KBV-Chef Gassen: „Geradezu albern, jetzt von einer Impfpflicht zu sprechen“

  • Die Diskussion um eine Impfpflicht beim Pflegepersonal sei bei knappem Corona-Impfstoff komplett fehl am Platz, sagt Andreas Gassen, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV).
  • Es gehe vielmehr darum, ausreichend und geeignete Imfstoffmengen zu liefern.
  • Um die Impfgeschwindigkeit zu erhöhen, sollte den Vertragsärzten zufolge möglichst schnell in den Arztpraxen statt in Impfzentren geimpft werden.
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Andreas Gassen spricht sich gegen die von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder ins Spiel gebrachte Impfpflicht gegen Covid-19 bei Pflegepersonal aus. „In der aktuellen Situation ist es geradezu albern, jetzt von einer Impfpflicht zu sprechen, wenn wir in den nächsten Wochen nicht einmal für zehn Millionen Menschen Impfstoff zur Verfügung haben werden“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) bei einer Onlinepressekonferenz am Mittwoch.

Eine Impfpflicht sei ein überzogener Eingriff, der in Deutschland nicht nötig sein werde. Die Zahlen zeigten, dass die Impfbereitschaft in Deutschland derzeit relativ hoch sei. Da er davon ausgehe, dass es sowieso soweit kommen werde, dass irgendwann Nichtgeimpfte an bestimmten Dingen nicht mehr teilnehmen könnten – beispielsweise Reisen in Länder im Ausland –, würden sich sicherlich noch viele weitere Menschen freiwillig impfen lassen.

KBV-Vorstand: Corona-Impfungen möglichst schnell in die Arztpraxen verlagern

Es gehe vielmehr um mehr Tempo bei der Impfgeschwindigkeit in Deutschland. „Es mangelt nicht am Personal in den Impfzentren und mobilen Impfteams“, bekräftigte Gassen. Rund 36.000 Ärzte hätten sich inzwischen freiwillig gemeldet. Zusätzlich unterstützten auch Medizinstudierende und Ärzte im Ruhestand bei den Impfungen. Probleme sieht Gassen an anderer Stelle. „Impfzentren sind keine langfristige Lösung“, betonte der KBV-Vorsitzende. Die Impfungen müssten möglichst schnell dezentral in den Arztpraxen erfolgen. Dafür müsse aber überhaupt erst einmal ausreichend Impfstoff vorhanden sein und nachgeliefert werden.

Für die dezentrale Verlagerung in die Arztpraxen brauche es Impfstoffe, die keine aufwendige Lagerung und Kühlung bei minus 70 Grad erforderten, erläuterte Stephan Hofmeister, stellvertretender KBV-Vorstandsvorsitzender bei der Pressekonferenz. Die mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna benötigen bislang eine anspruchsvolle Kühlung. Das Mittel von Astra Zeneca hingegen kann den Herstellern zufolge auch länger bei Kühlschranktemperaturen gelagert werden – und könnte voraussichtlich Ende Januar in der EU zugelassen werden. Aus Sicht der Vertragsärzte sei es bei solchen Voraussetzungen dann kein Problem, in wenigen Wochen Millionen Menschen in den Arztpraxen durchzuimpfen – wie auch jedes Jahr bei Grippeimpfungen.

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Impftermine in den Bundesländern besser koordinieren

Ein weiterer Knackpunkt aus Sicht der KBV: Die derzeitige Impfterminvergabe auf Bundesländerebene. „Unsere große Sorge ist das Erwartungsmanagement“, sagte Hofmeister. Bis Ende März ließen sich in Deutschland Berechnungen zufolge maximal sechs Millionen Menschen mit zwölf Millionen Impfstoffdosen impfen. „Es macht keinen Sinn, jetzt alle Impftermine gleichzeitig zu vergeben“, so der stellvertretende KBV-Vorsitzende.

Das müsse auch so an die Menschen kommuniziert werden. Denn es mehrten sich Berichte über zusammengebrochene Leitungen unter der Telefonnummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes und in Callcentern auf Länderebene. „Wir haben Sorge, dass die große Nachfrage nach Impfungen die Telefonleitungen verstopfen könnte“, sagt Hofmeister. Die KBV übernehme unter dieser Nummer keine Vergabe konkreter Impftermine.

Keine Impftermine vereinbaren unter 116 117

Aktuell könnten unter der 116 117 rund 16.000 Informationsgespräche parallel geführt werden. Nun werde aufgestockt. Ab Ende nächster Woche seien 20.000 Gespräche möglich, ab Februar sei mit rund 40.000 zu rechnen. „Wir hatten seit Impfbeginn in der Spitze eine Million Anrufe am Tag“, berichtet Gassen. Allein am Dienstag habe es mehr als 8500 Gespräche gegeben. Das zeige, dass die Kommunikation ganz entscheidend sei.

„Die Organisation und Vergabe der Termine ist Sache der Länder“, stellte Gassen klar. Bei 16 Bundesländern gebe es relativ unterschiedliche Vorgehensweisen, was die Organisation nicht gerade erleichtere. „Wir können nur an die Länder appellieren, in abgestimmter Form vorzugehen.“ Es müsse dringend kommuniziert werden, welche Kohorten zuerst dran sind und wer zuerst wie Termine vereinbaren sollte. Bei noch überschaubaren Mengen müsse der KBV zufolge mehr Ordnung in das Impfmanagement gebracht werden.

Besserer Schutz von Risikogruppen – auch durch Impfungen

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Gassen begrüßt das Vorgehen, sich bei den Impfungen zunächst auf die über 80-Jährigen, Bewohner von Pflegeheimen und diejenigen, die sie betreuen, zu fokussieren. Die Todeszahlen in Deutschland seien unverändert erschreckend hoch, betonte Gassen. Bei den derzeitigen Infektionszahlen sei zudem davon auszugehen, dass über Weihnachten und Neujahr viele Infizierte durchgerutscht seien, sodass das eigentliche Infektionsgeschehen wahrscheinlich stärker ausfalle, als es die sowieso schon sehr betrüblichen Zahlen zeigten. Die Pandemie unter Kontrolle zu bringen, sei bisher noch nicht gelungen.

Die Infektionszahlen aus der Gesamtbevölkerung bildeten zudem nur einen Teil der Wahrheit ab. „Es ist doch die Frage: Wo spielt sich denn die Inzidenz ab?“, so Gassen. Es erkrankten nach wie vor schwerpunktmäßig die Alten – vor allem die über 80-Jährigen –, die dann auch wahrscheinlicher schwer krank werden und bei denen die Sterblichkeit dramatisch hoch liege. „Deshalb bleibt es wichtig, sich bei Schutzmaßnahmen vermehrt auf diese Gruppen zu fokussieren“, betonte Gassen. „Gelingt das nicht, muss man hohe Todeszahlen konstatieren.“

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