Corona-Positionspapier der KBV in der Kritik: „Trägt zu Verunsicherung der Bevölkerung bei“

  • Das Positionspapier der Kassenärztlichen Bundesvereinigung zu den Corona-Maßnahmen sorgt für allerlei Kritik.
  • Unterschrieben wurde es unter anderem von dem Virologen Hendrik Streeck.
  • Immer mehr Mediziner und Berufsverbände distanzieren sich von der Stellungnahme, die einen Teil-Lockdown ablehnt.
Laura Beigel
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Mit ihrem Positionspapier zur Corona-Epidemie in Deutschland haben der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, und die beiden Virologen Prof. Hendrik Streeck und Prof. Jonas Schmidt-Chanasit eine Welle der Kritik ausgelöst. Eine derartige Stellungnahme sei zum jetzigen Zeitpunkt „nicht zielführend“, sagte beispielsweise der Präsident des Berufsverbandes Deutscher Anästhesisten, Prof. Götz Geldner. „Sie trägt nur zu einer weiteren unnötigen Verunsicherung der Bevölkerung bei.“

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KBV setzt auf Gebote statt Verbote

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Gassen, Streeck und Schmidt-Chanasit sprechen sich gegen einen Teil-Lockdown im Kampf gegen das Coronavirus aus. „Wir setzen auf Gebote anstelle von Verboten, auf Eigenverantwortung anstelle von Bevormundung“, heißt es im Positionspapier. „Verbote oder Bevormundung haben eine kurze Halbwertszeit und entsprechen nicht unserem Verständnis einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung.“

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Neuer Lockdown hat begonnen
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Viele haben am Wochenende noch einmal das Kulturangebot genossen, bevor ab Montag strengere Regeln zur Eindämmung der Corona-Pandemie in Kraft treten.  © Reuters

Zusätzlich fordern sie, dass Maßnahmen in erster Linie Bevölkerungsgruppen mit hohem Erkrankungsrisiko schützen sollen, um schweren Krankheitsverläufen vorzubeugen und die Auslastung der Intensivbetten zu regulieren. Auch die Einführung eines Ampelsystems sowie die Abkehr von der Nachverfolgung persönlicher Kontakte könnten laut KBV im Herbst dazu beitragen, die Corona-Epidemie in Deutschland einzudämmen.

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Lauterbach: Konzept nicht falsch, aber auch keine Lösung

Kritik an diesen Forderungen übt der Allgemeinmediziner Rainer Röver aus Überlingen in Baden-Württemberg. Er hat eine Gegenstellungnahme an die KBV gesendet, die inzwischen von 341 niedergelassenen Haus- und Fachärzten und Intensivmedizinern unterzeichnet wurde. Diese befürworten die Entscheidung der Bundesregierung, einen Teil-Lockdown durchzuführen.

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Auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hatte sich gegen das Positionspapier der KBV ausgesprochen: „Es beantwortet nicht die Frage, wie man bei der Dynamik der zweiten Welle einen kompletten Lockdown in Kürze verhindern will. Wenn man dem Konzept gefolgt wäre, hätte man nur entscheidende Zeit verloren.“ Der Ansatz von Gassen, Streeck und Schmidt-Chanasit sei zwar nicht falsch, aber auch keine Lösung, schrieb Lauterbach auf Twitter.

Tübingen will Senioren besonders schützen

Die im Positionspapier beschriebene Vorgehensweise erinnert teilweise an die schwedische Strategie zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Das Land hat weitgehend auf Restriktionen des öffentlichen Lebens verzichtet. Statt eines Lockdowns hat die schwedische Regierung weiche Empfehlungen ausgesprochen, die sich vor allem an ältere Menschen richten.

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Auf den Schutz der Senioren konzentriert sich auch Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) – ergänzend zu den bundesweiten Restriktionen. So sollen alle Einwohner über 65 Jahre kostenlos mit FFP2-Masken versorgt werden. „Der Tübinger Appell setzt wie Schweden auf Eigenverantwortung und besonderen Schutz der Alten“, sagte Palmer der „Bild“-Zeitung. Jüngere Menschen forderte er zudem auf, zwischen 9.30 und 11 Uhr nicht einkaufen zu gehen, sondern diese Zeit den Senioren zu überlassen.

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