“Das Transplantat wartet nicht” – Gewebetransplantationen in Zeiten von Covid-19

  • Kaum planbare Operationen oder Eingriffe: Die Corona-Pandemie hat den regulären Klinikbetrieb in Deutschland so gut wie lahmgelegt.
  • Auch viele Transplantationen mussten verschoben werden.
  • Doch die Patienten sind auch in der Corona-Zeit auf Gewebespenden angewiesen.
Michèle Förster
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Hannover. Als sich das neuartige Coronavirus im März zunehmend in Deutschland auszubreiten begann, zogen die Kliniken Konsequenzen: Alle planbaren Operationen, Untersuchungen und medizinischen Eingriffe wurden verschoben. Die Bettenkapazitäten sollten für Patienten mit schweren Covid-19-Verläufen freigehalten werden, aus den Operationssälen wurden Beatmungsgeräte abgezogen.

Seitdem herrscht auch Stillstand im Bereich der Transplantationsmedizin. So könne es jedoch nicht weitergehen, meint die Deutsche Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG). Auch in Zeiten einer Pandemie sei eine große Anzahl von Patienten auf die Versorgung mit Transplantaten angewiesen. “Einige der Fälle nähern sich einer solchen Dringlichkeit, dass Patienten nun umgehend versorgt werden müssen”, sagt DGFG-Geschäftsführer Martin Börgel. Darum sollen nun wieder notwendige Eingriffe vorgenommen werden, bevor eine zweite schwere Infektionswelle heranrollt.

Eingriffe könnten im Sommer nachgeholt werden

“Wir stellen uns darauf ein, die Versorgung mit Gewebetransplantaten in den kommenden Wochen wieder hochzufahren”, lässt Börgel in einer Mitteilung der Gesellschaft verlauten. Weil seit April viele Transplantationen von den Kliniken oder den Patienten selbst abgesagt worden seien, rechnet die DGFG damit, dass in den kommenden Monaten Transplantationen nicht nur nachgeholt, sondern sogar vorgezogen werden könnten. Anstatt des typischen Sommerlochs wird es in diesem Jahr wahrscheinlich mehr Transplantationen in der Jahresmitte geben, schätzt Börgel.

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In den vergangenen zwei Monaten mussten viele Kliniken ihren Betrieb den neuen Bedingungen anpassen. “Die Vorbereitungen auf die Covid-19-Pandemie hatte Mitte März 2020 dazu geführt, dass wir in unserer Augenklinik das gesamte Programm binnen weniger Tage auf einen reinen Notbetrieb umgestellt haben”, berichtet Dr. Erik Chankiewitz. Dadurch hätte in der Bremer Augenklinik bis Mitte Mai nur ein Drittel der Hornhautübertragungen stattfinden können.

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Nur halb so viele Gewebetransplantationen durch Corona

Die Auswirkungen der Pandemie bekommen die Kliniken deutlich zu spüren. Während im März das Transplantationsgeschehen nahezu normal verlief, gab es im April laut DGFG einen deutlichen Einbruch. Besonders betroffen seien Gewebetransplantationen im Bereich der Augenheilkunde. Dort gab es einen Spendenrückgang um nahezu 50 Prozent. Auch die Anzahl der Spender hat sich deutlich reduziert. Für eine Gewebespende nach dem Tod ist in Deutschland die Einwilligung der Spender und Angehörigen notwendig.

Beim gespendete Gewebe im DGFG-Netzwerk ist seit Beginn der Covid-19-Pandemie ein deutlicher Rückgang zu verzeichnen. © Quelle: Deutsche Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG)

Um im Fall einer Corona-Infektion von Mitarbeitern auch weiterhin Gewebe zur Hornhauttransplantation zur Verfügung stellen zu können, arbeitete die Mitteldeutsche Hornhautbank Halle mit einem Backup-Team, erklärt Prof. Arne Viestenz, der als Direktor der Klinik für Augenheilkunde am Universitätsklinikum Halle arbeitet. Nottransplantationen, etwa bei einer schweren Augeninfektion oder Hornhautgeschwüren, hätten deshalb jederzeit durchgeführt werden können. “Hornhauttransplantationen im gewohnten Maß hingegen haben wir erst dann fortgesetzt, als Sicherungsmaßnahmen wie Schutzmasken, Abstriche, Isolationszimmer und Covid-Stationen am Universitätsklinikum Halle eingerichtet worden waren”, so Viestenz.

Trotz des enormen Spendenrückgangs liegt Deutschlands Transplantationsrate laut DGFG nach wie vor über dem Niveau anderer europäischer Länder. Besonders verheerende Auswirkungen sind bereits in Italien zu beobachten. Nach Angaben der Veneto Eye Bank Foundation in Venedig lag die Transplantationsaktivität im April im Vergleich zur ersten Februarhälfte nur bei zehn Prozent. Ähnlich prekär sei die Lage auch in Spanien.

Keine Corona-Infektion über Spendergewebe möglich

Gewebespenden und -transplantationen sind trotz der Corona-Pandemie weiterhin möglich. Dass Patienten einen geplanten Eingriff aus Angst vor einer Infektion mit dem Coronavirus absagen, sei nicht notwendig. Nach Angaben des Paul-Ehrlich-Instituts ist bisher kein Fall bekannt, bei dem von einer Übertragung von Sars-CoV-2 über eine Gewebetransplantation berichtet wurde. Auf gesunkene Transplantationskapazitäten zu reagieren und gleichzeitig eine Notfallversorgung sicherzustellen, sei auch für die DGFG ein Spagat gewesen.

Eine zusätzliche Herausforderung sind Transplantationen, die am Auge durchgeführt werden. Bei einer Hornhauttransplantation wird beispielsweise eine irreparabel und meistens stark geschädigte Hornhaut durch die gesunde Hornhaut eines Spenders ersetzt. Doch die Transplantate haben eine begrenzte Lagerfähigkeit: Spenderhornhaut kann nur für einen Zeitraum von 34 Tagen gelagert werden. “Aus meiner Sicht handelt es sich hier nicht um aufschiebbare Operationen”, erklärt der Chefarzt der Augenklinik Sulzbach, Prof. Peter Szurman. Dabei sei das Wohl der Patienten wichtiger als die derzeitige Pandemie. “Das Transplantat wartet nicht”, ergänzt er.


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