Corona ist nicht weg: Eine Zwischenbilanz nach sechs Virusmonaten

  • Ein unsichtbarer Erreger hat die Welt seit seinem Auftauchen fest im Griff.
  • Sechs Monate ist es her, seit das Virus Sars-CoV-2 zum ersten Mal auftauchte.
  • Wo stehen wir gerade? Der Versuch einer vorläufigen Einordnung der Pandemie.
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Die Welt steht Kopf. Spätestens seit Mitte März, als WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus die Ausbreitung des Coronavirus offiziell zur Pandemie erklärt hat. Ende Juni 2020 könnte man meinen, Begriffe wie Hotspot, Lockdown, Maskenpflicht, R-Wert, Lockerungen, Superspreading und Homeoffice gehörten schon immer ganz selbstverständlich zum Alltag.

Verschwinden wird das neu erlernte Vokabular vorerst nicht. Wobei, wer weiß. Es liegt in der Natur der Pandemie, dass deren Verlauf unvorhersehbar ist. Deutschlands oberste Gesundheitsbehörde, das Robert Koch-Institut, würde sagen: sehr dynamisch. Aber egal wie die Krise weiter verläuft: Klar ist, dass das erste Halbjahr 2020 in die Geschichte der Menschheit eingeht. Sars-CoV-2 hat enorme Auswirkungen auf alle Lebensbereiche – und auf unabsehbare Zeit wird es in der Welt bleiben.

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Wie ging das mit Corona nochmal los?

Anfang Dezember 2019 wurde erstmals über Menschen berichtet, die an einer als mysteriös und rätselhaft betitelten neuartigen Lungenkrankheit litten. Der Erreger wurde auf einem Wildtiermarkt im chinesischen Wuhan lokalisiert. Mit Blick auf die Gensequenz des Virus stellten Wissenschaftler schnell Ähnlichkeiten zum Sars-Coronavirus her, das bereits 2002 für eine Pandemie mit rund 9000 Infizierten weltweit verantwortlich war.

Die Gefahr, die nun von diesem neuen Erreger ausging, haben Forscher schnell erkannt. Der auf Coronaviren spezialisierte Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité warnte bereits im Januar gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland: “Ich als Wissenschaftler gehe von einer realistischen Pandemiegefahr aus. Es würde mich nicht wundern, wenn es dazu käme, dass sich das nicht mehr aufhalten lässt.”

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Chronologie des Coronavirus
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Der Beginn des verheerenden Coronavirus war vermutlich ein Tiermarkt in Wuhan/China. In nur wenigen Wochen erreichte das Virus auch Europa.  © Saskia Bücker/RND

Recht sollte Christian Drosten behalten. Nur wenig später wurde er neben RKI-Chef Lothar Wieler als einer von Deutschlands prominenten Pandemiekommunikatoren aus der Wissenschaft bekannt. Mitte Januar wurde das Virus zum ersten Mal außerhalb Chinas nachgewiesen. Bis Ende Januar gelangte es nach Europa. In Deutschland wurde ein erster Fall bei der bayerischen Firma Webasto bekannt. Und Mitte Februar erhielt das Virus schließlich einen Namen: Sars-CoV-2. Die dadurch ausgelöste Krankheit, vorerst gekennzeichnet durch den Befall der Lunge, bekam den Titel Covid-19.

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Mit weltweit rapide steigenden Infektionszahlen zeigte sich die Stärke des neuen Erregers: Seine Geschwindigkeit, mit der er sich vorwiegend über Tröpfchen und Aerosole von Mensch zu Mensch überträgt. Es ist eben kein “normales” Grippevirus – saisonal, regional, bald auch schon wieder vorbei. Unter dem Schlagwort “Lockdown” haben deshalb Politiker überall auf der Welt auf die Bremse gedrückt. China hat auf beispiellose Weise gezeigt, dass das Herunterfahren des gesamten öffentlichen Lebens das exponenzielle Wachstum der Fallzahlen stoppen kann – aber nur, wenn alle mitmachen. Quarantäne, Ausgangsbeschränkungen, Reiseverbote: Die drastischen Maßnahmen zum Abflachen der Infektionskurve haben die Bürgerrechte mit einem Schlag stark einschränkt - und auch zu Protesten geführt.

Und sechs Monate später?

Inzwischen ist Sars-CoV-2 in 188 Ländern angekommen – und verbreitet sich immer weiter. Die Eindämmungsmaßnahmen haben in vielen Ländern zu einem Abflachen der Kurve beigetragen. Trotzdem: Ende Juni haben bereits mehr als zehn Millionen Menschen eine Corona-Infektion durchgemacht. Mehr als eine halbe Million Todesfälle durch Covid-19 wurden an Gesundheitsbehörden auf der ganzen Welt gemeldet. Schätzungen zufolge gelten rund 5 Millionen Menschen als genesen. Die Statistiken – die interaktive Karte der Johns Hopkins Universität ist besonders beliebt – sind aber mit Vorsicht zu genießen. In den Ländern wird unterschiedlich stark getestet, auch bei der Erfassung von Todesfällen gibt es Unterschiede.

Großbritannien, Italien, Spanien und Russland sind – Stand Ende Juni – die am stärksten betroffenen Länder auf dem europäischen Kontinent, was die Zahl der Infizierten und Todesfälle anbelangt. In den USA, Brasilien und Indien beschleunigt sich das Infektionsgeschehen derzeit besonders stark, die Epidemie scheint dort nicht mehr unter Kontrolle, die Gesundheitssysteme sind regional am Limit.

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Ist die Pandemie bald vorbei oder kommt eine zweite Welle?

Virologen warnen davor, die Erfolge der Eindämmung des Coronavirus in Deutschland aufs Spiel zu setzen - und eine zweite Infektionswelle zu riskieren. © Quelle: GGGraphics/shutterstock

Die Welt hat gelernt, dass sich das Virus ohne Impfstoff und Medikamente immer weiter verbreitet. Von einer sogenannten Herdenimmunität sind wir weit entfernt. Die Coronavirus-Pandemie ist trotz Entspannung im Mai und Juni – weniger Neuinfektionen infolge strikter Maßnahmen und Lockerungen – noch lange nicht vorbei. Laut Weltgesundheitsorganisation ist das Gegenteil der Fall. “Die Pandemie beschleunigt sich”, betonte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus mehrfach. Die Welt sei nun in einer neuen und gefährlichen Phase. “Viele Menschen haben verständlicherweise die Nase voll davon, zu Hause zu sein. Länder wollen verständlicherweise Wirtschaft und Gesellschaftsleben wieder öffnen. Aber das Virus verbreitet sich schnell, es ist immer noch tödlich und die meisten Menschen können sich immer noch infizieren.”

In Europa klappt der Sommerurlaub auf einmal doch, Kneipen sind wieder auf, Kirchen öffnen ihre Pforten für Gottesdienste. Die große Frage: Lockern wir zu voreilig? “Wir sind momentan nicht in der Lage, die Dynamik des Ausbruchs zu prognostizieren”, sagt der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler. In Ländern, in denen das Virus als eingedämmt galt, mehren sich seit Juni erneut Ausbrüche. Etwa in Südkoreas Hauptstadt Seoul, im chinesischen Peking, im Iran, in Neuseeland. Auch in Deutschland gibt es derzeit große lokale Ausbrüche, die ein Hinweis darauf sein können, dass das Virus wieder kursiert. Superspreading-Hotspots schlechthin: Gottesdienste, Partys, Wohnblöcke – und immer wieder Schlachthöfe. Virologen vermuten deshalb, dass sich das Virus bei Kälte besonders gut überträgt, weswegen sie mit Sorge auf die kältere Jahreszeit blicken.

Wie sieht der Schlachtplan im Kampf gegen Corona aus?

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Die vorläufige Formel für ein steigendes Ausbruchsrisiko fasst der Infektiologe Matthias Stoll von der Medizinischen Hochschule Hannover so zusammen: “Viele Menschen zusammen, für längere Zeit, in abgeschlossenen Räumen mit wenig Luftaustausch.” Er appelliert deshalb an die Vernunft jedes Einzelnen. Das Einmal-Eins der Virenbekämpfung kann inzwischen jeder herunterbeten: Körperkontakte weitestgehend meiden. Die goldenen anderthalb bis zwei Meter Mindestabstand halten, wo immer möglich. Vorsorglich eine Mund-Nasenbedeckung tragen. Regelmäßig Hände waschen. Auf mögliche Symptome achten – und sich im Zweifel lieber mittels PCR testen lassen. Mit Anruf vorab beim Hausarzt, versteht sich.

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So funktioniert die neue Corona-Warn-App
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Die offizielle Corona-App ist in Deutschland an den Start gegangen. Sie soll im Kampf gegen Covid-19 beitragen und Nutzern mögliche Risiken aufzeigen.  © Saskia Bücker/RND

Zuversichtlich stimmt auch, dass, sollte es in Deutschland zu einem erneut starken Infektionsgeschehen mit hoher Beanspruchung des Gesundheitssystems kommen, alle etwas besser vorbereitet sind. Hausärzte und Kliniken kennen das Virus und Schutzmaßnahmen. Es gilt eine Mundschutzpflicht und großflächig PCR-Testkapazitäten. Es gibt eine Corona-Warn-App. Antikörpertest-Studien laufen, um den Grad der Durchseuchung in der Bevölkerung besser einschätzen zu können. Die Politik hat eine Notfallbremse beschlossen: Kommt es in einem Landkreis zu mehr als 50 Neuinfektionen innerhalb einer Woche, können Lockdown-Maßnahmen wieder in Kraft treten. Großveranstaltungen bleiben vorerst verboten.

Was wissen wir Neues über das Virus?

So kann man es sich vorstellen: das neuartige Coronavirus, Sars-CoV-2. © Quelle: Dirk Waem/BELGA/dpa

Am Anfang gingen Experten davon aus, das Virus löse meistens nur bei älteren Menschen eine schwere Lungenerkrankung aus, die Infektion verlaufe in überdurchschnittlich vielen Fällen mild bis unbemerkt. Inzwischen hat sich die Liste der Risikofaktoren für einen schweren Krankheitsverlauf erweitert: Bluthochdruck, Diabetes, geschwächtes Immunsystem, Rauchen, Kombinationen daraus und vieles mehr. Eine generelle Festlegung zur Einstufung in eine Risikogruppe sei nach derzeitigen Erkenntnissen nicht möglich, sagt das Robert Koch-Institut.

Ähnlich sieht es mit den Symptomen aus. Husten und Fieber gelten als Signale für eine Corona-Infektion. Der Virologe Hendrik Streeck von der Universität Bonn war schließlich einer der ersten, der auf ein weiteres Symptom aufmerksam machte: den Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn. Besonders tückisch: Wer infiziert ist, weist die höchste Infektiosität ein bis zwei Tage vor Symptombeginn auf. Wie lange jemand infektiös ist, kann bislang nur geschätzt werden – Daten gehen von fünf bis sieben Tage nach Symptombeginn aus.

Inzwischen ist auch klar, dass Covid-19 mehr als eine reine Lungenkrankheit ist. “Covid-19 kann sich in vielfältiger Weise und nicht nur in der Lunge, sondern auch in anderen Organsystemen manifestieren”, schreibt das RKI. Langsam zeichnet sich auch ein Bild möglicher Langzeitfolgen ab. Einige Patienten, die eigentlich als genesen gelten, klagen noch Wochen danach über Kopfschmerzen, Fieber, Abgeschlagenheit, Atemnot. Derzeit gehen Experten davon aus, dass genesene Patienten nur ein geringes Risiko haben, ein zweites Mal an Covid-19 zu erkranken. Erste Studien haben gezeigt, dass Personen nach durchgemachter Infektion spezifische Antikörper entwickeln. Unklar ist jedoch noch, wie robust und dauerhaft ein Immunstatus aufgebaut wird und ob es von Mensch zu Mensch Unterschiede gibt.

Gibt es inzwischen Medikamente gegen Covid-19?

Die Virologin und Impfstoffforscherin Marylyn Addo vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf blickt optimistisch auf die kommenden Monate. Sie hält es für möglich, das Virus bald pharmakologisch ausbremsen zu können. Auf ihren Stationen fanden mehrere Medikamentenstudien statt. Großer Hoffnungsträger ist der Wirkstoff Remdesivir, der ursprünglich zum Kampf gegen Ebolaviren entwickelt wurde und bereits in den USA und Japan eine Sonderzulassung hat.

Das Präparat hatte in einer Studie die Behandlungsdauer der Patienten im Krankenhaus um einige Tage verkürzt. Ob es auch die Sterblichkeit senkt, ist derzeit offen. Die Europäische Arzneimittelagentur EMA hat bereits grünes Licht zur Corona-Therapie in der EU gegeben. Auch der Entzündungshemmer Dexamethason stimmt hoffnungsvoll. Laut einer Studie der britischen Universität Oxford kann der Wirkstoff die Sterberate von Schwerkranken und künstlich beatmeten Covid-19-Patienten um bis zu einem Drittel senken. Die Auswertung unabhängiger Gutachter steht aber noch aus.

Wann kommt ein Impfstoff gegen Corona?

Ein Mann pipettiert in einem Labor des biopharmazeutischen Unternehmens Curevac eine blaue Flüssigkeit. © Quelle: Sebastian Gollnow/dpa

Die Suche nach einem Impfstoff läuft so schnell wie noch nie zuvor. Bis Ende des Jahres könnten nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein oder zwei Impfstoffe gegen das Coronavirus vorliegen. Üblicherweise dauert die Entwicklung rund zehn bis fünfzehn Jahre. Nach nur einem halben Jahr gibt es weltweit inzwischen aber bereits mindestens 130 Forschungsprojekte. Die WHO hat in einer Liste (Stand: 29. Juni) siebzehn aussichtsreichere Impfstoffkandidaten ausgemacht, die sich bereits in klinischer Evaluation befinden. Das heißt, sie werden bereits an Menschen getestet.

Der absolute Rekord für die Entwicklung eines Impfstoffs waren laut dem Impfstoffforscher Carlos A. Guzman vom Helmholtz-Institut in Braunschweig vier Jahre. Derzeitige Pläne gingen davon aus, dass es in der zweiten Jahreshälfte 2021 ausreichend Impfdosen gibt. “Das ist ohne Beispiel und nur durch die außergewöhnliche internationale Zusammenarbeit sowie die Mobilisierung enormer Ressourcen möglich”, betont der Wissenschaftler. Es sei denkbar, dass kein Impfstoff gegen Corona entwickelt werden könne. Aber die ersten positiven Ergebnisse und die Vielzahl an Impfstoffentwicklungen machten Hoffnung.


In Deutschland hat das Mainzer Unternehmen Biontech im April die Genehmigung für eine klinische Studie erhalten, im Juni folgte das Tübinger Unternehmen Curevac. Am weitesten fortgeschritten ist bislang der an der britischen Universität Oxford entwickelte Impfstoff AZD1222. Die Bundesregierung erklärte, es werde keine generelle Impfpflicht in Deutschland geben. “Bei Covid-19 gehe ich aber davon aus, dass es eine insgesamt hohe Impfbereitschaft geben wird”, prognostiziert die Medizinhistorikerin Karen Nolte. “Es gibt bei dieser Infektionskrankheit weltweit eine konkrete Bedrohung”.

Neben der Bereitschaft in der Bevölkerung stelle sich aber auch die Frage, wie es zu organisieren ist, dass alle Menschen geimpft werden. “Es wäre schon eine ordentliche logistische Leistung, einen Impfstoff für 80 Millionen Menschen allein in Deutschland zur Verfügung zu stellen”, sagt die die Forscherin der Universität Heidelberg und erinnert an das Vorgehen bei der Hongkong-Grippe von 1968. Damals seien erst Ärzte, Pfleger, Erzieher und bestimmte Risikopatienten an der Reihe gewesen.


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