Corona-Kilos: Viele Kinder von Bewegungsmangel und Übergewicht betroffen

  • In der Corona-Krise haben viele Menschen zugenommen – auch Kinder sind davon betroffen.
  • Das häufigste Problem von Übergewicht ist laut Experten Bewegungsmangel.
  • Das Wegfallen vieler Sportangebote verstärkt diesen Effekt bei Kindern noch.
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Lange hatte sie gar nichts bemerkt. Erst als die Hosen drückten und sie die Knöpfe nur noch mit Mühe schließen konnte, fing Marlene an genauer hinzuschauen. Eines Morgens, die Schulen waren immer noch geschlossen, betrachtete sie ihre Kinder etwas länger im Bad. Da war es nicht mehr zu übersehen: Sie hatten zugenommen, allesamt.

Der Corona-Lockdown zwang Marlene mit ihrem Mann und den drei Kindern (10, 13, 15) in die eigenen vier Wände. Ab und zu eine Fahrradtour oder ein Spaziergang, zusammen kam die Familie aber vor allem beim Kochen und Backen. “Da haben wir es uns gut gehen lassen”, sagt Marlene. Doch wirklich gut ging es ihnen nicht. Der Großteil der Zeit bestand aus einem Irgendwie-Hinkriegen zwischen Homeschooling, Homeoffice und Haushalt. Die Kinder, sonst bewegungsfreudig und schlank, zogen sich immer mehr zurück – vor den Fernseher, das Tablet, an den Computer. Und damit kamen die Kilos.

Studien bestätigen Bewegungsdefizit bei Kindern

Marlenes Familie ist kein Einzelfall. Schon im April zeigten Wissenschaftler in einer Studie aus Italien, wie sich das Verhalten der Kinder während des pandemiebedingten Lockdowns verändert hatte. Ohnehin schon adipöse Kinder ernährten sich deutlich schlechter, verbrachten mehr Zeit vor Bildschirmen und bewegten sich weniger.

Noch gibt es keine Zahlen aus Deutschland, die die Gewichtszunahme bei Kindern eindeutig belegen. Doch neben den Erfahrungen aus Kinderarztpraxen und Co. sprechen auch andere Forschungsergebnisse für eine steigende Zahl übergewichtiger Kinder. Gerade in der Lockdown-Zeit fehlten den allermeisten Kindern feste Strukturen durch Kita, Schule und Vereine, wie ganz aktuell die exklusiv vom RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) veröffentlichte Studie “Homeschooling und Gesundheit 2020” der pronova BKK zeigt. Fast 60 Prozent der 150 befragten niedergelassenen Kinderärztinnen und Kinderärzte sagten, die Kinder hätten während des Lockdowns zu wenig Sport betrieben.

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Ebenfalls exklusiv sind auch die ersten, vorläufigen Erkenntnisse aus einer Studie am Universitätsklinikum Münster, die sich mit der Bewegung von Kindern und Jugendlichen in Zeiten von Kontaktbeschränkungen befasst. In dieser Studie haben Dr. Manuel Föcker und Dr. Matthias Marckhoff 1060 Kinder und Jugendliche aus dem Regierungsbezirk Münster unter anderem zu Bewegung, Essverhalten und Bildschirmzeiten befragt. “Die ersten Ergebnisse deuten darauf hin, dass in der Lockdownphase die Bewegung zurückgegangen ist und sich die Bildschirmzeit deutlich erhöht hat”, so Marckhoff. Die Wissenschaftler konnten außerdem Hinweise darauf finden, dass psychische Probleme, die schon vor dem Lockdown auftraten, einen Bewegungsmangel und einen steigenden Medienkonsum begünstigen können.

Langzeitfolgen durch Corona-Pfunde nicht ausgeschlossen

Vor allem die Kinder, die ohnehin schon wenig Bewegung haben oder viel Zeit mit Medienkonsum verbringen, scheinen in der Lockdown-Phase besonders gefährdet zu sein. “Wir haben einige Kinder, die gut durch die Zeit gekommen sind. Sorgen machen wir uns vor allem um die Extremgruppen”, sagt Marckhoff. Angesichts der überdurchschnittlich gut situierten Studienteilnehmer sei zu befürchten, dass es andernorts sogar noch schlechter aussehen könnte. Marckhoff: “Viele Kinder und Jugendliche aus unserer Studie hatten gute Chancen, es gut durchzustehen. Fast 80 Prozent hatten zum Beispiel eigene Gärten. Und trotzdem konnten wir diese Effekte messen.”

Dass sich Kinder in der Zeit der Kontaktbeschränkungen weniger bewegten, verwundert nicht — schließlich waren Schulen, Kitas und Spielplätze geschlossen; Kinder im öffentlichen Raum oft gar nicht erst erwünscht und zu Hause oft sich selbst überlassen. Ergebnisse allerdings, die Grund zur Sorge geben. Sollte sich bestätigen, dass viele Kinder in der Corona-Krise tatsächlich deutlich an Gewicht zugenommen haben, könnte dies schwerwiegende Langzeitfolgen haben. Viele adipöse Kinder leiden im Erwachsenenalter an kardiovaskulären Erkrankungen wie Bluthochdruck, oder auch an Insulinresistenzen, Depressionen oder Angsterkrankungen. Ein Risiko, mit dem schon vor Corona bereits 15 Prozent der Kinder in Deutschland aufgrund ihres Übergewichts lebten.

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Viele Sportangebote fehlen weiterhin

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Und mit dem Ende des Lockdowns sind die Probleme nicht verschwunden: Zwar fahren einige Kinder wieder mit dem Fahrrad zur Schule oder spielen Fußball auf dem Bolzplatz – doch Sportunterricht, Schwimmen oder Vereinssport findet vielerorts aufgrund der Hygieneauflagen immer noch nur eingeschränkt statt. Oder auch gar nicht. “Sonst gehen die Kinder gerne schwimmen, das war diesen Sommer aber hier gar nicht möglich”, erzählt die 44-jährige Mutter. “Und jetzt sind zwar die Schulen wieder offen, auf dem Schulhof haben die Kinder aber nur einen kleinen Bereich, in dem sie sich aufhalten können. Und die Große hat gar keinen Sportunterricht.”

Dass Bewegungsangebote unter Pandemiebedingungen anzubieten eine Herausforderung ist, weiß auch Dr. Burkhard Rodeck, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. “Das oberste Ziel, nämlich die Pandemie einzudämmen, ist nicht infrage zu stellen”, sagt der Mediziner. “Die Frage aber ist, unter welchen Bedingungen sind welche Maßnahmen sinnvoll und zumutbar.”

Rodeck verweist dabei auf den Maßnahmenkatalog, den der Dachverband der kinder- und jugendmedizinischen Fachgesellschaften erarbeitet hat und einen Stufenplan vorsieht. Es komme auf das regionale Infektionsgeschehen an, was sich über die sogenannte Inzidenz, also die Anzahl der Neuinfektionen (Mittelwert) der letzten sieben Tage pro 100.000 Einwohner ablesen lasse. “Grundsätzlich ist Sportunterricht möglich, auch in der Halle”, so der Mediziner. Erst ab einer Inzidenz von 50 und mehr neuen Fällen sollte laut Dachverband auf Sportunterricht verzichtet werden.

Fehlende Struktur kann sich negativ auswirken

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Dabei ist der Sportunterricht nur ein Baustein. “Das Entscheidende ist die Alltagsbewegung”, sagt Dr. Barbara Dieris. Die Psychologin leitet das Programm “Obeldicks” für übergewichtige Kinder an der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln. Fahrrad fahren, draußen spielen, so wenig Zeit wie möglich im Sitzen verbringen, das bräuchten Kinder am meisten. Und das fällt auch jetzt noch vielen schwer. “Nicht bei allen, aber doch bei vielen Kindern in unserem Programm ist das Gewicht während der Corona-Zeit noch mal massiv angestiegen”, so Dieris.

Ähnliche Erfahrungen hat auch Christine Joisten gemacht. Die Professorin begleitet an der Sporthochschule Köln ebenfalls übergewichtige Kinder. Kurz vor dem Lockdown und dann drei Monate später standen die Kinder auf der Waage — mit sehr eindrucksvollen Ergebnissen. “Die Spanne ist enorm”, sagt Joisten. Ein Junge habe in der Zeit tatsächlich sein Normalgewicht erreicht. Ein anderer dagegen hat innerhalb der drei Monate weitere acht Kilogramm zugenommen.

Die Gründe für die Zunahmen seien vielfältig, unterstreicht Psychologin Dieris. Vor allem aber die fehlende Struktur in der Lockdownphase habe den Familien zugesetzt. Die brauche es aber besonders, um schlechte Ess- und Bewegungsgewohnheiten zu verändern.

Überflüssige Kilos müssen bei Kindern langsam runter

Zwar sorgt die Schule nun wieder für eine gewisse Struktur in Marlenes Familie, doch genau diese Gewohnheiten, die sich bei ihren Kindern seit Beginn der Corona-Krise in den Alltag geschlichen haben, machen Mutter Marlene Sorgen: “Ich merke schon, dass die Kinder träger geworden sind.” Der Garten wird kaum noch bespielt. Raus gehen die Kinder nur dann, wenn Freunde sie danach fragen. Neben zwei Vollzeitjobs schauen die Eltern nun, wie sie die Kinder wieder vom Sofa hochbekommen. “Das versuche ich vor allem über die Ernährung. Ich biete den Kindern Gemüse oder Nüsse an. Was zu naschen kaufe ich nicht mehr.” Klar ist: Die Familie muss einen langen Atem haben. Auch wenn es nur drei, vier Kilo sind – so schnell, wie sie gekommen sind, werden sie nicht wieder verschwinden.

Verändern Familien jetzt wieder ihre Gewohnheiten, könnte es sechs Monate bis ein Jahr dauern, um sechs, sieben überschüssigen Pfunde zu verlieren, vermutet Professorin Joisten. Gleichzeitig weist sie darauf hin, dass Kinder nicht mehr als ein Kilogramm im Monat abnehmen sollten. Gerade bei jüngeren Kindern könnte man auch auf die Wachstumsschübe spekulieren. Wer sich vergewissern wolle, ob das eigene Kind noch im Normalgewicht liege, könne das zum Beispiel über den BMI-Rechner für Kinder der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter.

Joisten ist zuversichtlich, dass viele Familien das Gewicht der Kinder wieder in den Griff kriegen können. “Worum ich mir aber Sorgen mache sind die, die ohnehin schon mehr Probleme haben”, sagt Joisten. “In den Familien, in denen die Eltern überfordert sind oder gar nicht erst den Zugang zu Hilfsangeboten haben, wird es richtig schwierig. Da müssen wir noch deutlich besser hingucken.”

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