Inzidenzen im Sinkflug: Ist die vierte Corona-Welle schon vorbei?

  • Vor Inzidenzen von mehr als 400, im schlimmsten Fall sogar 800, hatten Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und Kanzleramtschef Helge Braun für den Herbst gewarnt.
  • Doch es sollte anders kommen: Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt derzeit bei 62,5 – Tendenz sinkend.
  • Diese positive Entwicklung überrascht selbst Corona-Expertinnen und -Experten.
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Mit alarmierenden Prognosen hatten sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) im Juli an die Öffentlichkeit gewandt. „Wenn sich Delta weiter so schnell verbreiten würde und wir keine enorm hohe Impfquote oder Verhaltensänderung dagegensetzen würden, hätten wir in nur neun Wochen eine Inzidenz von 850. Das entspräche 100.000 Neuinfektionen jeden Tag!“, hatte Braun im Gespräch mit der „Bild am Sonntag“ gewarnt. Auch Spahn hatte unter ähnlichen Voraussetzungen vor einer schwerwiegenden vierten Corona-Welle mit einer bundesweiten Sieben-Tage-Inzidenz von mehr als 400 im September gewarnt.

Eine „enorm hohe Impfquote“ kann Deutschland noch nicht vorweisen. Trotzdem liegt die Sieben-Tage-Inzidenz aktuell bei 62,5 und ist damit in den vergangenen zwei Wochen leicht zurückgegangen. „Was an möglichen Inzidenzen genannt wurde, war sicherlich der ‚Worst Case‘ in dem Sinne, dass quasi alle Beschränkungen wegfallen und niemand mehr Vorsicht walten lässt“, sagte Hajo Zeeb vom Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Das ist aber nicht so. Viele Menschen bleiben sehr aufmerksam und besorgt um ihre Gesundheit und die anderer.“

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Darum sinken die Infektionszahlen

Der Epidemiologe spricht von einem erfreulichen Verlauf des Infektionsgeschehens, der „durchaus anders ist, als man erwarten konnte“. Zwar ließ sich eine vierte Infektionswelle in den vergangenen Wochen nicht abwenden, dafür aber ein enormer Anstieg der Corona-Fallzahlen. Am Freitagmorgen meldete das RKI 9727 Neuinfektionen. Am Vortag sind es noch 10.696 gewesen, in der Vorwoche 11.022. Es kommt also insgesamt wieder zu weniger Infektionen.

Das RKI führt in seinem Wochenbericht vom 23. September gleich vier Gründe für die positive Entwicklung des Infektionsgeschehens an: Erstens geht der Sommerreiseverkehr zurück, zweitens werden weniger Infektionen im Rahmen des Schulanfangs diagnostiziert, drittens steigt die Impfquote weiter an, und viertens haben die Bundesländer in vielen Bereichen 2G‑ und 3G‑Regeln eingeführt.

Kekulé: An Corona-Maßnahmen weiter festhalten

Fachleute sprechen sich jedoch dafür aus, Maßnahmen wie die 2G‑ und 3G‑Regel vorerst weiter beizubehalten. „Wenn wir im Herbst komplett aufmachen, könnte das eine unkontrollierbare Infektionswelle auslösen“, mahnte etwa Alexander Kekulé, Direktor des Instituts für medizinische Mikrobiologie an der Universität Halle, im RND-Interview.

Problematisch sei zudem, dass sich die weitere Entwicklung der vierten Welle nur schwer vorhersagen lasse. „Gingen im vergangenen Jahr die Inzidenzen hoch, war weitgehend klar, wie viele Menschen erkranken und sterben. Jetzt ist die Analyse komplizierter. Es ist wirklich schwierig zu sagen, wie sich die Impfungen auf die Bettenbelegung in den Kliniken und die Sterblichkeit auswirken werden.“

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Intensivmediziner verzeichnen „Steady State“

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Bislang scheint die Impfquote einen positiven Effekt auf die Intensivbettenbelegung zu haben. Zurzeit müssen knapp 1500 Corona-Erkrankte intensivmedizinisch behandelt werden, wie aus den Zahlen der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) hervorgeht. Nachdem die Intensivfälle zeitgleich zu den Infektionszahlen gestiegen sind, zeichnet sich seit Anfang September ein leichtes Plateau ab.

Christian Karagiannidis, wissenschaftlicher Leiter des Divi-Intensivregisters, sprach am vergangenen Sonntag auf Twitter von einem „Steady State“ (auf deutsch: „stabiler Zustand“), der jedoch „regionale Differenzen“ aufweise. Während die Zahl der Corona-Intensivpatientinnen und -patienten im Saarland sichtlich zurückgeht, steigt sie etwa in Sachsen-Anhalt leicht an.

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Sorge bereiten Karagiannidis vor allem die 40‑ bis 60‑Jährigen. Ihr Anteil an der Intensivbelegung ist mit bis zu 24 Prozent vergleichsweise hoch. Sie sind zudem diejenigen, die momentan am häufigsten mit einer Corona-Erkrankung im Krankenhaus aufgenommen werden. Die Zahlen zur Hospitalisierung, die das RKI in seinem aktuellen Wochenbericht angibt, müssen aber mit Vorsicht interpretiert werden, wie die Behörde selbst schreibt: „Es muss beachtet werden, dass Fälle auch noch ein bis zwei Wochen nach der Diagnose hospitalisiert werden und mit entsprechenden Nachübermittlungen gerechnet werden muss.“

Impfquote muss weiter gesteigert werden

Wenn die Inzidenzen sinken, sich also weniger Menschen in Deutschland mit dem Coronavirus infizieren, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass bald auch die Hospitalisierungs- und Intensivzahlen zurückgehen. Damit wiederum weniger Infektionen auftreten, braucht es unter anderem eine hohe Impfquote.

Corona-Expertinnen und ‑Experten sind sich einig, dass die aktuell 67,6 Prozent Erstimpflinge und 63,7 Prozent vollständig Geimpften noch nicht ausreichen, um zu Vor-Corona-Verhältnissen zurückzukehren. „Aktuell kommen die Erstimpfungen nur im Schneckentempo voran“, monierte Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Und Epidemiologe Zeeb pflichtet bei: „Es darf nicht der Eindruck entstehen, die Nichtgeimpften könnten sich jetzt zurückhalten, weil genügend andere geimpft sind.“

Epidemiologe: Fallzahlen könnten noch einmal steigen

Tatsächlich sind 14 Prozent der über 60‑Jährigen – also rund 3,3 Millionen – noch nicht gegen Covid‑19 geimpft. „Wenn die sich diesen Winter infizieren, haben wir ein Problem“, sagte Watzl. Auch in den anderen Altersgruppen ist bei den Impfungen noch Luft nach oben: Bei den 18‑ bis 59‑Jährigen sind 30 Prozent (rund 13,7 Millionen) ungeimpft, bei den Zwölf‑ bis 17-Jährigen sind es 61 Prozent (circa 2,7 Millionen). Die hohe Rate an ungeimpften Kindern und Jugendlichen lässt sich dadurch erklären, dass ein Corona-Impfstoff für sie erst später zugelassen wurde.

Die Jüngeren sind derzeit diejenigen, die sich am häufigsten mit dem Coronavirus infizieren. Allein in der Altersgruppe der 10‑ bis 14‑Jährigen lag die Sieben-Tage-Inzidenz in der vergangenen Woche bei 196. Die gute Nachricht: Im Vergleich zur Vorwoche sind die Inzidenzen in fast allen Altersgruppen leicht gesunken, schreibt das RKI in seinem Wochenbericht.

Dass sich dieser Trend fortsetzt, ist allerdings nicht sicher. „Wir haben klar eine andere Situation als letztes Jahr, aber wenn wir eins gelernt haben, dann doch: Die Pandemie verläuft in Wellen, und die Höhepunkte der Wellen liegen eher in den kalten Jahreszeiten“, sagte Epidemiologe Zeeb. „Insofern ist es gute Vorsicht, damit zu rechnen, dass die Zahlen noch einmal ansteigen, oder aber – wie in Großbritannien – auf einem Niveau bleiben.“ Allerdings dürfte dieses Niveau in Deutschland niedriger ausfallen als im Inselstaat.

mit Material der dpa

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