Leicht steigende Corona-Inzidenz: Macht die Delta-Variante den Sommer kaputt?

  • Die Corona-Infektions­zahlen steigen in manchen Bundesländern wieder leicht, anderswo stagnieren sie.
  • Und auch der R‑Wert klettert langsam wieder nach oben.
  • Es sei erneut mit exponentiellen Wachstumsraten zu rechnen, allerdings unter anderen Vorzeichen, sagt ein Epidemiologe.
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Berlin, Niedersachsen, Hamburg, Nordrhein-Westfalen, Saarland: In gleich mehreren Bundesländern wurde an diesem Dienstag eine leicht steigende Inzidenz gemeldet. Der minimale Anstieg geht von einem so niedrigen Niveau wie seit Monaten nicht mehr aus: Bundesweit liegt die Sieben-Tage-Inzidenz laut Robert Koch-Institut (RKI) an diesem Dienstag bei 5,1 (Vortag: 4,9; Vorwoche: 5,2). Sind das erste Signale für den Beginn einer Trendwende?

Denn auch eine weitere für die Beurteilung des Pandemie­geschehens wichtige Kennziffer ist in den vergangenen Tagen stetig nach oben geklettert: der R‑Wert, ein vom RKI berechneter Schätzwert, der Ausdruck des Gleichgewichts zwischen dem infektions­vermeidenden Verhalten der Bevölkerung und der Infektiosität des Virus selbst ist.

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„Der Sieben-Tage-R‑Wert liegt um 1, das heißt, die auf niedrigem Niveau befindliche Zahl der Fallmeldungen geht aktuell nicht weiter zurück“, heißt es dazu im RKI-Situationsbericht vom Montag (6. Juli). Rein rechnerisch steckt eine infizierte Person also im Schnitt ungefähr einen weiteren Menschen an. Die Kennziffer zeigt, wie effektiv die Maßnahmen in der Summe wirken, etwa durch Kontakt­beschränkungen, Masketragen, Kontakt­nachverfolgung, Abstandhalten, Impfungen. Und zwar in einem Zeitraum von vor etwa anderthalb bis zwei Wochen.

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Corona-Infektionen: Sieben-Tage-Inzidenz sinkt nicht weiter

Allerdings ist der Wert – gerade bei sehr niedrigen Fallzahlen – mit Unsicherheit behaftet. Er kann auch noch nach oben oder unten korrigiert werden. In den letzten Wochen seien Werte, die am Anfang einer Woche berichtet wurden, typischerweise leicht nach oben korrigiert und das reale Infektions­geschehen sei „leicht unterschätzt“ worden, heißt es im aktuellen Bericht. Heißt also auch: Dümpelt der R‑Wert weiter um 1, sinken die Inzidenzen nicht noch weiter. Und steigt er in den kommenden Tagen und Wochen noch weiter an, ist das ein Zeichen dafür, dass die Anzahl der Corona-Infektionen wieder zunimmt.

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Das zeigt auch der Verlauf der registrierten Infektionen über mehrere Monate. War zwischen Ende April und Mitte Juni 2021 laut RKI-Bericht noch „ein deutlicher Rückgang der Sieben-Tage-Inzidenz“ zu beobachten, stagnierten die Werte, wenngleich auf niedrigem Niveau, inzwischen wieder in allen Altersgruppen: in den höheren Altersgruppen um drei, in jüngeren Altersgruppen um zehn Infektionen auf 100.000 Personen. In der Altersgruppe der bis Vierjährigen liegt der Wert derzeit um 5. „Es lassen sich wieder mehr Infektionsketten nachvollziehen, aber Ausbrüche treten weiterhin auf“, berichtet das RKI.

Delta-Variante und Lockerungen: Geht das zusammen?

Dass mit einem Trend erneut steigender Infektionszahlen zu rechnen ist, halten Corona-Expertinnen und ‑Experten für ein realistisches Szenario. Das hat zwei Gründe: Zum einen breitet sich die weitaus ansteckendere Delta-Variante rasanter als zunächst angenommen in Deutschland aus. Statt im Herbst wird sie wahrscheinlich noch in den Sommer­monaten die Alpha-Variante weitgehend verdrängen. Schon jetzt gehen in deutschen Laboren knapp die Hälfte aller untersuchten Corona-Befunde auf die Delta-Variante zurück. Es sei damit zu rechnen, dass die in Indien entdeckte Mutante „mindestens die Hälfte aller Neuinfektionen ausmacht“, schrieb zuletzt auch das RKI mit Bezug auf die Woche bis 4. Juli.

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Zum anderen steigt die Wahrscheinlichkeit von erneut zunehmenden Infektionen durch die Lockerungen der bisherigen Maßnahmen – und weiterer zu erwartender. Die Reisesaison läuft, die Aufhebung der Maskenpflicht wird dieser Tage beispielsweise intensiv diskutiert, die Ausgestaltung des Unterrichts an Schulen nach den Ferien – und die Länder wollen wieder große Sport­veranstaltungen mit bis zu 25.000 Zuschauerinnen und Zuschauern zulassen. Dass gerade solche Großevents zu vermehrten Ansteckungen führen können, zeigt bereits die aktuell laufende Fußball-EM: Die europäische Gesundheits­behörde ECDC hat im Zusammenhang mit den Spielen bislang mehr als 2500 Corona-Infektionen gezählt.

Vierte Welle: Wegen der Corona-Impfungen anders als 2021

Entwickelt sich die erwartete vierte Infektions­welle, wird sich diese aber unter anderen Vorzeichen als noch im vergangenen Herbst bemerkbar machen. Viel hängt am eigenen Verhalten der Bevölkerung und am Fortschritt der Impfungen in den kommenden Wochen. „Es wird exponentielle Wachstumsraten von Neuinfizierten geben, allerdings verhältnismäßig wenige schwere Verläufe und Todesfälle“, erklärte der Epidemiologe Timo Ulrichs von der Akkon-Hochschule dem RND. „Aber absolut gesehen dann doch ziemlich viele, weil eben noch nicht ausreichend Menschen geimpft sind und weil die hohen Neuinfizierten­zahlen dann doch auch viele Krankheitsfälle nach sich ziehen werden.“

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Aktuell sind 39,3 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft, 56,8 Prozent haben eine erste Dosis erhalten (Stand 6. Juli). Laut RKI-Schätzungen müssten im Verlauf des Sommers mindestens 85 Prozent der Zwölf- bis 59-Jährigen und 90 Prozent der Senioren ab 60 Jahren vollständig geimpft sein. „Bei rechtzeitigem Erreichen dieser Impfquote scheint eine ausgeprägte vierte Welle im kommenden Herbst/Winter unwahrscheinlich“, heißt es in einem epidemiologischen Bulletin, das am Montag veröffentlicht wurde. Unter Annahme einer geringfügigen Reduktion des Kontaktverhaltens sollte es dann nicht mehr zu einem starken Anstieg der Anzahl von Covid-Patientinnen und ‑Patienten auf den Intensivstationen kommen.

Die Krankenhäuser werden also auch bei wieder steigenden Infektionszahlen weniger stark belastet werden als noch im Vorjahr. Auch mit einer so hohen Anzahl an Toten wie im Winter ist nicht zu rechnen. Zwar steigt mit der Ausbreitung der Delta-Variante die Wahrscheinlichkeit, dass sich auch vollständig Geimpfte noch mit dem Erreger infizieren können – und andere noch nicht Geimpfte oder erst mit einer Dosis Geschützte eher anstecken. Allerdings erkranken sie selbst in den allermeisten Fällen nicht mehr so stark, dass ein Krankenhaus­aufenthalt notwendig wird.

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