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Stille Tragödie in Südkorea: Corona-Maßnahmen lassen Suizidrate steigen

  • Die Pandemie hat Südkorea in den Griff bekommen – auch wirtschaftlich.
  • Doch das Pandemiekrisenjahr hat vor allem junge Frauen getroffen.
  • Ihre Suizidrate ist in Südkorea teilweise um bis zu 40 Prozent angestiegen.
Fabian Kretschmer
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Auf den ersten Blick mutet Südkoreas Navigieren durch das Corona-Jahr wie eine beeindruckende Erfolgsgeschichte an: Epidemiologisch hat die Regierung mit Hilfe aggressiver Kontaktverfolgung von Infizierten die Pandemie weitgehend unter Kontrolle gebracht, weniger als 500 Personen sind bislang an Covid verstorben. Und auch wirtschaftlich hat das Land am Han-Fluss die Krise bereits überwunden, laut einer Prognose der OECD wird das Bruttoinlandsprodukts bis Jahresende nur einen moderaten Einbruch von einem Prozentbruch erleiden.

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Deutlich mehr Anrufe bei der Telefonseelsorge
1:24 min
Viele Menschen sind von ihren gewohnten Kontakten abgeschnitten und fühlen sich einsam.  © Reuters

Südkoreanerinnen in den Zwanzigern besonders betroffen

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Doch hinter den nüchternen Zahlen spielt sich in der Gesellschaft eine stille Tragödie ab, die von den Medien des Landes lange ignoriert wurde. Die Suizidrate, ohnehin eine der höchsten aller entwickelten Industrienationen, ist wieder am Steigen. Vor allem jedoch sind junge Frauen betroffen, die im Krisenjahr nur mehr den Tod als Ausweg sehen.

Ein Blick auf die Statistiken ist alarmierend: Von Januar bis August wurden über ein Drittel aller Suizidversuche von Südkoreanerinnen in ihren Zwanzigern begangen. Die Todesrate in jener Altersgruppe ist um Vergleich zum Vorjahr um knapp 40 Prozent angestiegen – so drastisch wie in keinem anderen Bevölkerungssegment. Mittlerweile wird das Thema in von vielen lokalen Medien als „stilles Massaker“ bezeichnet – weil die patriarchale Gesellschaft lange die Augen vor dem Leiden der wohl verletzlichsten Bevölkerungsgruppe verschlossen hat.

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„In unserer Gesellschaft sind männliche Arbeitskräfte noch immer die Hauptbeschäftigten. Frauen hingegen werden meist als überschüssige Hilfskräfte eingesetzt, die bei Bedarf arbeiten und jederzeit abgebaut werden können“, sagt Jang Sook-rang, Professorin der Chung-Ang Universität zu der linksgerichteten „Hankyoreh“-Zeitung: „Frauen sind also hauptsächlich in der Dienstleistungsbranche tätig, und diese ist durch Corona am stärksten betroffen“.

Tatsächlich haben im Krisenjahr 2020 bislang weit über 120.000 Frauen in ihren Zwanzigern ihre Arbeitsstelle verloren. Gleichzeitig fallen sie durch den ohnehin rudimentären Sozialstaat, der ausschließlich Hilfsmaßnahmen für jene Südkoreanerinnen vorsieht, die eine Familie gründen. Alleinstehende Frauen ohne Kinder wurden bislang stets ignoriert.

Südkorea beim Gender-Gap-Bericht auf Platz 108

Die koreanische Gesellschaft leidet bereits seit mehreren Jahrzehnten an einer der höchsten Suizidraten überhaupt. Die dahinterliegenden Gründe sind vielfältig, doch lässt sich die soziale Tragödie vor allem mit der rasanten Transformation nach dem Koreakrieg (1950 bis 1953) erklären. Wie im Zeitraffer durchlief Korea in drei Jahrzehnten den gleichen sozialen Wandel, für den europäische Staaten über ein Jahrhundert Zeit hatten. Während die traditionellen Familienstrukturen im Turbokapitalismus auseinanderbrachen, konnte das rudimentär entwickelte Sozialsystem diese Entwicklung nicht auffangen. Eine Mischung aus Leistungsdruck und Konkurrenzkampf, Vereinsamung und die Tabuisierung von psychischen Erkrankungen lassen für viele Koreaner nur mehr den Tod als Lösung erscheinen.

Gleichzeitig ist Südkorea nach wie vor eine hochpatriarchale Gesellschaft, die etwa beim Gender-Gap-Bericht des Weltwirtschaftsforum lediglich den 108. Platz von insgesamt 153 Nationen belegt. Kein anderes OECD-Land der Welt weist zudem ein höheres Lohngefälle zwischen Männern und Frauen auf. Die gläserne Decke ist in vielen koreanischen Unternehmen fest zementiert – dabei haben Frauen in Südkorea im Schnitt einen höheren Bildungsabschluss.

Für gesellschaftlichen Wandel könnte sorgen, dass viele junge Frauen nun die Thematik allmählich offen diskutieren – vor allem auf den sozialen Medien. Eine Nutzerin kommentiert das Problem etwa scharf pointiert: „In Südkoreas patriarchaler Gesellschaft ist Frauenfeindlichkeit und Diskriminierung eine erlernte Hilflosigkeit, die bereits mit der Kindheit beginnt.“

Haben Sie Suizidgedanken? Dann wenden Sie sich bitte an folgende Rufnummern:

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Telefonhotline (kostenfrei, 24 h), auch Auskunft über lokale Hilfsdienste:

(0800) 111 0 111 (ev.)

(0800) 111 0 222 (rk.)

(0800) 111 0 333 (für Kinder/Jugendliche)

E-Mail unter www.telefonseelsorge.de

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