Experten warnen: Afrika „fliegt blind“ durch die Pandemie

  • Afrika ist bislang vergleichs­weise glimpflich durch die Pandemie gekommen – so scheint es.
  • Doch Experten warnen nun, dabei handele es sich um einen Trugschluss.
  • Dem Lande fehle es an Corona-Statistik – und das könne schwerwiegende Folgen haben.
Markus Schönherr
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Leichenberge in den Townships von Johannesburg und siechende Patienten in Nairobis Kranken­haus­fluren: Es waren haar­sträubende Prognosen, die Pessimisten für Afrika zu Beginn der Corona-Pandemie gestellt hatten. Eingetreten ist bisher keines der Horror­szenarien. Im Gegenteil: Offiziell sind die Fallzahlen in Afrika so niedrig wie kaum in einem anderen Gebiet auf der Welt. Und auch in punkto Corona-Toten ist Afrika mit 151.000 Fällen offiziell für gerade einmal 3 Prozent der globalen Pandemieo­pfer verantwortlich. Hat die Pandemie den Kontinent also verschont? Nein, meinen immer mehr Experten – und warnen vor den Folgen dieses Trug­schlusses.

Sie leben zu sechst in einem kleinen Back­stein­häus­chen – mehrere Generation müssen auf engstem Raum miteinander zurecht kommen. Die Wohnlage in Südafrikas Armensiedlungen, den sogenannten Townships, ist in den meisten Fällen prekär. Weil es allerorten an Geld und am Nötigsten fehlt, leben die Menschen in hygienisch unhaltbaren Verhältnissen. Ihr Wasser holen die Bewohner vieler Townships in Südafrika aus dem Gemein­schafts­hahn, zur Arbeit geht es in überalterten und überladenen Zwölf­sitzer­taxi.

Das müsse unweigerlich abhärten, meinen einige Forscher. So hätten ausgerechnet die prekären Lebens­verhält­nisse und die ständige Aussetzung von corona­ähnlichen Viren zu Afrikas geringer Sterblichkeit beigetragen. Dafür spreche nach ihrer Ansicht eine hohe Durch­seuchung in Slums wie dem kenianischen Kibera, wo sich jeder Zweite bereits mit Covid infiziert haben soll. Auch Afrikas junge Bevölkerung spiele eine Rolle.

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Virologe: Afrika mangelt es an Corona-Statistik

Doch der deutsche Virologe Wolfgang Preiser hat Zweifel an der Theorie: „Ich bin skeptisch, ob dahinter Fakten stecken oder die alte Mär vom ach so robusten Afrikaner.“ Laut dem Forscher an der Uni Stellenbosch könne diese „afrikanische Einzig­artigkeit“ weder durch eine Vorimmunität noch durch klimatische oder genetische Umstände erklärt werden. Viel eher mangle es Afrika an der korrekten Corona-Statistik: „Die Erfassung in Afrika ist schlecht, und dem­ent­sprechend spiegeln die gemeldeten Zahlen nicht die wahre Situation wider.“ Selbst in Südafrika, das über ein „sehr gutes Meldesystem“ verfüge, gebe es Lücken. Während der drei Corona-Wellen etwa wurden jüngere, nur leicht Erkrankte, die zu keiner Risikogruppen zählten, erst gar nicht auf Covid getestet. Das habe die Zahlen verfälscht.

Vor allem in ländlichen Gegenden Afrikas werden Verstorbene unter die Erde gebracht, ehe sie auf das Virus getestet werden können. Und auch politisch motivierte Aufhüb­schungen spielen eine Rolle: In Tansania berichteten Ärzte von drakonischen Strafen, wenn sie „Covid“ auf Toten­scheinen verzeichneten. Das änderte sich erst im März, nachdem der Corona leugnende Präsident John Magufuli überraschend verstorben war.

WHO: Sechs von sieben Infektionen bleiben unentdeckt

Wer das wahre Ausmaß der Pandemie auf dem afrikanischen Kontinent begreifen möchte, dem empfiehlt Preiser einen Blick auf die sogenannte Über­sterb­lich­keit. Das ist die Differenz zwischen der Zahl tatsächlich Gestorbener und dem Mittelwert der Vorjahre. Selbst nach Abzug der offiziellen Corona-Toten liegt die Über­sterb­lich­keit in Südafrika seit Ausbruch der Pandemie weit über allen Prognosen. Andere afrikanische Länder erfassen ihre Über­sterb­lich­keit „gar nicht oder nur ungenügend“, so Preiser.

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Angesichts der sich zuspitzenden Lage mehren sich Rufe nach Einschrän­kungen für Ungeimpfte sowie Warnungen vor einer zunehmenden Belastung der Kranken­häuser.  © dpa

„Mit eingeschränkten Test­möglich­keiten befinden wir uns in zu vielen Gemeinden immer noch im Blindflug“, warnte im Oktober die Afrika-Direktorin der Welt­gesund­heits­organisation (WHO), Matshidiso Moeti. Während auf dem Kontinent fast ausschließlich Menschen mit Symptomen getestet würden, übertrügen asymp­tomatisch Erkrankte die meisten Infektionen. Das WHO-Büro im kongo­lesischen Brazzaville schätzt daher, dass in Afrika sechs von sieben Covid-Infektionen unentdeckt bleiben. Statt acht Millionen, könnte es mit Stand Oktober bereits 59 Millionen Infizierte in Afrika gegeben haben.

Viele gespendete Impfdosen nicht verschifft

„Die Pandemie lässt Afrika nicht unberührt, uns fehlen einfach die Daten“, schrieb vor Kurzem eine Gruppe von Forschern und Ethikern im süd­afrika­nischen Gesund­heits­magazin Bhekisisa. Sie warnt vor den Folgen. Denn der „Mythos“ eines „immunen Afrikas“ könnte westlichen Pharma­unter­nehmen einen Vorwand liefern, weniger Impfstoffe nach Afrika zu verschiffen. Bereits jetzt impft der Kontinent von allen Regionen am langsamsten. Laut den African Centres for Disease Control (CDC) waren diese Woche weniger als 6 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft.

Richard Mihigo ist verantwortlich für Immunisierung und Impf­stoff­entwicklung bei der WHO in Brazzaville. Zwar begrüßt er, dass reiche Länder beschlossen haben, einen Teil ihrer Impfstoffe mit Schwellen- und Entwick­lungs­ländern zu teilen. Jedoch gibt er zu bedenken: „Bis heute wurden bloß 47 Prozent der gespendeten Impfdosen, die wir bis Jahresende erwarten, tatsächlich verschifft.“ Die WHO will neben der Impf- auch die Test­kapazität afrikanischer Länder stärken. Nur so könne laut Regional­direktorin Moeti eine „schnelle Isolierung“ sichergestellt und die Übertragung unter­brochen werden. Bis es so weit ist, kämpfen Aktivisten, Mediziner und Medien auf dem Kontinent weiter gegen den Mythos, dass Afrika von der Seuche verschont blieb. Wie die pan­afrikanische Zeitschrift „The Continent“ kommentiert: „Er verhöhnt die Toten, die noch nicht einmal zu den Opfern dieser Ungerechtigkeit gezählt werden.“

RND

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