Corona: Spaniens Behörden im Impfwettlauf mit den Inzidenzen

  • Die Corona-Infektionszahlen in Spanien steigen an wie nie zuvor.
  • Die Zahl der Geimpften allerdings nimmt ebenfalls rapide zu.
  • Ähnlich ambivalent ist die Lage im Land. Manche Spanier sind beunruhigt – manche ganz gelassen.
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Das spanische Gesundheitsministerium gibt jeden Abend zwei Berichte heraus. Einen über die Zahl der Covid-19-Infizierten. Einen zweiten über die Zahl der Geimpften. Beide Berichte sind dieser Tage ziemlich beeindruckend. Die Zahl der Infizierten explodiert gerade. Und die der Geimpften steigt mit täglich größeren Schritten.

Man kann daraus pessimistische Schlussfolgerungen ziehen, so wie der katalanische Seuchenexperte Oriol Mitjá: „Man hat wahrscheinlich gedacht, dass die Impfung als Schutzwall gegen steigende Infektionszahlen dient, aber die Welle geht gerade über ihn hinweg.“ Der andere Teil der Wahrheit ist, dass die Massenimpfung gegen das Coronavirus bisher verhindert hat, dass die Krankenhäuser mit Covid-Patienten überfüllt sind. Auch diese Zahlen steigen, aber nur langsam.

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Gut 90 Prozent aller über 40-Jährigen in Spanien hatten bis zum Dienstag mindestens eine Impfdosis erhalten, 76 Prozent von ihnen waren vollständig geimpft. Für die Älteren sind die Corona-Gefahren damit enorm gesunken. Ansteckungsgefährdet sind stattdessen vor allem die weitgehend noch ungeimpften Jüngeren. Während die Sieben-Tage-Inzidenz für alle Altersgruppen am Dienstag auf gut 258 geklettert war, erreichte sie bei den 20- bis 29-Jährigen den Wert von 1421. Und bei den 20- bis 29-Jährigen in Katalonien, der zurzeit meist betroffenen Region Spaniens, das sehr beeindruckende Niveau von 3311. Einer von 30 jungen Katalanen ist gerade an Covid-19 erkrankt. Die meisten merken davon nichts. Einige aber schon.

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Es ist ein Vorzug der Jugend, die Gefahren des Lebens gelassener zu nehmen als die älteren Generationen. Viele fühlen sich unverletzlich, erst recht, was dieses Virus angeht, das ja vor allem alte Leute getötet hat. Noch zu Zeiten der Ausgangssperren und -beschränkungen trafen sich hier und dort Studenten zu Ansteckungspartys. Jetzt, wo fast alle Beschränkungen aufgehoben sind und die Ferien angefangen haben, treffen sie sich erst recht. Eher nicht mit dem Ziel, sich anzustecken. Aber doch mit einer gewissen Unbekümmertheit: Sie lassen es drauf ankommen.

Sechs Todesopfer unter 40 Jahren in drei Wochen

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Das muss man ihnen nicht vorwerfen. Die Wahrscheinlichkeit für jeden Einzelnen von ihnen, einen schweren Krankheitsverlauf zu erleben, ist gering. Wenn sich aber, so wie jetzt, sehr viele von ihnen anstecken, gibt es auch häufiger dramatische Geschichten junger Covid-Kranker. In den drei Wochen vom 16. Juni bis zum 7. Juli starben in Spanien ein junger Mensch unter 20 Jahren, ein weiterer in der Altersgruppe zwischen 20 und 29 und vier weitere im Alter zwischen 30 und 39 an Covid.

Welche Verantwortung trägt der Staat für Erkrankte und Tote? Das ist der unausgesprochene Kern der Debatte, die gerade in Spanien über zu treffende oder nicht zu treffende Maßnahmen gegen die weitere Ausbreitung des Virus geführt wird. Die Krankenhäuser sind weit von einer Überlastung oder gar dem Kollaps wie im Frühjahr vergangenen Jahres entfernt. Manche Gesundheitszentren – die ersten Anlaufstellen für leicht Erkrankte – beginnen allerdings zu ächzen. Deswegen fühlen sich einige regionale Gesundheitsbehörden zum Handeln verpflichtet.

In der Mittelmeerregion Valencia gelten in einigen Orten wieder nächtliche Ausgangssperren; der Obere Gerichtshof der Region hat diese Entscheidung abgesegnet. Katalonien will dem Beispiel Valencias bald folgen. Schon jetzt müssen dort alle Betriebe mit Publikumsverkehr um halb eins am frühen Morgen schließen. Das ist im sommerlichen Spanien eine durchaus lästige Einschränkung.

Währenddessen geht die Impfkampagne mit Riesenschritten voran. Zwischen vorvergangenem und vergangenem Dienstag ist die Zahl der voll Geimpften um 2,6 Millionen gestiegen, das sind 5,5 Prozent der Bevölkerung. Wenn es so weitergeht, sind in gut vier Wochen 70 Prozent aller Spanier geimpft und in gut zehn Wochen – also Ende September – alle. Impfverweigerer gibt es im Lande nur wenige. Der starke Anstieg der Infektionszahlen wird viele kleine Dramen zur Folge haben. Aber das große Drama für das spanische Gesundheitssystem wird womöglich ausbleiben.

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