Steigende Infektionszahlen in Schweden: Selbst Tegnell hat Zweifel

  • Er gilt als die Stimme der Zuversicht in Schweden und als Verfechter eines anderen Umgangs mit Corona – der Wissenschaftler Anders Tegnell, der den Titel Staatsepidemiologe trägt.
  • Doch jetzt gibt sich Tegnell plötzlich als Mahner: Es deute sich an, dass Schweden auf dem Weg in die falsche Richtung sei, was die Pandemiebekämpfung angehe.
  • Auch andere schwedische Experten warnen vor der kalten Jahreszeit.
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Schweden hat seine Strategie, das Land während der Corona-Pandemie weitgehend frei von Restriktionen des öffentlichen Lebens zu halten, bisher stets verteidigt. Vor allem in Person von Anders Tegnell, dem Forscher mit dem schwungvollen Titel “Staatsepidemiologe”. Inzwischen hat Tegnell jedoch leise Zweifel angemeldet, ob der Weg denn immer noch der richtige sei. In Schweden, so Tegnell vergangene Woche im schwedischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, gehe die Entwicklung allmählich in die falsche Richtung.

Der Grund für seine öffentlichkeitswirksame Warnung liegt an dem erneuten Infektionsanstieg in dem skandinavischen Land. Mit Stand 29. September gab es in Schweden insgesamt 92.983 bestätigte Corona-Fälle. In der letzten Septemberwoche stiegen die täglichen Neuinfektionen auf bis zu 633 (25.09.). Am 29. September waren es immerhin 312.

Unterschiedliche Bevölkerungsdichte führt zu sehr unterschiedlichen Inzidenzen

Landesweit betrachtet lag die Region Jönköping in der 38. Kalenderwoche mit 164 Neuerkrankungen mit einer Inzidenz von 57 auf 100.000 Einwohner am höchsten. In der dicht besiedelten Region Stockholm gab es 539 Neuerkrankungen, was einer Inzidenz von 23 auf 100.000 Einwohnern entspricht. Zahlen, die durchaus mit Deutschland vergleichbar sind, wenngleich sich die 10,2 Millionen Schweden nicht so gleichmäßig auf die Gesamtfläche des Landes verteilen wie die 83,2 Millionen Deutschen. So kam die riesige Region Norrbotten (105.209 km²) in der Kalenderwoche 38 auf gerade einmal 15 Neuerkrankungen bei 250.093 Einwohnern, was einer Inzidenz von sechs entspricht.

Anders sieht es allerdings bei der aktuellen Gesamtzahl der Covid-19-Todesfälle aus. Da liegt Schweden mit 5893 etwa gleich auf mit Italien, was die Sterbefälle pro 100.000 Einwohner angeht – und nur knapp hinter den Vereinigten Staaten.

Tegnell ruft zum Arbeit im Homeoffice auf

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Für den neuerlichen Anstieg der Zahlen macht Tegnell vor allem die vermehrte Rückkehr der Beschäftigten in ihre Betriebe verantwortlich. Allerdings schlagen die wieder ansteigenden Infektionszahlen nicht auf die Belegung der Intensivstationen durch. So wurden zwischen dem 21. September und dem 27. September nur sechs neue Covid-19-Patienten in den Intensivstationen des Landes gezählt. Dennoch ruft Tegnell seine Landsleute auf, so zahlreich es eben gehe im Homeoffice zu arbeiten.

Schwedens Staatsepidemiologe Anders Tegnell während einer Pressekonferenz Ende September in Stockholm. © Quelle: imago images/TT

In einem Interview mit der Zeitung “Dagens Nyheter” (DN) setzt Tegnell die vergleichsweise hohe Sterblichkeit in Schweden in Verbindung mit der Häufigkeit von Grippefällen. “Was wir jetzt sehen ist, dass Länder, die in den vergangenen zwei, drei Jahren eine extrem geringe Influenza-Sterblichkeit hatten, eine gewaltig hohe Übersterblichkeit bei Covid-19 aufweisen. Die Länder hingegen, die eine hohe Grippesterblichkeit in den vergangenen beiden Wintern aufzuweisen hatten, wie etwa Norwegen, haben eine sehr geringe Covid-19-Sterblichkeitsrate. Diese Tendenz gilt in vielen Ländern. Vielleicht ist das nicht die einzige Erklärung, aber doch ein entscheidender Teil”, so Tegnell zu “DN”.

Niklas Arnberg, Professor für Virologie an der Universität Umeå, warnt unterdessen vor der anstehenden kalten “Dass jetzt Herbst und Winter vor der Türe stehen, ist ein Faktor, der uns in eine schlechtere Lage versetzt als im Frühjahr, als die Pandemie zu uns kam”, sagte Arnberg der Zeitung “Aftonbladet”. “Uns steht unausweichlich eine lange Periode mit Wetter und Verhältnissen bevor, die eine Ausbreitung des Virus begünstigen.”

“Es kann sein, dass wir wieder ein Besuchsverbot einführen müssen”

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In dem Zusammenhang reagiert Arnberg erstaunt auf die Tatsache, dass jüngst die Besuchsbeschränkungen für Seniorenheime aufgehoben wurden. Denn es waren in Schweden vor allem die Seniorenwohnanlagen, in denen das Virus wütete. “Ich möchte nicht sagen, dass das eine Fehlentscheidung war”, so Arnberg zum “Aftonbladet”, “aber die Nachricht hat mich schon überrascht. Sollte die Verbreitung des Virus wieder zunehmen – und so sieht es derzeit aus – kann es sein, dass wir wieder ein Besuchsverbot einführen müssen.” Arnberg rechnet sowohl mit Infektions-Clustern als auch einer allgemein flächigen Wiederausbreitung des Covid-19-Virus in Schweden.

In einem Punkt allerdings ist auch Arnberg eher optimistisch. “Wir haben eine ganze Anzahl an Werkzeugen zur Hand, die uns in eine bessere Lage versetzen als im Frühjahr. Das betrifft die Testkapazitäten, das Infektions-Tracking, bessere Behandlungsmöglichkeiten für Erkrankte und einen besseren Schutz von Risikogruppen.”

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