Corona-Krise in Spanien: “Es ist ein komplettes Desaster”

  • Nirgendwo in Europa ist die Corona-Krise aktuell so gravierend wie in Spanien, und dort nirgendwo so schlimm wie in Madrid.
  • Die Gesundheitspolitik ist ein Desaster, beklagt das Gesundheitspersonal.
  • Ärzte und Krankenpfleger sind am Ende, die Wut auf die Politiker ist groß.
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Madrid. Es fehlt an den einfachsten Dingen. “Wir brauchen zum Beispiel Headsets”, sagt die Madrider Ärztin Maribel Giráldez, “damit sich unsere Leute beim Telefonieren nicht den Hals brechen.” “Es fehlt ja schon an Telefonverbindungen”, fällt Ángela Hernández ein, die Vizepräsidentin des Madrider Ärzteverbandes Amyts. “Ideal wäre es, Covid aus den Gesundheitszentren rauszuholen, damit man dort seine Arbeit machen kann. Aber man installiert noch nicht einmal zusätzliche Telefonverbindungen.” Die Krankenschwester Rosa Gómez stimmt zu: “Sie empfangen uns nicht, sie hören nicht auf uns, sie ignorieren die Vorschläge, die aus den Gesundheitszentren kommen.” Das Objekt ihrer Wut sind: die zuständigen Politiker.

Gesundheitszentren in Spanien: Es mangelt an fast allem

Das spanische Gesundheitssystem ist vornehmlich ein staatliches. Statt zum Hausarzt geht man im Fall der Fälle ins nächstgelegene Gesundheitszentrum, wo sich Ärzte, Pfleger und Verwaltungsleute um die medizinische Grundversorgung in der Nachbarschaft kümmern. Das System ächzt seit Langem. Jetzt unterspült die Covid-Flut dessen Fundamente. Die Gesundheitszentren sind, gemeinsam mit den Notaufnahmen der Krankenhäuser und dem Notruf 112, die erste Verteidigungslinie im Kampf gegen die Pandemie. “Sie haben zwei komplizierte Monate hinter sich”, sagt Hernández. Sie und ihre Kolleginnen verzweifeln über mangelhafte Ausstattung, fehlendes Personal, chaotische Planung. Die erste Linie hat nicht standgehalten. Jetzt füllen sich die Krankenhäuser und dort die Intensivstationen.

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Corona-Lage in Spanien verschärft sich
2:06 min
Besonders in den vergangen zwei Wochen ist die Zahl der verstorbenen Personen auf 50 bis 60 pro Tag angestiegen - nachdem sie im Juli noch einstellig war.
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Covid-Patienten belegten ein Viertel der Krankenhausbetten

In keinem europäischen Land ist die Lage so schlecht wie in Spanien. Die europäische Seuchenschutzbehörde ECDC zählt 320 Infizierte auf 100.000 Einwohner in den vergangenen 14 Tagen, fast zwölfmal so viele wie in Deutschland. In Madrid und Umland sind es 755, mehr als irgendwo sonst in Spanien.

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Am Mittwoch lagen 3813 Covid-Patienten in Madrider Krankenhäusern und belegten ein Viertel aller Betten. Auf den Intensivstationen wurden 436 Corona-Patienten behandelt. Dort ist kaum noch Platz für andere Kranke. “Im Hospital Gregorio Marañón”, einem der größten Spaniens, “werden schon geplante Operationen wieder ausgesetzt”, berichtet Hernández. “Es ist ein komplettes Desaster.” Als hätte man in den vergangenen sechs Monaten nichts gelernt.

Es ist kein unabwendbares Unglück, das über Spanien hereingebrochen ist. Verantwortlich für die desolate Lage ist das fehlende Reaktionsvermögen der Gesundheitspolitiker. Schon vor der Corona-Krise fehlte es an Ärzten in Madrid: Hernández beziffert die damalige Unterversorgung mit 400 Allgemeinmedizinern und 150 Kinderärzten. Jetzt brauche man 750 Allgemein- und 200 Kinderärzte. Weil Ärzte in Madrid schlecht bezahlt werden und chronisch überlastet sind, gehen junge Kollegen lieber in andere Regionen oder noch besser ins Ausland. Bei den Ärztegehältern stehe Spanien an viertletzter Stelle in der OECD, sagt Hernández.

800 Fachleute eingestellt – denen noch niemand begegnet ist

Angesichts der strukturellen Defizite wäre es umso dringlicher gewesen, das gesamte System auf die Eindämmung der Epidemie einzustellen. Das ist nicht geschehen. Die Regionalregierung von Madrid behauptet, dass 800 “rastreadores”, also Tracker, mit der Nachverfolgung der Infektionsketten beschäftigt seien. In ihrem beruflichen Alltag sind weder Hernández noch Giráldez noch Gómez diesen Fachleuten jemals begegnet. “Es gibt keine neu eingestellten rastreadores”, sagt Giráldez, die in einem Gesundheitszentrum im Madrider Bezirk Carabanchel arbeitet. “Um die Nachverfolgung kümmern wir Ärzte uns.” Die Krankenschwester Gómez, die im selben Zentrum arbeitet, sagt: “Keiner meiner Patienten ist jemals von einem rastreador angerufen worden.”

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Die Ärzte sind erschöpft, sie sind überlastet. “Wir kommen nicht hinterher”, sagt Giráldez. Die Schuld daran geben sie und ihre Kolleginnen den Politikern. “Ich bin sehr enttäuscht”, sagt Ángela Hernández vom Ärzteverband Amyts, “sowohl auf regionaler als auch auf nationaler Ebene.” Hier regiert ein Links-, dort ein Rechtsbündnis, aber nirgendwo sieht Hernández “Figuren wie Churchill”, die jetzt gebraucht würden. “Mich besorgt ernsthaft die fehlende Hirnmasse unserer Politiker”, sagt sie ganz ernst.


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