Vier Bundesländer preschen vor

Ende der Isolationspflicht: Droht jetzt wieder ein Anstieg der Corona-Fallzahlen?

Eine Frau geht morgens durch die nahzu menschenleere Frankfurter Innenstadt.

Corona-Infizierte können in vier Bundesländern bald trotz positiven Tests vor die Tür und zur Arbeit oder zur Schule gehen.

„Wir läuten eine neue Phase im Umgang mit der Pandemie ein“, machte Manne Lucha deutlich. Er ist Gesundheitsminister von Baden-Württemberg. „Es ist Zeit, den Menschen wieder mehr Eigenverantwortung zu übertragen.“ Was er damit meint, ist: Künftig entscheiden Corona-Infizierte selbst, ob sie sich zu Hause isolieren oder nicht. Eine verpflichtende Isolation gibt es ab Mittwoch im drittgrößten deutschen Bundesland nicht mehr. Auch Bayern, Hessen und Schleswig-Holstein gehen diesen Schritt.

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„Die Entscheidung bedeutet nicht, dass wir dem Infektionsgeschehen freien Lauf lassen“, stellte Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek vergangenen Freitag in München klar. Wer positiv auf das Coronavirus getestet wird, müsse künftig außerhalb der eigenen Wohnung eine Maske aufsetzen. „Und natürlich gilt weiter der Grundsatz: Wer krank ist, bleibt zu Hause.“

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Kritik am Vorpreschen der vier Bundesländer kommt von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach: „Mit 1000 Corona-Toten pro Woche, am Vorabend einer Winterwelle mit neuen Varianten und einer zunehmenden Zahl von Beschäftigten mit #LongCovid macht Aufheben der Isolation keinen Sinn“, schrieb der SPD-Politiker vergangenen Freitag auf Twitter. Hat er recht? Wird das Ende der Insolationspflicht die Corona-Lage in Deutschland womöglich wieder verschärfen?

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Warum die Bundesländer die Isolationspflicht beenden wollen

Die Bundesländer führen gleich vier Argumente an, warum sie die Isolationspflicht aufheben wollen:

Erstens, ein Großteil der Menschen in Deutschland ist geimpft und/oder genesen, somit ist die Immunität in der Bevölkerung hoch. Zweitens, die aktuell dominierende Virusvariante Omikron verursacht seltener schwere Erkrankungen. Drittens, die kurzen Infektionswellen im Sommer und Herbst deuten darauf hin, dass der Erreger allmählich endemisch wird. Endemisch bedeutet, dass eine Krankheit in einer bestimmten Region oder Population mit relativ konstanter Erkrankungszahl dauerhaft auftritt. Und viertens, andere EU-Länder verzichten bereits auf die Isolationspflicht, ohne dass die Zahl der akuten Krankheitsfälle wesentlich zugenommen hat.

Vorreiter Österreich: keine Isolationspflicht, keine ernste Corona-Lage

Als Beispiel nennen die Bundesländer Österreich. Deutschlands Nachbar hatte im August die Isolationspflicht beendet. Dort können sich Corona-Infizierte frei bewegen, müssen außer Haus jedoch eine Maske tragen. Im Freien und bei einem Mindestabstand von zwei Metern entfällt die Maskenpflicht. Auch mit positivem Corona-Test zu arbeiten ist möglich – allerdings nur in Berufen, in denen eine Maske getragen werden kann.

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Deutlich verschärft hat sich die österreichische Corona-Lage durch den Strategiewechsel nicht. Nachdem die Isolationspflicht abgeschafft war, sank die Zahl der täglichen Neuinfektionen, wie die Daten der Johns-Hopkins-Universität zeigen. Ab Mitte September kam es dann zu einer Herbstwelle, die jedoch ähnlich kurz war wie die Welle in Deutschland. „Es hat keine messbare Auswirkung gegeben“, bestätigte auch Stephan Aberle, Virologe von der Medizinischen Universität Wien und stellvertretendes Mitglied der österreichischen Corona-Kommission, gegenüber dem RND. Es sei daher die richtige Entscheidung gewesen, die Isolationspflicht zu beenden.

Die Grafik zeigt den Verlauf der Corona-Neuinfektionen in Österreich.

Die Grafik zeigt den Verlauf der Corona-Neuinfektionen in Österreich.

Wissenschaft und Politik sind sich uneins

Derweil herrscht in Deutschland bei diesem Thema weiterhin Uneinigkeit. Zum einen in der Politik: Mehrere Bundesländer wie Niedersachsen, Brandenburg oder Bremen haben bereits erklärt, an der Isolationspflicht weiterhin festzuhalten. Es droht also bald ein noch löchriger Flickenteppich bei den Corona-Regeln. Zum anderen in der Wissenschaft: Eine klare, einheitliche Meinung dazu, ob nun Eigenverantwortung oder Pflicht das beste Mittel zur Pandemiebekämpfung ist, gibt es unter den Fachleuten nicht.

Für das Ende der Isolationspflicht spricht sich beispielsweise Clemens Wendtner aus. „Angesichts der geringen Krankheitsschwere mit überwiegend milden Verläufen unter der Omikron-Variante sowie einer inzwischen hohen Basisimmunität in der Bevölkerung ist es der richtige Schritt, die Isolationspflicht jetzt aufzuheben“, sagte der Chefarzt der Infektiologie in der München Klinik Schwabing. „Vulnerable Gruppen müssen jedoch weiterhin geschützt werden.“

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Rückendeckung bekommt Wendtner unter anderem von den Virologen Jonas Schmidt-Chanasit, Hendrik Streeck und Klaus Stöhr. „Ich finde diesen Vorschlag der vier Bundesländer aus medizinischer Sicht nachvollziehbar. Er ist in der aktuellen Pandemiesituation auch vertretbar“, sagte etwa Schmidt-Chanasit. „Man kommt mit der Regelung ‚Wer krank ist, bleibt zu Hause‘ gut durch die nächsten Wochen und Monate.“

Ciesek: Covid-19 ist nicht nur ein Schnupfen

Cihan Çelik sieht das Ende der Isolationspflicht dagegen kritisch. „Covid ist nicht mehr so gefährlich wie 2020 und wir wollen zu mehr ‚Empfehlungen‘ statt ‚Pflichten‘. Wir haben hier aber gerade erst erlebt, dass C19 (Covid-19, Anm. d. Red.) noch immer unsere stationären Kapazitäten an die Grenze bringen kann“, twitterte der Leiter der Sektion Pneumo­logie am Klinikum Darmstadt vergangene Woche. „Dazu ist durch ein pauschales Ende der Isolationspflicht ohne Berücksichtigung des individuellen Risikos der Schutz der Risikogruppen nicht gegeben. Und die waren in der letzten Welle besonders betroffen.“

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Die Frankfurter Virologin Sandra Ciesek betonte dazu bei Twitter: „Keine Isolationspflicht mehr zu haben bedeutet nicht, dass Covid-19 für jeden ab jetzt völlig harmlos und nur ein Schnupfen ist.“ Aus ihrer Sicht gibt es sowohl politische als auch gesellschaftliche Argumente, die für und gegen das Ende der Isolationspflicht sprächen.

Da noch unklar ist, wie sich das Infektionsgeschehen weiter entwickelt, riet auch Epidemiologe Timo UIrichs zur Vorsicht. Zwar würden die Fallzahlen gerade sinken, doch das sei kein Anlass dafür, Entwarnung zu geben. Zumal des Weiteren noch nicht absehbar sei, ob und welche neue Virusvariante sich in den kommenden Wochen durchsetzen könnte, und noch immer Menschen ungeimpft oder nur unzureichend gegen Covid-19 geimpft seien, darunter auch Risikogruppen wie Ältere. „Das alles sind Gründe genug, weiterhin vorsichtig zu agieren, um nicht wieder der epidemiologischen Entwicklung hinterherlaufen zu müssen wie in den beiden Saisons zuvor“, sagte Ulrichs gegenüber dem RND.

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Endet bald auch die Maskenpflicht?

Doch wie stehen eigentlich die Bürgerinnen und Bürger zu einem Ende der Isolationspflicht? Schließlich sind sie es, die von der Entscheidung der Politik betroffen sein werden. Der „ARD-Deutschland-Trend“ von Mitte Oktober war eindeutig: Mehr als die Hälfte der Befragten (69 Prozent) wollte die Maßnahme beibehalten. Nur 28 Prozent befürworteten ein Ende der Isolationspflicht. Ähnliche Ergebnisse lieferte eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa im Auftrag der Fernsehsender RTL und N-TV vor wenigen Tagen. Demnach gaben 66 Prozent der Teilnehmenden an, dass Regeln wie die Isolations- und Maskenpflicht bestehen bleiben sollten.

Allerdings könnte auch die Maskenpflicht bald ein Ende finden – zumindest in Schleswig-Holstein. Der Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) plant, die Regelung in Bussen und Bahnen nicht über das Jahresende hinaus zu verlängern. Dass sich alle anderen Bundesländer anschließen werden, ist mehr als fraglich. Somit könnte auch bei dieser Maßnahme bald kein breiter politischer Konsens mehr herrschen.

Ein Ende der Maskenpflicht würde es dem Virus noch leichter machen, sich zu verbreiten, meint Epidemiologe Ulrichs. Mehr Menschen könnten sich anstecken und an Covid-19 erkranken. „Unser Gesundheitswesen ist durch eine drohende parallele Grippe- und Erkältungswelle sowieso schon belastet, da wären krankenhauspflichtige Covid-19-Patienten zu viel“, sagte er. „Es wäre wünschenswert, wir blieben bei den milden Maßnahmen wie Isolation/Quarantäne sowie Maskenpflicht im ÖPNV (und weiteten Letztere noch auf alle öffentlichen Innenräume aus), als sie ohne Not einfach sein zu lassen!“

RND/mit Material der dpa

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