Corona aufspüren: Was bringt ein Clustertagebuch für den Herbst?

  • Der Virologe Christian Drosten empfiehlt jedem Einzelnen, ein Tagebuch zu Situationen mit Ansteckungsgefahr zu führen.
  • Das könnte den Gesundheitsämtern bei der Kontaktnachverfolgung helfen.
  • Denn das Coronavirus verbreitet sich vor allem über Cluster.
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Wer hat sich wo, wie und bei wem mit dem Coronavirus angesteckt? Darum geht es bei der Kontaktnachverfolgung, die nach einer bestätigten Infektion die Gesundheitsämter übernehmen. Um Infektionsketten nachvollziehbarer und aufspürbar zu machen, empfiehlt der Virologe Christian Drosten deshalb jedem einzelnen, ein sogenanntes Clustertagebuch zu führen.

Die Zahl der Coronavirus-Neuinfektionen steigt, wie das Robert-Koch Institut (RKI) in seinem Situationsbericht (Stand: 1. Oktober) vermerkt. Auch die Ansteckungsrate (R-Wert) liegt seit der zweiten Septemberwoche über dem kritischen Wert von 1. Das Aufspüren von Infektionsketten wird also wichtiger – und jeder kann dabei mithelfen.

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Kontakte im Clustertagebuch aufschreiben

Neben der Corona-Warnapp gilt das Clustertagebuch laut Drosten als ein sinnvolles Instrument, das im Fall der Fälle dem Gesundheitsamt vorgelegt werden könnte. Dabei geht es darum, sich täglich aufzuschreiben, wann man sich in einer möglichen Clustersituation aufgehalten hat. Das können beispielsweise Alltagssituationen sein, in denen sich viele Menschen gleichzeitig bei infektiösen Personen angesteckt haben könnten, aber auch eine Notiz darüber, wen man an welchem Tag für wie lange und wo getroffen hat.

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Besonders heikel sind beispielsweise Familien- oder Hochzeitsfeier ohne Abstandsregeln, ein Treffen im Innenbereich eines Restaurants, eine Chorprobe oder religiösen Zeremonie, ein Hockeyspiel in der Halle, eine Versammlung im nicht gut gelüfteten Büro. Angaben, ob man drinnen oder draußen Kontakt hatte, eine Maske getragen hat, sind nützlich für die Gesundheitsämter.

“Diese Infektion verbreitet sich sehr stark in Clustern, das ist die Überdispersion”, erklärte Drosten im NDR Podcast. Es gebe zwar auch Einzelübertragungsketten, die würden dann aber wiederum die Cluster verbinden. Die Mobilität in der Bevölkerung, die durchschnittliche Reiseweite, die Größe der Haushalte, die Größe der Sozialsituationen – all das seien Einflussgrößen, so Drosten.

Was sind Cluster und Superspreadingevents?

Epidemiologen verstehen unter einem Cluster eine Häufung einzelner unerwarteter Erkrankungsfälle, die plötzlich zu einem Zeitpunkt an einem bestimmten Ort beobachtet werden und bei denen noch unklar ist, ob sie in einem Zusammenhang stehen. Stellt sich nach Untersuchung des Clusters raus, dass die Fälle zusammenhängen, sprechen Experten von einem Ausbruch. Stecken sich besonders viele Menschen an, ist von einem Superspreadingevent die Rede. “Superspreadingevents sind Ereignisse, bei denen eine infektiöse Person eine Anzahl an Menschen ansteckt, die deutlich über der durchschnittlichen Anzahl an Folgeinfektionen liegt”, erklärt das Robert-Koch-Institut in seinem Coronavirus-Steckbrief.

Das Erkennen solcher Cluster und das frühe Isolieren der Betroffenen erachten Virologen und Epidemiologen als essenziell, um eine weitere Ausbreitung des Virus zu vermeiden. Es geht dabei vor allem um Zeit: Eine Person, die Symptome entwickelt, ist laut RKI im Schnitt ab dem zweiten Tag vor Auftreten der ersten Anzeichen infektiös und bleibt es bis mindestens zehn Tage nach Symptombeginn. Rund zwanzig Prozent der Infizierten entwickeln, laut einer Übersichtsstudie aus Bern, keine Symptome, sind aber trotzdem infektiös.

Japan hat Erfolg mit Clusterstrategie

Die Idee mit so einer Clusterstrategie kommt aus Japan. Wenn es irgendwo einen lokalen Ausbruch gibt, verhängen die Gesundheitsbehörden dort sehr schnell eine lokale Quarantäne, alle werden danach getestet und erst dann wird entschieden, wer längerfristig in Quarantäne bleiben muss. “Damit ist man schneller als wenn man zuerst testet, auf das Ergebnis wartet, in der Zwischenzeit haben sich vielleicht neue angesteckt – und dann immer hinterherläuft”, erklärte die Virologin Ulrike Protzer Mitte Juli in einem Gespräch mit dem Bayerischen Rundfunk.

Den Fokus auf Cluster hat inzwischen auch das Robert-Koch-Institut in seiner Strategie zur Kontaktnachverfolgung aufgenommen: “Die Ermittlung eines schon bestätigten oder potentiellen Ausbruchsgeschehens hat Vorrang vor Einzelfällen”, heißt es auf der Homepage der Behörde.

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