Dramatische Corona-Lage in Brasilien: Wie neue Mutationen die Situation verschärfen

  • Die schiere Masse an Neuinfektionen in Brasilien birgt die Gefahr, dass neue gefährliche Mutationen des Coronavirus entstehen.
  • In Brasilien beginnt Präsident Bolsonaro nun, seinen Kurs zu ändern: Er berief eine Krisenkommission ein.
  • Kritiker machen Bolsonaros Corona-Politik für die über 300.000 Toten im Land verantwortlich.
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Osterruhe in Rio de Janeiro: Für zehn Tage wird die Stadt des Karnevals und des Sambas wieder einmal alle Lebensgeister aus den Clubs, Restaurants und vom Strand verbannen. Diese Maßnahme soll helfen, die nächste und bislang schlimmste Pandemie­welle zu brechen, denn fast jeder Tag endete vergangene Woche mit neuen Hiobs­botschaften.

Höchstzahlen bei den Neuinfektionen, bei den Corona-Toten – wichtige Zeitungen haben sich zusammen­geschlossen und recherchieren die Zahlen selbst, weil sie dem Gesundheits­ministerium in Brasilia misstrauen. Dort hat es vor wenigen Tagen den dritten Personalwechsel an der Spitze gegeben. Immerhin ist es mit Marcelo Queiroga jetzt wieder ein Mediziner, der den Kampf gegen die Pandemie führen soll. Es ist der vierte Minister seit Pandemiebeginn vor einem Jahr. Stabilität sieht anders aus.

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Brasilien steht in der Corona-Pandemie im Fokus

Die schiere Masse an frischen Infektionen in so kurzer Zeit ist ein idealer Nährboden für immer neue Mutationen, die schneller sein könnten als die zur Verfügung stehenden Impfmittel. Ethel Maciel von der Universität UFES in Espirito Santo sieht schwere Wochen auf Brasilien zukommen: „Leider ist die Gefahr real, dass sich durch die vielen Neuinfektionen neue Mutationen bilden können“, sagt die Wissenschaftlerin.

Ihre Kritik: In Brasilien wurden die Infektionen zu wenig sequenziert. Es gebe Länder, in denen bis zu 10.000 Test täglich ganz genau untersucht würden, in Brasilien beschränkte sich dies allerdings lange Zeit nur auf wenige tausend Infektionen. „Wir müssen wissen, was passiert. Die Menschen, die krank sind, mit welcher Variante sind sie krank? Wir brauchen diese Antworten“, sagt Maciel. Inzwischen sehen internationale Medien Brasilien als eine Art Zeitbombe für die Welt.

Corona-Mutation aus Brasilien: Wie gefährlich ist P.1?

Im Vergleich mit der Europäischen Union liegt die Zahl der Neuinfektionen in Brasilien relativ zur Bevölkerungsgröße auf einem ähnlichen Niveau. Doch die Zahl der Covid-19-Todesfälle ist deutlich höher. Am 26. März sind laut der Johns-Hopkins-Universität 3650 Menschen im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben.

Nun spekulieren die brasilianischen Medien, dass die brasilianische Variante P.1 deutlich gefährlicher und aggressiver sein könnte. Ein Eindruck, den Krankenschwester Polyena Silveira aus persönlicher Erfahrung teilt: „Dieses Virus ist viel stärker als das, das wir vor einem Jahr hatten.“ Silveira wurde in diesen Tagen bekannt, weil ein Foto von ihr durch die brasilianischen Medien ging. Es zeigt die Krankenschwester aus einer Erstaufnahme­station in Teresina aus dem nordöstlichen Bundesstaates Piaui auf dem Boden sitzend.

Neben ihr ein sterbender Patient, dem niemand mehr helfen kann, weil alle Betten belegt sind. Das Problem, berichtet Silveira, sei nicht, dass es keine Medikamente oder Betten gäbe. Der Andrang von Patienten sei inzwischen nur so groß, dass die Kapazitäten längst nicht mehr ausreichen. Es seien einfach viel zu viele Menschen krank.

Erwarten Sie das Schlimmste, erwarten Sie was Sie noch nie gesehen haben.

David Almeida, Bürgermeister von Manaus

Brasilien: Patienten bleiben wegen P.1 länger auf der Intensivstation

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In den großen Ballungsräumen Sao Paulo und Rio de Janeiro stehen die Hospitäler vor dem Kollaps, weil es inzwischen an allem fehlt. Und die zeitlich verzögerten Erkrankungen der Patienten der jüngsten massiven Infektionswelle der letzten Tage sind noch gar nicht alle eingepreist.

Einer, der das alles vorgesagt hatte, ist Manaus Bürgermeister David Almeida – weil er diese dritte Welle schon hinter sich hat. Die mutmaßlich aus dem Bundesstaat Amazonas stammende Mutation brach über die Metropole Manaus herein. Weil zu früh gelockert wurde, ignorierten die Menschen die Empfehlungen. Und prompt schossen die Infektionen in die Höhe. „Erwarten Sie das Schlimmste, erwarten Sie was Sie noch nie gesehen haben“, sagte Bürgermeister Almeida vor gut zwei Wochen.

„Ein Patient, der früher zehn Tage im Krankenhaus war, bleibt jetzt 30 Tage. Die Variante ist viel ansteckender, viel stärker. Die Patienten bleiben viel länger auf der Intensivstation und brauchen die gesamte Aufmerksamkeit des Personals.“ Genauso ist es gekommen. Die Patienten sind nun jünger und bleiben deutlich länger.

Corona-Impfungen kommen wie in Europa nur langsam voran

Eine weitere Parallele zwischen Brasilien und der EU ist das durchwachsene Impfmanagement. Nur im Bundesstaat Amazonas gingen inzwischen die Neuinfektionen spürbar zurück. Dort wurden bereits 14,2 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal geimpft. Ein Spitzenwert für Brasilien, ansonsten hängt das Land ähnlich durch wie Europa. Brasilia hat wie Brüssel bei der Impfstoffbesorgung zu lange gezögert, obwohl das Land sogar Schauplatz zahlreicher Testreihen war.

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„Die Situation in Brasilien ist schrecklich. Die Krankenhäuser sind überfüllt, die Intensivbetten reichen nicht und einige Krankenhäuser sind schon ohne Sauerstoff“, sagt Yale-Wissen­schaftlerin Akiko Iwasaki dem Sender „BBC Brasil“. Sie appellierte deswegen an den US-Präsidenten Joe Biden, Impfmittel von Biontech/Pfizer oder Moderna zur Verfügung zu stellen. Ihre Befürchtung: Im Bundesstaat Amazonas sei darüber spekuliert worden, dass nach den ersten Wellen schon eine Herdenimmunität bestehe, doch dann habe die nächste Welle noch einmal mit voller Wucht zugeschlagen. Offenbar seien die Impfmittel, die auf Basis des alten Virus hergestellt wurden, nicht so wirksam wie Biontech/Pfizer oder Moderna.

Brasiliens Präsident beruft Krisen­kommission ein

Natürlich hat die aktuelle Lage auch eine politische Dimension. Brasiliens rechtspopulistischer Präsident Jair Bolsonaro wird mehr und mehr für das Chaos verantwortlich gemacht, seine Umfragewerte sind im Sinkflug. Inzwischen scheint Bolsonaro seinen Kurs ändern zu wollen, berief eine Krisenkommission ein. Das war ein Vorschlag von Ex-Präsident Lula da Silva, der gut eine Woche nach der Annullierung eines umstrittenen Korruptions­prozesses gegen ihn wieder auf der politischen Bühne zurück ist. Lula brachte auch einen G-20-Impfgipfel ins Spiel. Die reichen Industrieländer müssten die armen Länder des Südens unterstützen.

Das ist eine Forderung, die auch aus der Wissenschaft kommt. Weil nur gleichzeitig durch­geimpfte Bevölkerungen weltweit das Risiko minimieren würden, dass weitere gefährliche Mutationen entstehen könnten, dürften die reichsten Länder nicht nur an sich denken. Bislang exportieren die USA nichts in andere Länder, dies ermöglicht es der Administration von Joe Biden, ein beeindruckend hohes Impftempo zu veranschlagen – allerdings auf Kosten des Restes der Welt.

Bolsonaro warb für das Ignorieren von Hygieneregeln

In Brasilien sehen das die Bolsonaro-Kritiker anders. Sie machen ihn für die inzwischen über 300.000 Toten verantwortlich, weil Bolsonaro für das Ignorieren von Hygieneregeln warb, bei der Impfmittel­­beschaffung viel zu langsam war und die meisten Toten aus den armen Bevölkerungs­­­schichten stammen. Bolsonaros Ansicht: „Ein Lockdown macht die Armen nur noch ärmer.“ Indigene Vertreter berichteten jüngst vor den Vereinten Nationen von der dramatischen Situation und werfen Bolsonaro einen gezielten Völkermord vor.

Roberto Gulart Menezes (49) vom Institut für Internationale Beziehungen der Universität Brasilia sieht tatsächlich Konsequenzen: „Durch ihre Corona-Politik steht die Regierung Bolsonaro international tatsächlich isoliert da“, sagt der Politikwissenschaftler. Inzwischen fordern einflussreiche Kreise in Brasilia die Entlassung von Außenminister Ernesto Araujo. Er wäre das nächste politische Corona-Opfer und ganz sicher nicht das letzte.

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