Corona-Krise: Wenn Ärzte plötzlich zu Patienten werden

  • Die Corona-Krise hat viele Ärztinnen und Ärzte zeitweise an ihre Grenzen gebracht.
  • Sie waren an vorderster Front, als Dutzende Infizierte innerhalb kürzester Zeit die Kliniken füllten und auf den Stationen um ihr Leben kämpften.
  • Bei einigen Medizinerinnen und Medizinern hat die Pandemie auch psychologische Spuren hinterlassen. Eine Anästhesistin erzählt.
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Ihre Kraftreserven waren leer, bis auf wenige Reste aufgebraucht. Sonst hatte Simone W. (Name von der Redaktion geändert) immer aus dem Vollen schöpfen können. Doch dann kam Corona. Und mit dem Virus änderte sich der Arbeitsalltag der Anästhesistin massiv. „Die erste Welle war die schlimmste“, erinnert sie sich, „weil wir nicht vorbereitet waren.“ Zahlreiche Corona-Erkrankte füllten plötzlich das Krankenhaus, es mangelte an ausreichender Schutzausrüstung wie Masken. Improvisation war gefragt. Das Stresslevel stieg, mehr Zeitmanagement wurde notwendig, während die Angst, sich anzustecken, omnipräsent war.

„Es ist einfach zu viel gewesen“, sagt die 54-Jährige, die an vorderster Front um das Leben von schwerstkranken Patientinnen und Patienten kämpfte. „Ich habe gemerkt, dass ich über meine Kräfte gegangen bin.“ Simone W. zog ihre Konsequenzen. „Ich konnte nicht mehr.“ Sie begab sich in der Oberberg Fachklinik Schwarzwald in psychologische Behandlung. Die Anästhesistin wurde auf einmal selbst zur Patientin.

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Corona-Krise sorgt für Daueranspannung in den Kliniken

„Für viele Ärzte ist es erst ganz schön schwierig, loszulassen und die Krankenrolle zu akzeptieren“, weiß Andreas Wahl-Kordon, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Ärztlicher Direktor der Oberberg Fachklinik Schwarzwald. Er behandelte auch Simone W., sprach mit ihr und anderen Betroffenen über die Belastungen während der Corona-Krise. Vor allem die Bedingungen, unter denen die Medizinerinnen und Mediziner gearbeitet haben, seien „extrem herausfordernd“ gewesen. „Die Patienten sind ihnen zum Teil einfach weggestorben“, sagt Wahl-Kordon. „Das war schrecklich.“ Er spricht von einer Daueranspannung in den Kliniken, kombiniert mit Hilflosigkeit.

Seit Anfang des Jahres kommen in seine Privatklinik in Hornberg mehr Ärztinnen und Ärzte mit psychischen Erkrankungen. Oftmals haben sie schon gewisse Vorerkrankungen wie Angststörungen, Depressionen oder Burn-out. Auch Suchterkrankungen seien in der Ärzteschaft keine Seltenheit. Die Bundesärztekammer verweist in diesem Zusammenhang auf Schätzungen, wonach 7 bis 8 Prozent der Medizinerinnen und Mediziner mindestens einmal in ihrem Leben an einer Suchterkrankung, wie etwa einer Alkoholabhängigkeit, leiden.

Schlafstörungen und Reizbarkeit können Warnsignale sein

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Drei Monate lang war Simone W. bei Psychiater Wahl-Kordon in Behandlung. Es sei eine „sehr intensive, therapeutische Zeit“ gewesen, berichtet sie. Eine Arbeit auf vielen Ebenen: Körper, Seele und Geist. „Ich musste lernen, meine Kraftressourcen richtig einzuteilen.“ Und auch mit der Patientenrolle musste sie sich erst einmal arrangieren: „Es ist mir anfangs sehr schwergefallen, die Rolle als Ärztin abzulegen. Aber ich wollte Patientin sein. Ich musste mir immer wieder sagen: ‚Es geht jetzt um mich.‘“

Um die Belastungen während der Corona-Krise zu verarbeiten, hat die Anästhesistin an Gruppentherapien teilgenommen. Dabei wirke ein sogenannter „Peer Effekt“, erklärt Wahl-Kordon: „Für die Ärzte ist es wichtig zu sehen, dass noch andere betroffen sind. Das macht es für viele einfacher, sich auf die Therapie einzulassen.“ Auch Selbsthilfegruppen gehören zu seinen Therapiemethoden. „Ärzte sind tendenziell eher schlechte Patienten“, so der Psychiater, „weil sie sich selbst eher vernachlässigen oder ihren Gesundheitszustand nicht ernst nehmen.“

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Warnsignale einer psychischen Überlastung können beispielsweise Schlafstörungen, Reizbarkeit oder ein regelmäßiger Konsum von Alkohol sein. „Oder man merkt, dass man im Urlaub nicht mehr richtig entspannen kann. Dann ist man auf jeden Fall gefährdet“, sagt Wahl-Kordon. „Das muss sich nicht sofort zu einer Depression entwickeln. Aber angenommen nach zwei Wochen Sommerurlaub fühlt man sich immer noch nicht richtig erholt, dann sollte man hellhörig werden.“

Marburger Bund: Hohe Letalitätsraten haben medizinischem Personal zu schaffen gemacht

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Auch Anästhesistin Simone W. hat gespürt, dass sie von ihrem Stresslevel nicht mehr herunterkam. „Ich war selbst schuld“, rügt sie sich selbst, „ich habe mir einfach zu viel aufgeladen.“ Bilder von todkranken Corona-Patientinnen und -Patienten, die sich in ihrem Gedächtnis verankerten, hätten die Anspannung nur noch verstärkt. „Ich habe mich auch in manchen Situationen alleingelassen gefühlt.“

Von den Auswirkungen der Corona-Krise seien in den Krankenhäusern vor allem Ärztinnen und Ärzte sowie Pflegende auf den Intensivstationen betroffen gewesen, heißt es vom Marburger Bund. „Es gab in allen Phasen der Pandemie, insbesondere während der großen Erkrankungswellen, erhebliche Belastungen für das medizinische Personal“, teilt der Verband auf Anfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) mit. „Die Belastungen waren unterschiedlich, je nach Aufgabengebiet und auch je nach Infektionsgeschehen in den Regionen.“

Nicht nur die Sorge, nicht ausreichend vor dem Virus geschützt zu sein, habe die Medizinerinnen und Mediziner umgetrieben, sondern auch die Angst, Familienangehörige zu infizieren. Zudem hätten ihnen die hohen Letalitätsraten zu schaffen gemacht: „Teilweise lag die Sterberate auf den Intensivstationen bei 50 Prozent“, so der Marburger Bund. „Das ist für das behandelnde medizinische und pflegerische Personal extrem belastend.“

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Ärztegesundheit ist kein coronaspezifisches Thema

Welche Konsequenzen diese hohe Arbeitsbelastung hat, zeigte im April eine Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin (DGIIN). Darin gaben rund ein Drittel der befragten Pflegekräfte, Sanitäterinnen und Sanitäter und sonstigen Berufsgruppen (30,5 Prozent) sowie 18,9 Prozent der Medizinerinnen und Mediziner an, dass sie ihre Arbeitsstelle in den kommenden zwölf Monaten aufgeben wollen. 72,2 Prozent der nicht ärztlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Intensivstationen, Notaufnahmen und im Rettungsdienst fühlten sich während der dritten Corona-Welle überlastet.

Allerdings sei die Gesundheit von Ärztinnen und Ärzten nicht nur ein coronaspezifisches Thema, meint Psychiater Wahl-Kordon. Schon vor der Pandemie habe es im Gesundheitssystem Schwachstellen gegeben, die belastend gewesen seien und teilweise bis heute andauern. Zum Beispiel herrsche in vielen Kliniken und auch in ländlichen Regionen ein Ärztemangel. „Das hat Konsequenzen für das gesamte Gesundheitssystem“, weiß Wahl-Kordon.

Arbeitsbedingungen in den Krankenhäusern verbessern

Die beste Gesundheitsförderung für Medizinerinnen und Mediziner seien gute Arbeitsbedingungen, glaubt der Marburger Bund. „Wir brauchen mehr Personal, um die Arbeitslast besser verteilen zu können.“ Ohne die Pandemie würden Ärztinnen und Ärzte im Krankenhaus alleine rund 65 Millionen Überstunden pro Jahr leisten. „Sie müssen von unnötigen Dokumentationsaufgaben und anderen bürokratischen Anforderungen entlastet werden, damit sie mehr Zeit für ihre eigentlichen Aufgaben in der Patientenversorgung haben“, teilt der Verband mit.

Unbesetzte Stellen müssten nachbesetzt und Höchstarbeitszeiten eingehalten werden. Auch die Krankenhäuser selbst stünden in der Pflicht, für ein gesundes Arbeitsumfeld zu sorgen, zum Beispiel durch bessere Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Ein Großteil der Verantwortung liege aber bei der Politik: „Der hohe wirtschaftliche Druck, der auf den Krankenhäusern lastet, die mangelhafte Bereitstellung von Investitionsmitteln durch die Länder und die ökonomischen Verwerfungen durch das bestehende Finanzierungssystem sind denkbar schlechte Voraussetzungen für ein gesundes Arbeitsumfeld.“

Psychiater: Resilienztraining schon im Medizinstudium

Wahl-Kordon ist der Ansicht, dass es schon während des Medizinstudiums Resilienztraining braucht. Denn schon dort nehme das Belastungserleben zu. Auch ausreichend Schlaf, Entspannung, Bewegung und eine gesunde Ernährung können die psychische Gesundheit fördern, rät der Psychiater. Ebenso wie ausgleichende Tätigkeitsfelder und soziale Aktivitäten mit Freunden und der Familie.

Simone W. hat aus der Corona-Zeit vor allem eines gelernt: „Ich muss auf mich selbst achten.“ Ihrem Beruf als Anästhesistin will sie weiter nachgehen, aber unter anderen Bedingungen. Sie werde nun kürzertreten und auf ihre Kraftreserven achtgeben. „Die nächste Krise wird kommen“, glaubt sie. „Ich gehe damit jetzt anders um.“

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