• Startseite
  • Gesundheit
  • Die Viruswelle im ländlichen Indien: „Die Leute sterben, überall herrscht Angst“

Die Viruswelle im ländlichen Indien: „Die Leute sterben, überall herrscht Angst“

  • Indiens Corona-Krise erreicht die ländlichen Regionen, die kaum über eine nennenswerte medizinische Versorgung verfügen.
  • Einige Dorfkliniken mussten bereits schließen.
  • Am Mittwoch meldete das Land mit 4529 neuen Todesfällen an einem Tag einen traurigen Höchststand.
Agnes Tandler
|
Anzeige
Anzeige

Dubai/New Delhi. Der Patient ist schwach und ringt nach Luft: Dr. V.K. Sharma kann ihn kaum sprechen hören. Der Arzt legt seine Hand auf die Brust des Patienten, kontrolliert den Tropf mit Kochsalzlösung und spricht dem Kranken Mut zu. Doch Sharma glaubt selbst nicht daran. „Die Leute sterben, überall herrscht Angst“, beschreibt er die Lage im „Indian Express“.

Die Corona-Pandemie in Indien hat die Gesundheitsversorgung in den Städten und Metropolen bereits zum Kollaps gebracht, doch das Virus verschont diesmal die Dörfer nicht, die von der ersten Infektionswelle 2020 kaum berührt waren. Infektions- und auch Todesraten sind diesmal auch in den ländlichen Gebieten hoch.

Am Ufer des Ganges in Uttar Pradesh werden seit Wochen täglich Dutzende Leichen von Menschen angeschwemmt, die nach Ansicht der Behörden an der Virusinfektion gestorben waren und deren Angehörige kein Geld für eine Feuer­bestattung hatten. Indien meldete am Mittwoch 263.533 Corona-Neuinfektionen und 4529 neue Todesfälle binnen 24 Stunden – ein neuer Höchststand.

Anzeige
Die Pandemie und wir Der neue Alltag mit Corona: In unserem Newsletter ordnen wir die Nachrichten der Woche, erklären die Wissenschaft und geben Tipps für das Leben in der Krise ‒ jeden Donnerstag.

Zahlen spiegeln nicht die wirkliche Situation wider

Die Zahl der Neuinfektionen in Indien liegt den zweiten Tag in Folge unter 300.000, doch die Daten spiegeln kaum die wirkliche Situation wider. Denn auf dem Lande gibt es kaum Ärzte und Ärztinnen, Kliniken oder Corona-Tests. Wie viele Menschen in den Dörfern eine Covid-19-Infektion haben oder an der Krankheit sterben, weiß niemand genau, und die indische Regierung hat wenig Interesse an den echten Zahlen.

In der vergangenen Woche trat Indiens Topvirologe und Regierungsberater Shahid Jameel zurück, ohne einen Grund für seinen Schritt zu nennen. Es wird allgemein vermutet, dass Jameels Kritik am Corona-Krisenmanagement Indiens Premierminister Narendra Modi nicht erfreut hat. Der Virologe bemängelte auch die Unzuverlässigkeit der offiziellen Statistik.

Anzeige

„Am 30. April haben über 800 indische Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen den Premierminister aufgefordert, ihnen Zugang zu Daten zu gewähren, die ihnen helfen könnten, das Virus zu erforschen, Vorhersagen zu treffen und die Pandemie einzudämmen“, schrieb Jameel in einem Beitrag in der „New York Times“. „Politische Entscheidungen, die auf Daten basieren, sind ein weiteres Opfer der außer Kontrolle geratenen Pandemie in Indien. Der Preis, den wir dafür an Menschenleben zahlen, wird eine bleibende Narbe hinterlassen.“

Anzeige

Klinik besteht aus einem Zimmer

In den vergangenen Wochen hat der Arzt V.K. Sharma in seiner Einzimmerklinik am Straßenrand des Dorfes Bargaon im Saharanpur-Bezirk im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh eine Flut von Patienten mit Covid-19-Symptomen behandelt. Das Dorf hat kein Krankenhaus. Sharma, der traditionelle indische Ayurveda-Heilkunde studiert hat, ist die einzige Anlaufstelle. Die nächstgelegene Stadt, Saharanpur, ist 33 Kilometer entfernt. Und selbst dort ist kaum Hilfe zu erwarten.

Die Klinik verlangt einen Corona-Test, aber das Testzentrum ist geschlossen. Sharmas Klinik besteht nur aus einem Schreibtisch, einem Stuhl und einer Untersuchungsliege. Vor der Klinik im Freien stehen sechs Pritschen, auf denen Kranke liegen. In der Klinik warten noch ein gutes Dutzend Kranke auf eine Behandlung, während besorgte Familienangehörige draußen stehen. Die Klinik hat keinen Sauerstoff, keine diagnostischen Geräte, keine Medikamente.

Versprochene Impfungen finden nicht statt

Bargaon ist typisch für die Gesundheitsversorgung im ländlichen Indien, in dem fast zwei Drittel der Bevölkerung von knapp 1,4 Milliarden Menschen leben. Indien investiert weniger als 2 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes in den Gesund­heits­sektor. Das staatliche Gesundheitszentrum in Bargaon, das eigentlich die medizinische Anlaufstelle für die Dorfbewohner sein soll, ist leer, und die Zimmer sind abgeschlossen. Es fehlt an Geld und an Personal.

Eigentlich sollte hier auch geimpft werden. Doch der zuständige Arzt ist krank, und Impfstoff ist auch nicht eingetroffen. Einer Recherche der Zeitung „Indian Express“ zufolge fehlen gerade in schwer betroffenen Gebieten des Landes Vakzine. Nur etwa 13 Prozent der indischen Bevölkerung haben bislang eine Corona-Impfung erhalten, und weniger als 2 Prozent haben den vollen Impfschutz.

Arzneimittel sind ausverkauft

Anzeige

„Was kann ich schon machen?“, klagt Sharma. „Ich kann nur bei ganz milden Fällen die Symptome lindern helfen und hoffen, dass die Infektion nicht schlimmer wird.“ Und selbst das wird immer schwieriger. Die Arzneimittel, die der Landarzt verschreibt, wie das Antibiotikum Azithromycin und der Entzündungshemmer Dexamethason, sind in der Dorfapotheke ausverkauft, und auch in den umliegenden Städten wird der Vorrat knapp.

Der Preis für einen Beutel mit Kochsalzlösung hat sich verdreifacht und liegt bei umgerechnet 10 Euro – einem halben Vermögen für die meisten Bewohner hier. Nach offiziellen Zahlen zählt der Bezirk knapp 700 Neuansteckungen am Tag, eine Woche zuvor war es die Hälfte. Da Corona-Tests kaum zu bekommen sind, weiß niemand, wie hoch die Infektionsrate in Wirklichkeit ist.

Auf dem Dorf mangelt es selbst an wesentlichen Dingen

Vor einem Monat sah Sharma in seiner Klinik fünf bis zehn Patienten an einem Tag, nun kommen bis zu 100 an einem einzigen Tag zu ihm, um Hilfe zu suchen. Der Arzt behandelt nur leichte Fälle, die schweren schickt er weg. Doch für die Kranken und ihre Angehörigen gibt es kaum Hoffnung, irgendwo sonst eine Behandlung zu finden.

Die Gesundheitsversorgung auf dem Land ist so unzureichend, dass es selbst an wesentlichen Dingen mangelt. Kranken­häuser und Kliniken sind in den Städten konzentriert, und selbst diesen fehlen Medikamente, Sauerstoff und Vakzine. Während Indiens Mittelklasse in den Metropolen auf Twitter nach Sauerstoffflaschen suchen oder mit dem Auto Kliniken und Geschäfte abklappern kann, gibt es für die Bewohner und Bewohnerinnen auf dem Lande keine Möglichkeiten.

Video
Corona: Verzweifelte Lage in Indien
1:51 min
Die Krankenhäuser sind überlastet, der Sauerstoff ist knapp. Seit dem Ausbruch der neuartigen Mutation sind die Fallzahlen in Indien dramatisch gestiegen.  © Reuters

Kommunalwahlen wurden zum Superspreaderevent

Entgegen dem Rat von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen waren im April im Bundesstaat Uttar Pradesh mit seinen über 200 Millionen Einwohnern un Einwohnerinnen Kommunalwahlen abgehalten worden. Wahlkampf und Abstimmung wurden zu Corona-Superspreader-Anlässen. Allein mehr als 700 Lehrer und Lehrerinnen, die zum Dienst als Wahlhelfer und Wahlhelferinnen eingeteilt worden waren, sind bereits an Covid-19 gestorben.

Ein Gericht in der Stadt Allahabad rügte die staatliche Wahlkommission, die Gerichte und die Regierung, auf der Ab­stim­mung bestanden zu haben. „Während die Covid-19-Infektion im letzten Jahr die Dorfbevölkerung nicht erreicht hat, hat sich das Virus jetzt überall in den Dörfern verbreitet“, kritisierten die Richter.

Indiens Regierung kann zwar die offiziellen Zahlen manipulieren, doch das wahre Ausmaß der Krise bleibt sichtbar: Ganze Familien sind durch das Virus ausgelöscht worden, Dörfer sind wie ausgestorben, Felder werden nicht mehr bestellt, weil Arbeitskräfte fehlen.

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen