Zahl der durchgeführten Tests ist für die Zahl der erfassten Fälle entscheidend: Je weniger getestet wird, desto höher ist die Dunkelziffer, der Anteil der unbemerkt Infizierten.

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So wurden etwa in Indiens Hauptstadt Neu Delhi bei 30 Prozent von 15.000 Untersuchten Antikörper gegen das neuartige Coronavirus festgestellt – was bedeutet, dass sie bereits eine Infektion durchgemacht hatten. In den meisten Fällen war diese unbemerkt verlaufen und nicht offiziell erfasst worden. In Indien sieht man auch, dass eine starke Verbreitung kein Maßstab dafür ist, wie stark eine Bevölkerung wirklich betroffen ist. Denn das Land hat erstaunlich wenig Todesfälle zu beklagen: gerade einmal vier bis fünf auf 100.000 Einwohner. Die niedrige Todesrate ergibt hierbei durchaus Sinn. Denn Indiens Bevölkerung ist extrem jung, das Durchschnittsalter wird auf 28 bis 29 Jahre geschätzt. Und in diesem Alter sterben Menschen nur äußerst selten an einer Infektion mit dem Coronavirus. Die indische Regierung hatte trotzdem ähnlich strenge Regeln erlassen wie andere Länder. Mit der Folge, dass die Wirtschaft einbrach und die Hilfsorganisation Caritas nun warnt, es könnten in Indien mehr Menschen infolge von Hunger sterben als durch Corona.

In den USA wurden bislang 56 Tote pro 100.000 Einwohner in Zusammenhang mit Corona gemeldet. Das sind deutlich mehr als in Indien oder Deutschland (11), aber weniger als unter anderem in Spanien (62) oder Italien (59).

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Wie Zahlen die Situationen dramatisieren - oder verharmlosen

Am höchsten ist die offizielle Todesrate in Belgien, mit etwa 83 Sterbefällen pro 100.000 Einwohner. Doch hier zeigt sich, dass auch diese Zahlen nicht immer vergleichbar sind. Denn die belgische Regierung hatte von Anfang an anders gerechnet. Sie hatte in Altenheimen verstorbene Patienten mit typischen Symptomen als Corona-Tote mitgezählt, ohne dass die Infektion durch einem Labortest bestätigt wurde.

Umgekehrt hatte es offenbar Russland gehalten. Dort fließen längst nicht alle Toten, bei denen das Coronavirus nachgewiesen wurde, in die Statistik mit ein. Stattdessen werden diejenigen herausgerechnet, die vermutlich an einer anderen Krankheitsursache verstorben sind. Das ließe sich einerseits durchaus begründen, da die meisten Corona-Toten schon mehrere schwere Vorerkrankungen hatten. Andererseits scheint Russland es mit dem „Herausrechnen“ zu übertreiben. So hat der Bundesverband der deutschen Pathologen Obduktionen ausgewertet, die an offiziell an Corona Verstorbenen durchgeführt wurden. Demnach stuften sie mehr als drei Viertel sicher als „echte“ Coronatote ein. In einigen Regionen Russlands wurde aber nach Berichten des Nachrichtenmagazins Spiegel bis zu 70 Prozent der Toten mit positivem Corona-Test eine andere Todesursache zugeschrieben. Noch dazu ohne, dass diese obduziert worden wären. Die offizielle Zahl der Toten in Russland von derzeit nur rund 12 pro 100.000 Einwohner (JHU) wird daher von vielen Seiten angezweifelt.

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Länder mit niedrigen Fallzahlen könnten Nachteil bei der Testverteilung haben

Die starre Ausrichtung an offiziellen Zahlen kann also mit einer teils unfairen Benachteiligung einhergehen. So führt Belgien mit seiner Übervorsichtigkeit die Todesstatistik an, während Russland sich damit brüsten darf, weniger Tote zu haben. Und Luxemburg wurde sogar für seine Strategie abgestraft, die Bevölkerung möglichst vollständig zu testen. So wurden dort im Verhältnis zur Einwohnerzahl vorübergehend mehr Fälle entdeckt und der Kleinstaat landete auf der RKI-Liste der Risikogebiete. Erst Mitte August wurde diese Einstufung wieder aufgehoben.

Auch die Entwicklung der Infektionszahlen in Frankreich erscheint weniger brisant, wenn man die Zahlen vergleicht. In der vergangenen Woche wurden dort zwar mehr als 6000 oder sogar 7000 neue Fälle pro Tag gemeldet und damit ähnlich viele Neuinfektion wie noch im Frühjahr. Inzwischen führt Frankreich aber gut 900.000 Tests pro Woche durch, im März waren es nur 20.000 bis 30.000 pro Woche gewesen. Es ist wahrscheinlich, dass dadurch mehr symptomlose Fälle entdeckt und mitgezählt werden, wobei die tatsächliche Zahl der Neuinfektionen niedriger sein dürfte als im Frühjahr. Dass die aktuellen Zustände weitaus weniger dramatischer sind als damals, zeigt der Blick in die Todesfallstatistik. Gestorben sind in Frankreich zuletzt nur 29 Personen pro Tag, im Frühjahr waren es an einigen Tagen fast 400.

Wird die Zahl der Tests bei der Beurteilung der Fallzahlen nicht berücksichtigt, kann das zu einem irrwitzigen Wettrennen führen – mehr Tests führen in einem Land zu steigenden Fallzahlen, bei steigenden Fallzahlen steigert dieses Land die Tests. Vorsicht ist in jedem Fall weiterhin geboten: Die vorübergehend wieder leicht gestiegen Fallzahlen in Deutschland sollen laut Robert Koch-Institut aber nicht allein durch mehr Tests zu erklären gewesen sein.

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